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2022 – Das Jahr der Normalisierung

Angespannte Lieferketten, hohe Inflationsraten und eine neue Corona-Welle – die Weltwirtschaft kämpft derzeit mit zahlreichen Herausforderungen. Insgesamt bleiben die Aussichten für Anleger aber auch im Jahr 2022 gut – die Unsicherheit nimmt aber wieder zu.

Anhaltende Lieferengpässe als Folge der Corona-Krise und des Re-Openings der Wirtschaft machen der globalen Wirtschaft länger zu schaffen als gedacht. Durch das Auftauchen der Omikron-Variante besteht auch das Risiko, dass durch neuerliche Verschärfungen der Corona-Maßnahmen etwa in Asien abermals Verzögerungen in den Lieferketten entstehen.

Gestörte Lieferketten und lange Lieferzeiten besonders in der Containerschifffahrt wirken als Bremsklotz für das Wachstum. Prominentes Beispiel ist die Halbleiterindustrie, was zu einem temporären Stillstand der Produktionsbänder bei vielen Automobilherstellern in diesem Jahr führte. Aber auch viele andere Branchen berichten von Knappheitsphänomenen und damit Schwierigkeiten, die vielen Aufträge abzuarbeiten.

Die Experten von Union Investment erwarten, dass die dicken Auftragspolster der Unternehmen, die sich in Folge der Wiedereröffnung angesammelt haben, größtenteils auch wirklich abgearbeitet werden können. Wenn erst einmal Weihnachten und das Chinesische Neujahrsfest hinter uns liegen, sollten sich die Lieferengpässe schrittweise entspannen – vorbehalten dem Risiko, dass die Omikron-Variante hier Störungen verlängern könnte. Denn in der Vergangenheit mussten gerade in einigen asiatischen Ländern etwa Produktionsstätten aufgrund der „Null-Corona-Politik“ geschlossen werden, beispielsweise im Halbleitersektor. Bleiben solche Unterbrechungen aber aus, besteht eine realistische Chance auf eine Normalisierung der Lieferketten im Verlauf des Jahres 2022.

Damit steigt auch die Chance, dass die Unternehmen mehr Aufträge aus ihrem Bestand abarbeiten können. Denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben – bisher sind trotz der Lieferengpässe kaum Stornierungen von Aufträgen zu beobachten gewesen. Das Auflösen der Lieferengpässe sollte zu Aufholeffekten in vielen Volkswirtschaften führen, nicht zuletzt im stark industriell geprägten Deutschland. Die Produktion könnte damit wieder zu einem Wachstumstreiber für die deutsche Wirtschaft werden.

Der harte „Pandemiewinter“

Ein Unsicherheitsfaktor ist derzeit abermals die Pandemie. Seit einigen Wochen ist ein erneuter Anstieg der Neuinfektionen mit der Delta-Variante zu beobachten. Hinzu kommen mögliche Auswirkungen der Omikron-Variante, die davon abhängen, wie gut Impfstoffe dagegen wirken. Unbestritten ist, dass der Winter 2021/2022 noch einmal ein harter „Pandemiewinter“ wird. Aufgrund der weit fortgeschritten Impfkampagnen ist aber anders als im vergangenen Jahr nicht von flächendeckenden Lockdowns auch für Geimpfte in den großen Volkswirtschaften auszugehen. Vielmehr sollte sich die Situation im Anschluss an die Wintermonate deutlich entspannen. Fortschreitende Impfkampagnen und wirksame Medikamente dürften dann im Jahresverlauf 2022 zu einem Übergang von der pandemischen in die endemische Phase führen. So weit sind wir jetzt aber eben noch nicht.

Konjunkturdaten zeigen gemischtes Bild

Ermutigend ist immerhin: Eine erste Entspannung der Lieferketten deutet sich mit Blick auf die Frachtraten an. Auch haben sich die Produktionsdaten in Deutschland zuletzt wieder etwas verbessert. Bis zur aktuellen Pandemiewelle zeigte sich auch eine erste Konsumnormalisierung von Gütern zurück zu Dienstleistungen. Das wiederum schwächt ebenfalls die Lieferkettenproblematik ab, da diese vor allem bei einer hohen Güternachfrage schlagend wird.

Nachholpotenzial durch Lieferengpässe und bei Dienstleistungen

Dienstleistungsausgaben noch unter Vorkrisentrend

Nachholpotenzial durch Lieferengpässe und bei Dienstleistungen
Quelle: Macrobond, UBS, Union Investment; Stand: 10. Dezember 2021.

Gleichzeitig hat sich die Stimmung in der deutschen Wirtschaft aber zuletzt verschlechtert. Die Unternehmen waren demnach weniger zufrieden mit ihrer aktuellen Geschäftslage und zeigten sich auch angesichts der weiter bestehenden Lieferengpässe und vor allem der vierten Corona-Welle pessimistischer. Auch das GfK-Verbrauchervertrauen in Deutschland und der Index des US Conference Board für das Verbrauchervertrauen in den USA haben sich im November eingetrübt.

