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Anlage post Corona: Krise als Trendverstärker

Schon vor der Corona-Pandemie bestehende strukturelle Trends haben sich durch die globale Krise nochmals verstärkt. Die Renditen von Staatsanleihen liegen auf noch tieferen Niveaus und werden dort wohl auch länger bleiben. Der Anlagenotstand hat sich verschärft. Welche Assetklassen bieten noch Opportunitäten?

Das Coronavirus hat die Welt – und damit auch die Kapitalmärkte – einschneidend verändert. Die Folgen werden noch bis weit in das neue Jahrzehnt spürbar sein. Die Einschränkungen des gesellschaftlich-wirtschaftlichen Lebens treffen Haushalte, Unternehmen und Staaten, private und öffentliche Einrichtungen, Angebot und Nachfrage rund um den Globus. Daraus resultiert eine sehr tiefe, aber voraussichtlich vergleichsweise kurze Rezession. Durch ihre entschlossenen und sehr weitreichenden Hilfsmaßnahmen haben Notenbanken und Regierungen Schlimmeres verhindert und den Grundstein für eine baldige Konjunkturerholung gelegt. Aber: Eine vollständige Gesundung wird wohl noch bis ins Jahr 2023 dauern. Erst dann dürfte die Weltwirtschaft wieder das Vorkrisenniveau erreicht haben.

Für Investoren bedeutet dies: Schon vorher bestehende strukturelle Trends haben sich durch die Krise nochmals verstärkt, der Anlagenotstand hat sich weiter verschärft. Die Renditen von Staatsanleihen liegen heute auf noch tieferen Niveaus als vor der Krise – und dort werden sie wohl auch noch eine lange Zeit bleiben. Nachdem nun auch die US-Notenbank bekräftigt hat, ihre Leitzinsen noch länger in der Nähe von Null zu belassen, handeln US-Staatsanleihen nahe ihrer historischen Tiefs. Ähnliches gilt für den Euroraum und hier insbesondere Deutschland.

Historisch nie dagewesenes Niedrigzinsumfeld

Rendite-Entwicklung von Staatsanleihen mit zehnjähriger Restlaufzeit aus Deutschland und den USA
Historisch nie dagewesenes Niedrigzinsumfeld
Quelle: Refinitiv Datastream; Stand: 17. Juni 2020

Staatsanleihen nur aus ausgewählten Schwellenländern aussichtsreich

Sichere Staatsanleihen aus den Industrieländern bieten dann auch nur sehr begrenzte Performancepotenziale in den kommenden zwölf Monaten: Die Bewertungen sind vergleichsweise hoch, die Renditen sind niedrig oder gar negativ. Hinzu kommt, dass die fiskalischen Hilfsmaßnahmen rund um den Globus zu einem ausgeprägten Anstieg der öffentlichen Verschuldung und damit der Emissionstätigkeit der Staaten führen. Alleine im März 2020 wurden weltweit Staatspapiere in einem Umfang von 2,1 Billionen US-Dollar emittiert. Zwar stehen häufig die Notenbanken als Käufer bereit. Dennoch spricht das konstant hohe Angebot gegen nachhaltig steigende Kurse. Eine Ausnahme bilden ausgewählte Staatsanleihen aus den Schwellenländern. Im historischen Vergleich sind die Spread-Niveaus relativ hoch. Allerdings liegt der Fokus ganz klar auf fundamental robusten Ländern, deren Rating durch die Corona-Rezession nicht gefährdet ist.

Ohne Risiko geht es nicht

Das zementierte Niedrigzinsumfeld zwingt Investoren förmlich in die riskanteren Anlageklassen. Diese bieten nach Meinung von Union Investment auch nach der Erholungsbewegung der vergangenen Wochen weiterhin unter Berücksichtigung von neu hinzugekommenen Risiken, wie etwa gestiegenen Ausfallrisiken, Potenziale. Das Hochfahren der Wirtschaftsaktivität im Zuge geringerer Infektionszahlen sowie die massiven Gegenmaßnahmen von Geld- und Fiskalpolitik haben dafür gesorgt, dass etwa US-Aktien oder der europäische Markt für High Yield-Unternehmensanleihen einen Großteil ihrer Verluste seit Jahresbeginn bereits wieder aufholen konnten. Trotzdem kann auf Sicht von einem Jahr weiter einiges für Risikoanlagen wie Unternehmensanleihen, Aktien und auch Rohstoffe sprechen.

