Kapitalmarktausblick 2021

Das Jahr der Kapitalmarktchancen

Fortschritte in der Pandemiebekämpfung, staatliche Konjunkturprogramme, eine weiterhin expansive Geldpolitik sowie negative Realrenditen werden das Börsenjahr 2021 prägen. Was das für die Anlagestrategie bedeutet, erfahren Sie in unserem Ausblick.

Das aktuelle Umfeld ist für Aktien fast die beste aller Welten.

Jens Wilhelm

Mitglied des Vorstandes von Union Investment

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Mit dem Brechen der zweiten Welle erholt sich die Konjunktur dynamisch

Folgen des zweiten Lockdowns fallen weniger drastisch aus

Aktuell leidet die Weltwirtschaft noch stark unter dem Coronavirus. „Ein Impfstoff wird erst ab Mitte 2021 zur Wende der Pandemiebekämpfung führen können“, erwartet Wilhelm.

Die Mittel müssten zuvor noch zugelassen, produziert und verteilt werden. Erst mit der Verabreichung an breite Bevölkerungsschichten sieht er die Möglichkeit für eine Rückkehr zur Normalität. „Bis zum Sommer müssen Gesellschaft, Wirtschaft und Kapitalmärkte weiter mit dem Virus leben“, fasst er zusammen. Allerdings sieht er auch deutliche Fortschritte bei der Corona-Bekämpfung im Vergleich zum vergangenen Frühjahr. „Wir haben viel gelernt – medizinisch, aber auch ökonomisch. Daher werden die Folgen des zweiten Lockdowns weniger drastisch ausfallen“, meint Wilhelm.

Wir rechnen im Verlauf des Jahres mit einer deutlichen Belebung der wirtschaftlichen Dynamik.

Jens Wilhelm

Mitglied des Vorstandes von Union Investment

„Das Winterhalbjahr 2020/2021 bleibt konjunkturell noch von der Pandemie belastet. „Nach schwachem Start rechnen wir im Verlauf des Jahres dann mit einer deutlichen Belebung der wirtschaftlichen Dynamik“, sagt er mit Blick auf pandemiebedingt angestaute Nachfrage und zurückgestellte Investitionen. Konkret erwartet der Kapitalmarktstratege für 2021 einen Zuwachs von 3,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für die Vereinigten Staaten, die bereits zum Jahresende wieder das Vorkrisenniveau bei der Wirtschaftsleistung erreichen dürften. Mehr Zeit benötigt der Euroraum, der erst 2022 die Krisenverluste aufgeholt haben sollte. Für 2021 sieht Wilhelm das Wachstum aber immerhin auf 4,2 Prozent klettern. Stark von der Pandemie getroffene Länder wie Italien (5,7 Prozent) und Frankreich (5,4 Prozent) dürften besonders hohe Raten aufweisen. Für Deutschland geht Wilhelm von einem Anstieg des BIP von 3,3 Prozent aus. Dabei profitiert der deutsche Exportmotor vom kräftigen Aufschwung in Asien. „China ist die einzige große Volkswirtschaft, die zur Zeit eine V-förmige Erholung erlebt“, kommentiert er.

Wachstumsprognosen im Überblick

  • Chart: Konjunkturelle Dynamik ab Frühjahr 2021. Veränderung des realen BIP gegenüber Vorjahr. USA und EU.

    Quelle: Union Investment, Stand: 17. November 2020

  • Chart: Konjunkturelle Dynamik ab Frühjahr 2021. Veränderung des realen BIP gegenüber Vorjahr. China und Japan.

    Quelle: Union Investment, Stand: 17. November 2020

  • Chart: Relative Gewinntrends verändern sich im Frühzyklus. Indexierte Gewinnentwicklung.

    Quelle: Bloomberg, Union Investment; Stand: 23. November 2020

Umfassende Konjunkturpakete unterstützen die Märkte

Wachstumsimpulse statt Haushaltskonsolidierung rund um den Globus

Unterstützung erwartet Wilhelm von einer aktiveren Fiskalpolitik. In den USA rechnet er im Januar 2021 mit einem neuen, umfassenden Konjunkturpaket. „Sobald der Wechsel im Weißen Haus dann endlich vollzogen ist, wird sich der Kongress schnell auf neue Hilfen einigen“, ist er überzeugt.

Auch in anderen Volkswirtschaften erwartet er höhere Ausgaben: „Fiskalischer Aktivismus ersetzt fiskalische Austerität – auch in Deutschland.“ Für die Kapitalmärkte hält Wilhelm diese Neujustierung für die bisher wichtigste neue Weichenstellung in der Dekade. „Bislang lag die Last der Krisenbekämpfung hauptsächlich auf der Geldpolitik. Jetzt bekommen wir mit der Fiskalpolitik einen zweiten Stützpfeiler dazu. Corona bedeutet das Ende der Austerität“, analysiert er.

