Investieren bei negativen Realzinsen

Investieren im Spannungsfeld negativer Realzinsen

Dank der Impfstarts hat sich das Marktumfeld zuletzt aufgehellt – der Optimismus an den Börsen wächst. Doch selbst wenn sich die Konjunktur im Jahresverlauf erholt: Starke Zinsanstiege sind nicht in Sicht. Konservative Rentenpapiere verlieren im Umfeld negativer Realrenditen. Und wer gewinnt?

Die Corona-Krise hat Konjunktur und Kapitalmärkte hart getroffen. Es war der Verdienst eines entschlossenen geld- und fiskalpolitischen Vorgehens rund um den Globus, dass die Einbrüche nicht noch höher ausfielen. An die Stelle der unmittelbaren Krisenbekämpfung rückte nach und nach die Wachstumsförderung mithilfe einer immer expansiveren Geldpolitik der großen Notenbanken. Oft tauchte in diesem Zuge die Frage auf, was einen „angemessenen“ Zentralbankkurs eigentlich auszeichnet. Denn: Die Hilfen in Form von Anleiheankäufen, Zinssenkungen und Tendergeschäften geschahen vor dem Hintergrund von seit geraumer Zeit niedriger Inflationsraten. Unter Ökonomen wird daher schon lange darüber diskutiert, ob starre Inflationsziele als Vorgabe für die Geldpolitik überhaupt noch geeignet sind. Eine höhere Beschäftigung, Verteilungsfragen und ökologische Aspekte werden dabei genauso wie eine technische Anpassung der Inflationsziele zur Diskussion gebracht. Wenn sich auf absehbare Zeit kein Teuerungsdruck abzeichnet – woran soll dann die Geldpolitik ausgerichtet werden?

Notenbanken werden für anhaltend niedrige Zinsen sorgen

Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hat daher als erste der großen Notenbanken im Oktober 2020 eine strategische Neuausrichtung beschlossen. Künftig soll ein durchschnittliches Inflationsziel verfolgt werden, man wechselt also von einer Zeitpunkt- auf eine Zeitraumbetrachtung. Wird also die Zielmarke für eine bestimmte Zeit unterschritten, darf die Teuerung für eine ebenso lange Dauer entsprechend höher ausfallen. Die Fed versieht ihr Inflationsziel also mit einem „Gedächtnis“ und nimmt damit vorübergehend ein „Überschießen“ der Teuerung in Kauf. Das Ergebnis: eine auf lange Sicht ultra-lockere Geldpolitik. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre neue Strategie zwar noch nicht verkündet. Aber auch in Frankfurt denkt man in eine ähnliche Richtung.

Inflation wird wieder zunehmend ein Thema für den Kapitalmarkt

Inflationserwartungen ziehen vor allem in den USA an

Inflation wird zunehmend ein Thema am Kapitalmarkt
Quelle: Bloomberg, Union Investment; Stand: 16. Februar 2021.

Keine guten Aussichten für Staatsanleihen der Kernmärkte

Für die Rentenmärkte sollte die anhaltend lockere Geldpolitik höhere Inflationserwartungen und eine steilere Zinsstrukturkurve mit sich bringen. Denn die Unsicherheit über den zukünftigen Inflationsverlauf nimmt zu, schließlich wird eine geldpolitische Gegenreaktion auf höhere Teuerungsraten künftig etwas auf sich warten lassen. Investoren werden deshalb perspektivisch wohl eine höhere Kompensation für dieses Risiko bei Anleihen mit längeren Laufzeiten fordern. Die Inflationsprämien für 10-jährige US-Treasuries sind bereits merklich gestiegen. Da gleichzeitig das kurze Ende der Kurve aufgrund der Nullzinspolitik der Fed niedrig bleibt, wird die Renditekurve etwas steiler. Der strategische Ausblick für die Staatsanleihemärkte ist folglich getrübt. Für Staatsanleihen der Euroraum-Kernländer rechnet Union Investment auf Sicht der nächsten fünf Jahre mit einem jährlichen negativen Ertrag.

Höherverzinsliche Rentensegmente bieten Chancen

Aber: Es gibt vielversprechende Ausweichstrategien, mit denen aus dem Trend zu negativen Realrenditen sogar Vorteile gezogen werden können. Die Aussichten für die höherverzinslichen Staatsanleihesegmente sind zum Beispiel deutlich positiver. Papiere aus der Euro-Peripherie sollten 2021 nicht nur von den anhaltenden Käufen der EZB profitieren. Diese Länder dürften mit dem Abflauen der Corona-Pandemie auch weniger Finanzierungsbedarf als im Jahr 2020 haben, und somit auch weniger neue Anleihen emittieren, was die Kurse unterstützt.