Aktien derzeit im historischen Vergleich attraktiv bewertet

Vergleicht man die Risikoprämie, die etwa US-Aktien aktuell gegenüber 10-jährigen US-Staatsanleihen aufweisen, liegt diese mit rund vier Prozent deutlich über dem Durchschnitt der vergangenen 30 Jahre (rund zwei Prozent). Dieser Vorteil hat weiterhin Bestand, wenn man die aktuelle Konjunkturphase in der Analyse berücksichtigt. Die Corona-Krise mag aufgrund der Geschwindigkeit ihrer Ausbreitung zwar historisch einmalig sein, für die beobachtete Aktienmarktentwicklung gibt es aber durchaus Parallelen in der Vergangenheit. Diese können wiederum genutzt werden, um die aktuelle Bewertung der US-Titel zu analysieren. Hierzu wurde aus historischen Datenpunkten verschiedener ökonomischer Variablen, wie US-Einkaufsmanagerindizes, dem Ölpreis und dem zehnjährigen US-Zins, eine „faire“ Bewertung des US-Aktienmarktes abgeleitet. Die Analyse zeigt: Die „faire“ Risikoprämie liegt mit aktuell 4,7 Prozent über der aktuellen (Daten per Anfang Juni). Somit wird – ausgehend von vergleichbaren Marktphasen – das Risiko in Aktieninvestments aktuell ausreichend kompensiert.

Aktuell keine Übertreibung am US-Aktienmarkt zu beobachten

Vergleich aktueller und „fairer“ Aktienrisikoprämie* für den US-Aktienindex S&P 500
Aktuell keine Übertreibung am US-Aktienmarkt zu beobachten
Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen; Stand:: 2. Juni 2020; *Berechnung anhand verschiedener ökonomischer Variablen

Daraus folgt: Aktien haben trotz ihrer Volatilität weiter Potenzial. Das gilt auch für Titel aus Europa. Neben dem vergleichsweise attraktiven Bewertungsniveau werden europäische Aktien auch von Mittelzuflüssen unterstützt. Globale Investoren setzen darauf, dass geplante Maßnahmen wie der europäische Wideraufbaufonds den Kontinent enger zusammenwachsen lassen und damit politische Risiken in den Hintergrund treten.

Mit Blick auf die Sektoren gibt es nur wenige Veränderungen bei den Favoriten. Die „MegaCaps“ aus dem US-Technologiebereich sind derzeit Gewinner der Krise – und sie dürften ihre Position auch im Nachgang weiter festigen. Daneben sollten Aktien aus dem Gesundheitsbereich gefragt bleiben. Sie erhalten zum einen politischen Rückenwind. Sie profitieren aber auch vom Wachstumstrend der Digitalisierung, zum Beispiel Anbieter im Telemedizin-Bereich. Schließlich sollten in den kommenden zwölf Monaten auch Kommunikationsunternehmen Potenzial bieten können.

Unternehmensanleihen durch Notenbanken unterstützt

Aus einer Bewertungsperspektive können auch Unternehmensanleihen Chancen bergen. Im historischen Vergleich sind die Risikoaufschläge von Unternehmenspapieren weiterhin hoch. Bezieht man das Risiko im Sinne der Schwankungsbreite mit ein, das einem Investment in dieser Anlageklasse zugrunde liegt, könnte das Ertragsverhältnis, auf das kommende Jahr gesehen, aussichtsreich sein.

Risikoaufschläge für Unternehmensanleihen weiterhin hoch

Risikoaufschläge von US-Unternehmensanleihen mit Investment Grade- und High Yield-Rating
Risikoaufschläge für Unternehmensanleihen weiterhin hoch
Quelle: Refinitiv Datastream; Stand: 17. Juni 2020

Das gilt nicht nur für Anleihen aus den USA und der Eurozone, sondern auch mit Blick auf die Schwellenländer. Zwar dürften die Unternehmenspleiten und damit die Ausfallraten im Zuge der Corona-Rezession steigen. Allerdings sind diese zu großen Teilen in den Renditeaufschlägen eingepreist. Hinzu kommt die massive Unterstützung der Anlageklasse durch die Notenbanken weltweit. Neben der Europäischen Zentralbank ist inzwischen auch die Federal Reserve stark mit Käufen auf dem Markt für Unternehmensanleihen aktiv. Schließlich kann auch die aktuelle Konjunkturphase für die Anlageklasse sprechen: In der Vergangenheit zeigten Unternehmensanleihen nach den Tiefpunkten wichtiger ökonomischer Frühindikatoren eine besonders starke Wertentwicklung. Allerdings: Bei ansteigenden Ausfallraten wird die Titelauswahl noch wichtiger. Das gilt insbesondere auch bei Schwellenländer-Investments.

