Corona wird zum Katalysator

Das Coronavirus wird den Beginn der 2020er Jahre an den Kapitalmärkten entscheidend prägen, ist sich Jens Wilhelm, Vorstand von Union Investment, sicher. Der Kapitalmarktstratege gibt einen Ausblick auf die zweite Jahreshälfte.
Jens Wilhelm

Beitrag von Jens Wilhelm

Vorstand von Union Investment

Herr Wilhelm, die Corona-Pandemie bringt für viele Menschen Leid und Sorgen mit sich. Hinzu kommen die wirtschaftlichen Folgen. Wie groß werden die Wachstumseinbußen ausfallen?

Die Coronakrise ist die größte volkswirtschaftliche Herausforderung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der konjunkturelle Einbruch ist doppelt so tief wie in der Finanzkrise und erfolgt in deutlich kürzerer Zeit. Nach unseren Prognosen wird das Bruttoinlandsprodukt in der Eurozone im Jahr 2020 um 8,5 Prozent schrumpfen. Deutschland sollte die Krise mit Einbußen von 6,7 Prozent dabei noch vergleichsweise glimpflich überstehen. Besonders gravierend dürften die Folgen in Italien mit -11,7 Prozent und Spanien mit -11,5 Prozent ausfallen. Und selbst die robuste US-Volkswirtschaft wird mit einem Rückgang von 7,0 Prozent hart getroffen.

Liegt der wirtschaftliche Tiefpunkt denn schon hinter uns? In einigen Ländern werden die Corona-Beschränkungen ja wieder gelockert.

Die konjunkturelle Talsohle dürften wir tatsächlich hinter uns haben. Insbesondere die enormen geld- und fiskalpolitischen Hilfen, aber auch die ersten Erfolge in der Pandemiebekämpfung verfehlen ihre Wirkung nicht. An den Märkten liegt das Schlimmste daher wohl hinter uns, obwohl ein erneuter Anstieg der Infektionszahlen im Herbst sehr wahrscheinlich ist. Aber: Staat, Wirtschaft und Gesellschaft sind jetzt viel besser vorbereitet als noch vor wenigen Monaten. Die Folgen einer zweiten Welle dürften daher für die Kapitalmärkte deutlich geringer ausfallen.

Das heißt, Sie rechnen mit einer Erholung der Wirtschaft im weiteren Jahresverlauf?

So ist es. Im zweiten Halbjahr wird eine Erholung einsetzen, aber sie wird flach verlaufen. Einen schnellen, V-förmigen Aufholprozess erwarten wir – leider – nicht. Aber: Geld- und fiskalpolitisch wurde in der Coronakrise vieles richtig gemacht, und diese Unterstützung wird die Wirtschaft vor negativen Zweitrundeneffekten schützen. Dieser Trend wird anhalten, denn auch künftig wird der wirtschaftspolitische Fokus auf Wachstumsförderung und nicht auf Bekämpfung öffentlicher Haushaltsdefizite liegen. Das heißt aber auch: Vor uns liegen Jahre mit strukturell erhöhten Schuldenquoten der öffentlichen Hand, und zwar weltweit. Um die Tragfähigkeit dieser Staatschulden zu gewährleisten, wird geldpolitische Hilfe weiter notwendig sein.

Die Notenbanken werden also weiter aufs Gaspedal treten?

Davon gehen wir aus. Die Zentralbanken werden ihre Gläubigerrolle im Markt für Staatsanleihen ausbauen und auf Jahre hinaus die Renditen drücken. Besonders wichtig ist das für den Euroraum. Bereits vor Corona war die Lage von Ländern wie Italien angespannt. Durch die Wachstumseinbußen und die Konjunkturprogramme verringert sich nun deren Schuldentragfähigkeit zusätzlich. Aber mit den Maßnahmen der Europäischen Zentralbank und den Vorschlägen für einen Wiederaufbaufonds wurde das Problem wirkungsvoll adressiert. Die politischen Risikoprämien für Anlagen im Euroraum werden daher sinken. Das dürfte auch den Außenwert des Euro unterstützen.

