Corporates-Markt erreicht Emissions-Höhepunkt

Die Emissionsflut am Markt für Unternehmensanleihen hält an – trotz Sorgen vor einer zweiten Corona-Welle. Dies liegt auch an der Unterstützung durch die Zentralbanken. So kauft die US-Notenbank nun auch einzelne Unternehmenspapiere. Angesichts der guten Marktentwicklung und möglicher konjunktureller Risiken ist eine sorgfältige Titelauswahl in dieser attraktiven Anlageklasse zwingend.

Trotz Sorgen vor einer zweiten Welle an Corona-Infektionen haben die Märkte für Unternehmensanleihen eine gute Woche mit sehr hohen Neuemissionsvolumina hinter sich. Laut JP Morgan sind in Europa in diesem Jahr bislang mit 185 Milliarden Euro Volumen bereits so viele von der Europäischen Zentralbank (EZB) kaufbare Papiere emittiert worden wie im Gesamtjahr 2019. Trotz des hohen Angebots sind die Investoren weiter bereit zuzugreifen. Der Asset Swap Spread auf europäische Investment-Grade-Anleihen hat sich trotz kurzzeitiger Turbulenzen an Fronleichnam auf rund 110 Basispunkten (BP) eingependelt, nach einer Spitze von fast 200 BP im März. Marktbeobachter erwarten, dass der temporäre Höhepunkt der Emissionsflut bald erreicht ist und sich das Angebot wegen der bevorstehenden Berichtssaison sowie der nahenden Sommerpause auf kurze Sicht abschwächen wird.

Unternehmen nutzen das aktuelle Marktumfeld für zahlreiche Emissionen

Neuemissionen europäischer Unternehmensanleihen bis Ende Mai
Unternehmen nutzen das aktuelle Marktumfeld für zahlreiche Emissionen
Quelle: Union Investment, BofAML; Stand: 29. Mai 2020

Die gute Aufnahmebereitschaft des Marktes ist rational erklärbar. Sie liegt an der nach Ansicht unserer Experten vergleichsweise attraktiven Bewertung von Credits im Assetklassen-Vergleich. Das von den Zentralbanken krisenbedingt länger in Aussicht gestellte Negativ- und Niedrigzinsumfeld führt zur fortgesetzten Suche nach Rendite. Davon profitieren Anleihen mit Risikoaufschlag (Spread). Dies unter der Annahme, dass die Corona-Neuinfektionen durch regional und zeitlich eng begrenzte Eindämmungsmaßnahmen im Griff gehalten werden können oder ein Impfstoff gefunden wird. Ansonsten könnte die Wirtschaft einen neuen Rückschlag erleiden und die Ausfallraten dürften stärker als vom Markt vorweggenommen steigen.

Rekordnachfrage für EZB-Liquiditätsspritze

In der Allokation sind daher unbedingt idiosynkratische – also unternehmensspezifische – Risiken im Rahmen der Bottom-Up-Auswahl zu beachten. Branchen wie Airlines, Touristik oder Kreuzfahrtbetreiber, die noch hohe Risikoaufschläge bieten, sind von der Corona-Krise deutlich stärker getroffen und bergen mitunter unkalkulierbare Risiken. Auch die vergleichsweise hohen Spreads im Automobilsektor reflektieren die Unsicherheit über die Konjunkturentwicklung.

Im Bankensektor müssen sich Fremdkapitalgeber dagegen weniger Sorgen machen. Europäische Bankanleihen erhalten unter anderem Unterstützung durch regulatorische Erleichterungen für Finanzinstitute. Hinzu kommen neue Liquiditätsspritzen der EZB. Am Donnerstag haben die europäischen Banken 1,3 Billionen Euro an gezielten längerfristigen Liquiditätshilfen (TLTRO III) abgerufen – eine Rekordsumme. Zum einen dürften dadurch weniger Senior Preferred- und Covered Bond-Emissionen an den Markt kommen, was das Financials-Segment unterstützt. Auch dürften Banken eigene kurzlaufende Anleihen zurückkaufen, da sie sich über den TLTRO günstiger refinanzieren können. Oder sie setzen in ihrem Anlagebuch Carry-Trades auf, indem sie vorwiegend am kurzen Ende Wertpapiere mit geringen Anforderungen an Eigenkapitalhinterlegung kaufen. Aber auch für Banken ist der weitere Verlauf der Pandemie entscheidend. Längere Lockdowns führen zu höheren Kreditausfällen und steigendem Kapitalbedarf, was in den Risikoaufschlägen nicht mehr kompensiert ist.

Fed kauft gezielt Unternehmenspapiere

Strukturell erhalten Unternehmensanleihen auch starke Unterstützung durch die umfangreichen Kaufprogramme großer Notenbanken. So hat die US-Notenbank Federal Reserve am Montag erklärt, Unternehmenspapiere im Rahmen der Secondary Market Corporate Credit Facility (SMCCF) auch einzeln zu kaufen. Bislang erwarb sie nur börsengehandelte Corporates-Fonds (ETFs). Dazu schafft die Notenbank ein breites, diversifiziertes Index-Portfolio an Titeln, die bestimmten Kaufkriterien entsprechen. Unter anderem können nur Bonds gekauft werden, die vor dem 23. März ein Investment-Grade-Rating hatten.

Damit beweist die Fed erneut Flexibilität und es ist eine zielgerichtetere Steuerung der Liquiditätshilfen möglich. Die bereits am 23. März angekündigte SMCCF war mitten in der Corona-Krise der Wendepunkt für Risikoanlagen und führte zu einer Stabilisierung der Märkte. Das Programm bleibt wichtig: Auch am Montag zogen als Folge der Fed-Nachricht die Kurse von Investment-Grade-Bonds an und stiegen auf ein Rekordhoch (iBoxx Investment Grade Corporate Bond-Index). Bislang hat die Fed über die SMCCF erst Anleihen-ETFs für rund sechs Milliarden US-Dollar erworben, sie kann aber Papiere über 250 Milliarden US-Dollar ankaufen. Über die Primary Market Corporate Credit Facility (PMCCF) hat die Fed zudem die Möglichkeit, direkt am Primärmarkt Unternehmenspapiere über 500 Milliarden US-Dollar zu erwerben.

Die EZB ihrerseits hat zuletzt ihr Corona-Notfallkaufprogramm (PEPP) bis Mitte 2021 verlängert und auf 1,3 Billionen Euro aufgestockt. Damit ist es der EZB prinzipiell möglich, einen bedeutenden Teil des europäischen Corporates-Marktes zu erwerben. Am Dienstag sagte EZB-Ratsmitglied Fabio Panetta außerdem, die EZB würde falls notwendig auch den Kauf von „Fallen Angels“ erwägen, also von Anleihen, die ihr Investment-Grade-Rating verloren haben. Insgesamt bleibt so nach unserer Einschätzung das günstige Umfeld für Unternehmensanleihen weiter bestehen, wobei die Einzeltitelauswahl zentral bleibt.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
19. Juni 2020, soweit nicht anders angegeben.