Aktien und Unternehmensanleihen im Aufschwung gefragt

Historische Wertentwicklung vor und nach dem Tief globaler Einkaufsmanagerindizes (seit 1990)

Aktien und Unternehmensanleihen im Aufschwung gefragt
Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen; Stand: 2. Juni 2020

Zyklische Rohstoffe mit Luft nach oben

Die Rohstoffpreise glichen in den vergangenen Wochen einer Achterbahnfahrt. Besonders auffällig war dabei die Entwicklung bei Rohöl. Der Corona-bedingte Nachfrageschock und überlaufende Lager sorgten dafür, dass US-Öl am Terminmarkt zeitweise sogar zu negativen Preisen gehandelt wurde. Inzwischen hat sich der Markt wieder beruhigt. Die größte Angebotskürzung der Geschichte durch die OPEC und ihre Verbündeten sorgen dafür, dass schon in Kürze das Gleichgewicht aus Angebot und Nachfrage wieder hergestellt sein dürfte. Allerdings: Die Bäume werden beim Ölpreis nicht in den Himmel wachsen. Die OPEC-Staaten zielen weiterhin darauf ab, ihre Marktanteile auszubauen und US-Produzenten aus dem Markt zu drängen. Insofern dürfte die Organisation einen zu starken Preisanstieg, der auch US-Schieferöl wieder profitabel machen würde, durch eine Angebotsausweitung begrenzen.

Größere Chancen bieten hingegen Industriemetalle. Hier hilft besonders die Tatsache, dass sich die Wirtschaftsaktivität in China – das nahezu für die Hälfte der globalen Nachfrage verantwortlich ist – bereits wieder dem Vor-Corona-Niveau annähert. Hinzu kommt, dass das Angebot bei vielen Metallen aufgrund von temporären oder sogar dauerhaften Minenschließungen eingeschränkt ist. Besonders interessant könnten dabei Nickel und Kupfer sein, die neben ihrem Einsatz in Infrastrukturprojekten auch in den stark wachsenden Bereichen Erneuerbarer Energien und Batterietechnik gefragt sind.

Opportunitäten bieten auch weiterhin die Edelmetalle. Gold kann von einer konstant hohen Investorennachfrage profitieren. Auch hier macht sich bemerkbar, dass Staatsanleihen – nach Abzug der Inflation – inzwischen selbst in den USA negative Renditen erwirtschaften. Gold kann hier eine Alternative darstellen. Noch bessere Aussichten könnten Silber und Platin bieten, die stärker in der Industrie eingesetzt werden und somit vom Hochfahren der Wirtschaftsaktivität profitieren dürften.

Corona verstärkt bestehende Trends

Die Auswahl der Favoriten für die kommenden zwölf Monate zeigt: Auch wenn Corona vieles durcheinandergewirbelt hat, war der Covid-19-Schock letztlich ein Verstärker für bereits bestehende Trends. Das Wachstum und die Inflation bleiben gering, die Verschuldung von Staaten und Unternehmen nehmen hingegen weiter zu. Damit sind auch die Notenbanken zum Handeln gezwungen, womit letztlich das Niedrigzinsumfeld zementiert ist. Für die Kapitalanlage bedeutet dies: Ohne kontrolliertes Risiko geht es nicht. Aber: Die Auswahl der Investments muss genauso im Blick behalten werden wie die Volatilität. Zwar dürfte eine zweite Pandemie-Welle, möglicherweise im Herbst, dank der gesammelten Erfahrungen nicht mehr dieselben gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen haben wie die erste. Dennoch bleibt die Schwankungsanfälligkeit an den Kapitalmärkten hoch.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
24. Juni 2020, soweit nicht anders angegeben.