Im Bereich der Unternehmensanleihen sind viele Branchen zwar hart von den Corona-Eindämmungsmaßnahmen getroffen, doch haben sich die Unternehmen oftmals zu niedrigen Zinssätzen bereits durchfinanziert. Am Anleihemarkt lässt sich zudem keine Verschlechterung der Kreditqualität in der Breite feststellen. Was die Ausfallrisiken betrifft, dürfte das Insolvenzrisiko eher ein Problem von einzelnen Unternehmen sein, jedoch kein Phänomen für den gesamten Markt. Auch die lockere Geldpolitik der Notenbanken dürfte Unternehmensanleihen weiter stützen. Denn das Niedrigzinsumfeld treibt Investoren in Papiere, die höhere Risikoprämien bieten.

Durch Investments in breit gestreute Unternehmensanleiheportfolios können die Diversifikationseigenschaften zusätzlich verbessert werden. So weisen beispielsweise auf US-Dollar lautende, internationale Anleihen von Industrie- und Finanzunternehmen einen Risikoaufschlag gegenüber europäischen Papieren auf. Die Renditechancen können nochmals verbessert werden, indem neben vor- und nachrangigen Schuldverschreibungen auch hochverzinsliche Titel als renditeverstärkendes Element in das Portfolio eingebracht werden. Die Ausnutzung regionaler Renditedifferenzen kann zusätzliche Vorteile bringen. Denn Emittenten aus Währungsräumen außerhalb des Euro können selbst nach Hedging-Kosten einen Mehrertrag liefern, weil der Markt im Unternehmensanleihe-Bereich nicht bei allen Wertpapieren immer völlig effizient preist.

Die Rentenmärkte der Schwellenländer bieten ebenfalls Chancen. Vor allem dort ist jedoch eine sorgfältige Analyse nötig, um Risiken zu erkennen, aber auch die Gewinner der Corona-Erholung ausfindig zu machen.

Aktien bevorzugte Assetklasse

Der von negativen Realzinsen ausgehende Ausweichdruck zwingt viele Investoren auch in Aktien. Die Unternehmen erwirtschaften in Summe hohe – zumeist sogar wachsende – Gewinne, die in Form von Dividenden, Aktienrückkäufen oder einem höheren Enterprise Value ihren Weg zu den Aktionären finden. Für 2021 rechnet Union Investment mit einer Erhöhung der globalen Unternehmensgewinne um rund 30 Prozent. Dabei dürfte sich die Outperformance der Wachstumstitel im Jahr 2020 wahrscheinlich nicht wiederholen. Vielmehr sollte es zu einem stärkeren Gleichlauf zwischen den verschiedenen Aktienstilen und -regionen kommen. Vom konjunkturellen Neustart nach dem Ende der Corona-Einschränkungen dürften vor allem frühzyklische Werte profitieren. Auch sind die Chancen auf Kursgewinne bei sogenannten Reopening-Titeln hoch. Das sind Aktien, die während der Corona-Beschränkungen schlechter als der Gesamtmarkt liefen, und die nun zu den Profiteuren der sukzessiven Normalisierung zählen. Zudem sollten Investoren einen Blick auf sogenannte Reflationtrade-Aktien werfen, also solche Titel, die auf einen Anstieg der Inflationsraten im Zuge der wirtschaftlichen Erholung nach der Corona-Pandemie setzen.

It´s all one trade - US-Realzinsen treiben verschiedene Anlageklassen

Sowohl Risikoanlagen (Aktien) als auch sicherer Hafen (Gold) profitieren vom Rückgang der Realzinsen

It’s all one trade
Quelle: Bloomberg, Union Investment; Stand: 16. Februar 2021.

Auskömmliche Gesamtrenditen nur weiter oben auf der Risikoleiter möglich

Sicher ist: Auch im Jahr 2021 werden sich Chancen bieten. Im aktuellen Niedrigzinsumfeld bleiben Aktien und höherverzinsliche Anleihen erste Wahl. Investoren können ihre Anlagechancen im Aktiensegment durch eine entsprechende Stil- und Sektorrotation verbessern. Bei Staats-, Unternehmens- oder Emerging Markets-Anleihen sollte der Fokus auf der sorgfältigen Emittentenauswahl liegen.

Stand: 16. Februar 2021