Die Krise hat gezeigt, wie anfällig internationale Lieferketten sind. Was bedeutet das für die Globalisierung?

Eine groß angelegte Rückverlagerung industrieller Fertigung in die westlichen Länder wird es zwar nicht geben. Aber wir gehen von einer weiteren Verlangsamung der Globalisierung aus. Besonders bei kritischen Gütern wie Schutzausrüstung oder Impfstoffen werden die Regierungen auf den Ausbau heimischer Produktionskapazitäten dringen. Außerdem haben die Unternehmen in der Krise gesehen, wie anfällig ihre Lieferketten sind. Daraus werden sie Lehren ziehen, etwa durch mehr Vorräte und weniger internationale Arbeitsteilung. Im Ergebnis verliert die Globalisierung als Wohlstands- und Wachstumstreiber an Kraft.

Gibt es weitere Trends, die von der Coronakrise verstärkt werden?

Ja, etwa bei der Marktstruktur. Starke Unternehmen werden durch Corona noch gestärkt, während bereits angeschlagene Unternehmen vermehrt aus dem Markt ausscheiden. Eine höhere Konzentration wird in vielen Branchen die Folge sein. Dort sehen wir die Chance auf wachsende Margen und Gewinne. Bei der Auswahl von Aktien und Unternehmensanleihen gilt es diese Verschiebung zu beachten, denn Qualität wird sich mehr denn je auszahlen. Darüber hinaus dürfte auch Nachhaltiges Investieren weiter an Bedeutung gewinnen.

Inwiefern?

Anleger stoßen beim Umgang mit der Pandemie überall auf Nachhaltigkeitsfragen. Das fängt bei der wachsenden Attraktivität der Gesundheitsbranche an und hört bei Aktionärsrechten auf virtuellen Hauptversammlungen auf. Nachhaltigkeit wird die Geldanlage der Zukunft stark prägen, davon bin ich überzeugt.

Was bedeutet dieses Umfeld für die Kapitalmärkte?

Trotz Corona sehen wir die Anlagetrends der vergangenen Jahre bestätigt. Das Negativ- bzw. Niedrigzinsumfeld hält nicht nur an, es verschärft und verbreitert sich sogar. Investoren sind also mehr denn je von einem Anlagenotstand bedroht. Sichere Staatsanleihen werfen nach wie vor kaum Verzinsung ab. Gerade unter Chance-Risiko-Aspekten zählen daher Unternehmensanleihen zu den Anlagefavoriten. Die größten Anlagechancen bieten aber nach wie vor Aktien.

Wo dürfte die Reise am Aktienmarkt hingehen?

Auf Sicht von zwölf Monaten traue ich dem DAX einen Anstieg auf 13.300 Punkte zu. Es kommt aber mehr denn je auf die sorgfältige Titelauswahl an. Auch Rohstoffe schätzen wir als attraktiv, wenn auch volatil ein. Der Ölpreis ist durch Angebotsbeschränkungen und schwache Nachfrage gedeckelt. Edel- und Industriemetalle bieten hingegen noch günstige Einstiegsgelegenheiten.

Was denken Sie, wie lange wird uns die Corona-Pandemie wirtschaftlich noch beschäftigen?

Corona wird zu einem Dekadenthema, dessen Konsequenzen genauso dauerhaft sein werden wie die Folgen der Finanzkrise. Die Krise beschleunigt insbesondere bereits vorher angelegte Trends wie Deglobalisierung, Marktkonzentration und Nachhaltigkeit. An der Börse schafft Corona Gewinner wie Technologieaktien und Verlierer wie die Luftfahrt- oder Tourismusbranche. Anleger können sich diese Entwicklungen durch aktives Management zunutze machen.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
01. Juli 2020, soweit nicht anders angegeben.