Das Zeitalter der Haushaltskonsolidierung geht zu Ende

Chart: Konjunkturprogramme: Maßnahmen im Vergleich. Prozent des Bruttoinlandsprodukts 2019

Quellen: Bruegel, Union Investment; Stand: 28. Oktober 2020

Geldpolitik bleibt noch länger äußerst locker

Höhere Inflationstoleranz erlaubt stärkere Wachstumsförderung

Von den Zentralbanken erwartet Wilhelm auch für das nächste Jahr weiter Unterstützung. „Derzeit wird das geldpolitische Koordinatensystem neu kalibriert“, sagt er und verweist auf das Beispiel der US-Notenbank Federal Reserve (Fed).

„Die Fed hat den Anfang gemacht, andere werden folgen. Man versieht die Inflationsziele mit einem Gedächtnis und wird so auch ein vorübergehendes Überschießen der Inflation tolerieren“, erläutert er. Diese höhere Inflationstoleranz erlaubt einen stärkeren Fokus auf Wachstum. „Die Geldpolitik bleibt noch länger äußerst locker“, resümiert er. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre neue Strategie zwar noch nicht bekannt gegeben, aber auch in Frankfurt denkt man wohl in diese Richtung. „Die EZB wird noch im Dezember geldpolitisch nachlegen, sowohl durch erweiterte Ankäufe als auch durch neue Tender.“

Die Geldpolitik bleibt noch länger äußerst locker.

Jens Wilhelm

Mitglied des Vorstandes von Union Investment

Leitzinsen bleiben niedrig und quantitative Maßnahmen hoch

  • Chart: US-Notenbank Fed startete historisches Anleihekaufprogramm. Summe der Fed-Billanz in Milliarden US-Dollar

    Quelle: Bloomberg, Macrobond, Union Investment; Stand: 17. November 2020

  • Chart: Auch die Europäische Zentralbank EZB weitet ihr Ankaufprogramm aus. Monatliche Nettokäufe in Milliarden Euro

    * Pandemic Emergency Purchase Program, Prognose auf Basis des Ankaufvolumens der ersten vier Wochen; impliziert Aufstockung im weiteren Jahresverlauf
    Quelle: Bloomberg, Macrobond, Union Investment; Stand: 17. November 2020

Negative Realrenditen erfordern offensive Anlagestrategie

Realrenditen für sichere Anlagen bleiben negativ

Im Ergebnis dieser Geldpolitik dürften die nominalen Zinsen lange niedrig bleiben. Selbst bei einer nur geringfügig ansteigenden Inflation werden die realen Renditen, also die Erträge nach Abzug der Teuerung, für sichere Anlagen in der Breite negativ bleiben.

Zitat: Negative Realrenditen sind die Norm. Ohne höherrentierliche Anlagen ist keine sinnvolle Kapitalanlage denkbar. Jens Wilhelm (Mitglied des Vorstandes von Union Investment)
  • Chart: Realzinsen im negativen Bereich. Realzinsentwicklung auf Basis 2-jähriger Staatsanleihen

    Quelle: Refinitiv, Union Investment; Stand: 17. November 2020. Die Werte für 2022 stellen grobe Schätzungen dar und sind keine Prognosen von Union Investment.

  • Chart: Realzinsen im negativen Bereich verstärkt durch prozyklische Zentralbanken

    Quelle: Refinitiv, Union Investment; Stand: 17. November 2020. Die Werte für 2022 stellen grobe Schätzungen dar und sind keine Prognosen von Union Investment.

Aktien sind die präferierte Anlageklasse

Gewinne werden zu Kurstreibern

Wilhelm hält dabei vor allem Aktien für aussichtsreich. „Die Gewinne werden 2021 zu Kurstreibern. Wir rechnen mit einem Anstieg der weltweiten Firmengewinne um bis zu 30 Prozent im Jahresvergleich“, sagt er.

Die Aktienmärkte haben sich von den historischen Einbrüchen im Frühjahr 2020 spürbar erholt. In einigen Bereichen, wie etwa US-Technologiewerten, wurden sogar neue Allzeithochs erreicht. Sind damit die Kurspotenziale ausgeschöpft? Nein. Denn erstens steigen im Zuge der konjunkturellen Gesundung auch die Gewinne der Unternehmen. Und zweitens halten die niedrigen beziehungsweise negativen Realrenditen die Bewertungen auf einem erhöhten Niveau. „Für Aktien ist das fast die beste aller Welten“, meint daher Jens Wilhelm. Für das Gesamtjahr traut er der Anlageklasse damit einen Ertrag von bis zu 10 Prozent zu. Den DAX erwartet er bei 14.000 Punkten zum Jahresende 2021.