Auf dem Weg zur wirtschaftlichen Normalisierung

Wenngleich die jüngsten Konjunkturdaten also nicht in Gänze positiv ausfallen, ist eines klar: Ein erneuter Einbruch der Konjunktur dürfte ausbleiben, sofern es nicht zum breit angelegten Lockdown für Geimpfte und Ungeimpfte kommt. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind besser auf neuerliche Eindämmungsmaßnahmen vorbereitet. Die Wirtschaft hat gelernt, auch mit hohen Infektionszahlen einigermaßen zu leben.

Völlig unbeeinflusst vom Infektionsgeschehen ist die Konjunktur gleichwohl nicht. Die Volkswirte von Union Investment rechnen daher in den kommenden Wintermonaten mit einer Verlangsamung des Wachstumstempos. Im Verlauf des Jahres 2022 stehen die Zeichen hingegen wieder auf Beschleunigung. Die Produktion kann dann wieder zu einem Wachstumstreiber für die Wirtschaft werden. Nach der kräftigen Erholung 2021 ist also für das neue Jahr von einer Normalisierung auszugehen – die Weltwirtschaft sollte weiter wachsen, wenn auch weniger dynamisch.

Neuer Schub: Lieferengpässe verschieben Wachstum nach 2022

Veränderung des realen BIP gegenüber Vorjahr

Neuer Schub: Lieferengpässe verschieben Wachstum nach 2022
Quelle: Union Investment; Stand: 10. Dezember 2021.

Geldpolitik mit Augenmaß

Für die Entwicklung der Kapitalmärkte ist neben der anhaltenden Lieferkettenproblematik und der wieder an Fahrt aufgenommenen Corona-Pandemie die Inflation eine entscheidende Größe. In Deutschland kletterte die Teuerungsrate im November auf den höchsten Wert seit rund 30 Jahren. Bei stolzen 6,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat lag die Inflation in den USA im November 2021.

Solange die Notenbanken nicht hart gegensteuern, sondern wie bisher mit Augenmaß vorgehen und sie ihre Geldpolitik weiterhin an einem mittelfristig moderaten Inflationsausblick ausrichten, dürfte der laufende Konjunkturaufschwung intakt bleiben. Die jüngsten Ankündigungen wie der Beschluss der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) zur Drosselung der Anleihekäufe (Tapering) sowie die Äußerungen ihres Chefs Jerome Powell lassen darauf schließen, dass der Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik in den USA angesichts des möglicherweise länger anhaltenden Inflationsdrucks etwas schneller vonstattengehen könnte als bislang erwartet.

Auch das Ende des Notfallankaufprogramms der Europäischen Zentralbank (EZB) scheint für März absehbar. Insgesamt wird der Ausstieg aus der ultraexpansiven Geldpolitik aber voraussichtlich marktschonend erfolgen. Während die Fed langsam auf die Bremse drückt, nimmt die EZB lediglich etwas den Fuß vom Gas. Die Unsicherheit ist auch für die Notenbanken mit Blick auf den bevorstehenden Verlauf des Corona-Winters hoch. Und so gewinnt eine flexible Herangehensweise ohne langfristige Vor-Festlegung derzeit an Bedeutung. Die Notenbanken haben natürlich immer die Möglichkeit, auf eine Verschlechterung der Konjunkturlage zu reagieren und die geldpolitische Normalisierung hinauszuzögern.

Chancen auf gutes Börsenjahr 2022 bestehen weiter

Als Fazit lässt sich ziehen, dass die Kapitalmärkte derzeit zwar von vielen Unsicherheitsfaktoren beeinflusst werden und noch auf der Suche nach der Normalität nach der Corona-Krise sind. Die Corona-Pandemie dürfte perspektivisch aber an Kapitalmarktwirkung verlieren, die Teuerungsraten sollten sich nächstes Jahr schrittweise normalisieren und auch die Lieferengpässe sich im Laufe des Jahres 2022 entspannen. Auf dem Weg dorthin ist angesichts der Ungewissheit um die neue Corona-Variante Omikron mit erhöhter Volatilität zu rechnen. Doch dürften für den Fall einer deutlichen Verschlechterung der Lage die Notenbanken stützend eingreifen können beziehungsweise dürften ihre Unterstützung erst gar nicht beenden.

In einem solchen Umfeld werden erfolgreiche Titelselektion und erhöhte Aktivität umso wichtiger für den Anlageerfolg. Aufgrund des grundsätzlich positiven Wachstumsausblicks und der bislang robusten Nachfrage stehen die Chancen auf ein gutes Börsenjahr nicht schlecht. Aktien dürften auch 2022 die aussichtsreichste Anlageklasse bleiben, der Aufschwung am Rohstoffmarkt sollte sich fortsetzen. Vor allem die Dekarbonisierung dürfte dort die Preise weiter treiben und zu einem Favoritenwechsel führen. An den Rentenmärkten dürfte die Inflationsentwicklung sowie die erste Normalisierung der Geldpolitik zu einem moderaten Renditeanstieg bei den „sicheren Häfen“ wie deutschen oder US-amerikanischen Staatsanleihen führen. Unternehmensanleihen verlieren etwas an Attraktivität, aber es gibt immer noch Chancen – zum Beispiel im Hochzinssegment.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
13. Dezember 2021, soweit nicht anders angegeben.