Berichtssaison mit zwei Gesichtern

Die Unternehmensberichtssaison für das erste Quartal biegt sowohl in den USA, wo bis zum Abend des 3. Mai 401 der 500 Unternehmen aus dem S&P 500 ihre Zahlen vorgelegt hatten, als auch in Europa (mit bis dahin 274 von 412 Unternehmensberichten aus dem STOXX Europe 600) auf die Zielgerade ein. Es ist eine Berichtssaison mit zwei Gesichtern: Während die US-Unternehmen eines der besten Quartale der Geschichte abschließen werden, verliefen die ersten drei Monate für die Firmen aus Europa bei weitem nicht so gut.

Sehr gute Berichtssaison in den USA

In den USA hat in gewohnter Weise ein Großteil der Unternehmen die Erwartungen der Analysten übertroffen. Das letzte Mal, als dort weniger als die Hälfte den Analystenkonsens schlagen konnte, ist fast 20 Jahre her: Es war das dritte Quartal 1998. In vielerlei Hinsicht fielen die ersten drei Monate 2018 außergewöhnlich für die US-Firmen aus: 74 Prozent der Unternehmen haben bei den Umsätzen positiv überrascht, bei den Gewinnen waren es sogar 81 Prozent. Bisher überragt das erste Quartal 2018 die letzten damit um Längen. Der in den letzten Jahren übliche Rücksetzer bei den Gewinnen im Vergleich zum jeweiligen vierten Quartal des Vorjahres blieb dieses Mal aus. Stattdessen zogen die Erlöse 6,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal und satte 24,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr an.

US-Unternehmen mit starker Berichtssaison

S&P 500-Gewinne ab Tag 1 des Quartals (adjustiert auf 100)
US-Unternehmen mit starker Berichtssaison
Quelle: Bloomberg. Stand: 3. Mai 2018.

Besonders die guten Umsatzzahlen spiegeln das positive Momentum der US-Volkswirtschaft wider, da sie weniger „gemanagt“ werden als die Gewinne. Darüber hinaus hat die US-Steuerreform die Schätzungen für letztere erschwert. Es ist durchaus denkbar, dass Analysten den Steuereffekt zu konservativ einkalkuliert haben und das Übertreffen der Gewinnerwartungen aus diesem Grund nun so deutlich ist. Auf Indexbasis sind die Gewinne seit Beginn der Berichtssaison am 1. April von 36,1 US-Dollar um 5,8 Prozent auf 38,2 US-Dollar am 2. Mai gestiegen. Die Ausblicke der Unternehmen für die kommenden Quartale sind positiv, was sich in der stabilen Entwicklung der Gewinne für die aktuelle Dreimonatsperiode zeigt. Das erwartete Gewinnwachstum für das Gesamtjahr 2018 bleibt damit bei 20 Prozent.

Deutlicher Gewinnanstieg im 1. Quartal

S&P 500-Quartalsgewinne
Deutlicher Gewinnanstieg im 1. Quartal
Quelle: Bloomberg, FactSet, Union Investment. Stand: 3. Mai 2018.

Die positive Entwicklung im ersten Quartal wird besonders von den zyklischen Sektoren Industrie und Technologie getragen, wo 89 beziehungsweise 93 Prozent der Unternehmen die Umsatzerwartungen übertroffen und auch deutliche Gewinnsteigerungen vermeldet haben. Die großen Indexschwergewichte aus dem Technologiebereich überzeugten durch die Bank: die „internet-affinen“ Plattformen wie Amazon, Netflix, Alphabet (Google) und Facebook verzeichneten ebenso extrem hohe Wachstumsraten wie Apple in seinem Service-Bereich (icloud, apple music, etc.). Die vorab diskutierten Sorgen, wie schwache iPhone X-Verkäufe bei Apple oder der Datenskandal bei Facebook (der erst Ende März öffentlich wurde), schlugen sich nicht in den Zahlen für die ersten drei Monate des Jahres nieder. Auch Unternehmen aus anderen Technologiebereichen, wie beispielsweise die Chip-Hersteller Intel und Texas Instruments sowie der Softwareriese Microsoft, berichteten sehr gute Zahlen. Ferner zogen die Unternehmensgewinne auch in den Sektoren Finanzen, Energie, Gesundheit und Zyklischer Konsum deutlich an.

S&P 500: Kein Impuls durch die Unternehmensberichte

Die guten Unternehmensberichte, der weiter positive Gewinnausblick und die in vielen Fällen mit der Ergebnisveröffentlichung angekündigten Aktienrückkaufprogramme (wie beispielsweise im Fall Apple über 100 Milliarden US-Dollar, beginnend im zweiten Quartal 2018) schlugen sich aber bislang nicht in einer positiven Entwicklung des S&P 500 nieder, der seit Quartalsbeginn nach wie vor im Minus liegt (Stand: 3. Mai 2018). Neben dem von US-Präsident Trump angezettelten Handelsstreit belasteten insbesondere die überrollenden volkswirtschaftlichen Frühindikatoren. Auch einige Unternehmen blicken mit etwas Sorge in die Zukunft: So ist in den Präsentationen der Quartalszahlen vermehrt das Thema Zölle zu finden. Ein weiteres Thema ist der steigende Margendruck, wie beispielsweise beim Baumaschinenhersteller Caterpillar. Mehr und mehr Unternehmen klagen über höhere Kosten bei Rohstoffen, Transport und vor allem Löhnen. Besonders in den arbeitsintensiven Sektoren Zyklischer Konsum und Industrie steigen die Anzeichen eines erhöhten Lohndrucks.