In den vergangenen Jahren fielen Substanzwerte, sogenannte „Value“-Aktien, hinter der Entwicklung des Gesamtmarktes deutlich zurück. Die Corona-Krise verstärkte diesen Trend noch. Seit Ausbruch der Pandemie waren vor allem Wachstumstitel gefragt. Die Fortschritte bei der Pandemiebekämpfung und die Verbesserung des Konjunkturumfeldes dürfte nun dazu führen, dass dieses Muster bricht. Zwar bleiben Unternehmen mit strukturell starkem Wachstum, sogenannte „Growth“-Titel, gefragt. Aber auch andere Bereiche dürften vermehrt zulegen, wie schon nach Bekanntgabe vielversprechender Impfdaten zu beobachten war.

Insgesamt rechnet er mit einem Wechsel bei den favorisierten Regionen und Stilen. „Die konjunkturelle Erholung wird Zyklikern, aber auch Value-Werten im Jahresverlauf helfen“, folgert der Kapitalmarktstratege. Davon dürften beispielsweise auch die Märkten in Europa und Japan profitieren, die in der Vergangenheit den Vorgaben aus den USA kaum folgen konnten.

Aufholjagd nach Erfolgen in der Pandemiebekämpfung

  • Chart: Wertentwicklung MSCI World und MSCI World-Faktorindizes - Rotation nach Impfneuigkeiten von Pfizer & BioNTech

    Quelle: Bloomberg, Union Investment; Stand: 17. November 2020. Alle Indizes in der Net Return-Variante in US-Dollar.

  • Chart: Wertentwicklung der Sektoren im STOXX 600 Europe - Banken und Energiewerte legen am stärksten zu

    Quelle: Bloomberg, Union Investment; Stand: 17. November 2020. Alle Indizes in der Net Return-Variante in US-Dollar.

Immobilien bleiben attraktiv

Wichtiger Bestandteil eines balancierten Portfolios

Bei Immobilien sieht er zwar durchaus einige von der Pandemie ausgelöste Herausforderungen. Insgesamt hält Wilhelm die sachwertbasierte und cashflowstarke Anlageklasse aber im aktuellen Umfeld weiter für attraktiv.

Zitat: Die Immobilie bleibt ein wichtiger Bestandteil in einem balancierten Portfolio. - Jens Wilhelm (Mitglied des Vorstandes von Union Investment)

Die Corona-Krise hat das Leben, Arbeiten und Einkaufen der Menschen verändert. Auch der Immobilienmarkt blieb von diesen Veränderungen nicht unangetastet, wie die Schlagworte Home Office oder Online-Shopping schnell verdeutlichen. Stehen der Immobilie damit nun schwere Zeiten als Anlageklasse bevor? Nicht unbedingt. Denn wie lange und in welcher Stärke die derzeitigen Trends anhalten, kann niemand vollständig abschätzen. Nicht alle Menschen werden zum Beispiel dauerhaft von zu Hause aus arbeiten. Außerdem profitieren einige Nutzungsarten sogar, wie beispielsweise der Logistikbereich, im Zuge des anziehenden Internethandels. Auch bei Immobilien gilt daher: Selektion wird in der Post-Corona-Welt immer mehr zum Erfolgskriterium. „Die Immobilie bleibt ein wichtiger Bestandteil in einem balancierten Portfolio, gerade in Zeiten negativer Realzinsen“, ist er überzeugt.

Chart: Logistik-Immobilien profitieren vom anziehenden Internethandel. Indexierte Wertentwicklung von Büro- und Logistikimmobilien in Europa

Quelle: PMA; im Index sind folgende Städte enthalten: London, Paris, Berlin, Amsterdam, Stockholm, Madrid, Brüssel, Warschau, Stockholm, Mailand

Im Anleihesegment auf Zinsaufschlag setzen

Rentenpapiere aus Schwellenländern bieten Chancen

Auf der Rentenseite bleibt Wilhelm vorsichtig bei sicheren Staatsanleihen wie US-Treasuries oder deutschen Bundesanleihen. „Die Kombination aus niedriger Verzinsung und leicht steigenden Renditen spricht gegen die sicheren Häfen“, prognostiziert er.

Dabei erwartet der Kapitalmarktstratege eine leichte Versteilerung der Zinsstrukturkurve über Anstiege am langen Ende sowie ein Auseinanderlaufen der Renditen auf deutsche beziehungsweise US-amerikanische Staatsanleihen: „Der Transatlantik-Spread wird sich ausweiten“, meint Wilhelm. Die Chancen bleiben ansonsten überschaubar.

Gerade in diesem Umfeld hält er Papiere mit Zinsaufschlag weiter für attraktiv. „Unternehmensanleihen, Peripheriepapiere und Bonds aus den Schwellenländern bieten nach wie vor Chancen“, konkretisiert er. Anlegern rät Wilhelm, auch diese Formen der risikobehafteten, aber Ertrag versprechenden Investitionen nicht außer Acht zu lassen. Aber auch hier gilt: Nicht jeder Emittent bietet einen Ausweg aus der Zinsfalle, die aktive Länderselektion bleibt also der Schlüssel zum Erfolg.

Das aktuelle Union Investment Länderrating zeigt beispielsweise eine Verschlechterung der fiskalischen Situation vieler Staaten an, nicht zuletzt in den aufstrebenden Volkswirtschaften. Insgesamt 30 Herabstufungen (Downgrades) stehen nur 6 Heraufstufungen (Upgrades) gegenüber. Die Bonitätseinschätzung von 50 Ländern ist mit einem negativen Ausblick versehen. Diese negative Entwicklung ist klar mit der Corona-Pandemie und deren makroökonomischen Folgen verbunden.

UI Länderrating: Frühwarnsystem zeigt Corona-Schäden

Chart: UI Länderrating: Frühwarnsystem zeigt Corona-Schäden

Quelle: Union Investment; Stand: September 2020

Aktives Management bleibt entscheidend für den Anlageerfolg

Trendverstärker Corona beschleunigt nachhaltigen Umbau der Volkswirtschaften

Gerade in Umbruchzeiten kann aktives Management seine Stärken voll ausspielen. Daher betont Wilhelm auch für 2021 die Vorzüge der erfolgreichen Titelselektion: „Corona ist ein Trendverstärker und führt zu einer vermehrten Ausdifferenzierung bei Gewinnern und Verlierern.“ Zudem sieht er Chancen aus dem Umbau der Volkswirtschaften auf nachhaltige Wachstumsmodelle: „Die Profiteure dieser Entwicklung sind hochinteressante Investments.“

Die Corona-Pandemie hat vieles verändert, auch an den Kapitalmärkten. Und so viel scheint schon heute sicher: Die Bewältigung der Folgen wird ein Dekadenthema werden. Kurzfristig kann es immer wieder zu Unsicherheit und Rücksetzern kommen, etwa im Zusammenhang mit politischen Risiken wie dem Brexit. Auch die Pandemie wird bis zur endgültigen Überwindung von Corona die Börsen mitprägen und – je nach Infektionsgeschehen – die Entwicklung bremsen.

Zitat: Selektion wird in der Post-Corona-Welt immer mehr zum Erfolgskriterium. Jens Wilhelm (Mitglied des Vorstandes von Union Investment)

Viel wichtiger ist aber nach Einschätzung von Wilhelm die strategische Sicht: „Die Kombination aus geld- und fiskalpolitischem Rückenwind wirkt wie ein kräftiger Schub für chancenorientierte Anlagen. Unternehmens- und Peripherieanleihen, Aktien und ausgewählte Rohstoffe, wie Gold, sollten von der anhalten Aussicht auf negative Realrenditen profitieren.“ Dabei kommt es seiner Meinung nach mehr denn je auf die sorgfältige Auswahl geeigneter Investitionsmöglichkeiten an. „Corona wirkt wie ein Katalysator auf bestehende Trends“, meint er. „Daher werden starke Unternehmen weiter gestärkt und angeschlagene Firmen geraten zusätzlich unter Druck“. In der Konsequenz kann aktives Management seine Stärke voll ausspielen. „Selektion wird in der Post-Corona-Welt immer mehr zum Erfolgskriterium“, ist Wilhelm überzeugt.

Umbau der Volkswirtschaften zu nachhaltigeren Wachstumsmodellen steht bevor

Dies gilt umso mehr, als der notwendige Umbau der Volkswirtschaften hin zu nachhaltigeren Wachstumsmodellen bevorsteht. Hier sieht Wilhelm einen Schwerpunkt der fiskalpolitischen Anstrengungen der nächsten Jahre. „Sie werden das Wachstum der nächsten Jahre maßgeblich mit treiben“, meint er und verweist beispielhaft auf die Pläne des neuen US-Präsidenten Joe Biden. Im Ergebnis sieht er in den von diesem Trend profitierenden Sektoren und Unternehmen interessante Anlageperspektiven.

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