Europa: Aktien steigen trotz schwacher Quartalsberichte

Mit Blick auf die Kursentwicklung des STOXX Europe 600, der seit Beginn des zweiten Quartals um 4,2 Prozent zugelegt hat, könnte man meinen, in Europa läuft alles noch deutlich besser als in den USA. Dem ist aber nicht so: Sowohl das volkswirtschaftliche Momentum – wie beispielsweise von den jüngst veröffentlichten Einkaufsmanagerindizes oder auch vom stärkeren Überrollen unseres Euroraum-Frühindikators ELI im Vergleich zum US-Frühindikator ULI suggeriert – ist diesseits des Atlantiks deutlich stärker rückläufig als in den USA. Und auch die Unternehmensberichte für das erste Quartal reichen bei weitem nicht an das US-Niveau heran. So haben von den bislang veröffentlichten Berichten gerade einmal 50 Prozent die Umsatzerwartungen der Analysten geschlagen, 52 Prozent haben bei den Gewinnen positiv überrascht.

Leicht unterdurchschnittliche Berichtssaison in Europa

Anteil der positiven Gewinnüberraschungen (in Prozent)
Leicht unterdurchschnittliche Berichtssaison in Europa
Quelle: BofA Merrill Lynch. Stand: 3. Mai 2018.

Die ersten drei Monate des Jahres 2018 reihen sich damit in die schwachen Vorquartale ein. Entgegen dem Trend in den USA haben die Analysten daher auch ihre Gewinnschätzungen für das Gesamtjahr 2018 in Europa nach unten revidiert. Der Konsens erwartet aktuell noch einen Anstieg von 7,6 Prozent in Europa und 6,6 Prozent im Euroraum – kein Vergleich mit den erwarteten 20 Prozent in den USA.

Als Hauptbelastungsfaktor kristallisiert sich neben dem schwächeren Makromomentum der im ersten Quartal weiter aufwertende Euro heraus. Seit Beginn des Jahres 2017 bis zum 31. März 2018 hat er gegenüber dem US-Dollar rund 17 Prozent zugelegt – die letzten vier Prozentpunkte davon im ersten Quartal – und belastet damit in der Umrechnung der Umsätze und Gewinne.

Starker Euro belastet europäische Unternehmensgewinne

Wechselkurs EUR/USD
Starker Euro belastet europäische Unternehmensgewinne
Quelle: Thomson Reuters Datastream. Stand: 3. Mai 2018.

So enttäuschten vor allem europäische Unternehmen mit einem hohen Umsatzanteil in den USA. Unter diesem Aspekt ist es wenig überraschend, dass der stark exportlastige Sektor Industrie in Europa mit nur 36 Prozent positiven Gewinnüberraschungen ganz am Ende der Sektorenliste rangiert, während sein US-Pendant nach dem Technologiebereich auf Platz zwei liegt. Von der auch in Europa steigenden Nutzung von digitalen Plattformen profitieren europäische Unternehmen kaum; die Umsätze und Gewinne mit den europäischen Nutzern machen überwiegend die großen US-Unternehmen. Am überzeugendsten waren bislang die Gewinne der Unternehmen aus den Sektoren Rohstoffe und Gesundheit; bei den Umsätzen überraschten vor allem Telekommunikations- und Versorgerunternehmen.

Belastung durch Währungseffekte dürfte abnehmen

Mit Blick auf das aktuelle und die anstehenden Quartale dürfte die Belastung aus dem aufwertenden Euro auf die Unternehmenszahlen in Europa abnehmen, vorausgesetzt der Anstieg des letzten Jahres setzt sich nicht mit unvermindertem Tempo fort. Dies ist zum einen nicht die Erwartung der Währungsexperten von Union Investment, die zwar von einer tendenziell anhaltenden, aber weniger ausgeprägten Schwäche des US-Dollars ausgehen (Jahresendprognose EUR/USD 1,30), und andererseits hat der US-Dollar in den letzten Wochen zu einer Gegenbewegung angesetzt, die den Wechselkurs zum Euro wieder auf das Niveau des Jahresbeginns gebracht hat. Diese Entwicklung ist auch ein wichtiger Grund für das bessere Abschneiden des STOXX Europe 600 gegenüber dem S&P 500 seit Anfang April und weckt die Hoffnung auf eine bessere Gewinnentwicklung in Europa in den folgenden Quartalen. Unter Berücksichtigung der Währung bewegen sich die beiden Benchmarkindizes in den letzten Wochen auf Augenhöhe.

 

Stand: 4. Mai 2018.