Damals und heute

Zehn Jahre sind seit der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers vergangen, der die größte globale Finanz- und Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit folgte. Wir haben mit Experten aus dem Portfoliomanagement bei Union Investment über Ursachen, Verlauf und Bewältigung der Krise gesprochen. Sie schauen zurück und erklären, was sich seitdem verändert hat.
Alexander Ohl, Leiter Credit Solutions

Verbriefungen

Damals

„Fragt man nach der Ursache der Finanzkrise, fällt immer wieder ein Wort: Verbriefungen. Es ist unbestritten, dass in diesem Bereich Vehikel geschaffen wurden, die in den Krisenjahren als Brandbeschleuniger wirkten. Der eigentliche Auslöser lag aber vielmehr im Platzen der US-Immobilienblase. Als die riskanten Hypothekenkredite – sogenannte Subprime-Kredite – brannten, fing auch der Verbriefungsmarkt Feuer. Insbesondere komplexe Techniken wie Wiederverbriefungen gingen in die Knie und zogen andere Bereiche des Marktes mit. Erschwerend kam hinzu, dass die Finanzaufsicht nicht akribisch hinschaute: Zum einen wurde zugelassen, dass Banken faule Kredite über Verbriefungen auslagern konnten, ohne wie heute einen Teil des Risikos selbst zu tragen. Zum anderen konnten sich die Institute für die Bemessung der Eigenkapitalanforderungen ausschließlich auf die Bonitätsurteile der Ratingagenturen stützen und mussten keine eigene Überprüfungen anstellen. Gerade im Subprime-Bereich waren die Agenturen aber zu optimistisch. Letztlich haben mangelnde Regulatorik und pauschaler Umgang mit Risiken auch solide Verbriefungsarten in Sippenhaft genommen und zu Preisverwerfungen und Reputationsverlusten geführt, die noch viele Jahre zu spüren waren.“

Heute

„Der Verbriefungsmarkt ist heute deutlich stärker reguliert. Neue Richtlinien zur Risikomessung und -analyse verringern die Abhängigkeit der Institute von Ratings Dritter. Daneben gelten höhere Eigenkapitalanforderungen für Verbriefungstransaktionen. Der 5%-Risikoselbstbehalt sorgt zudem dafür, dass hochriskante Produkte nicht mehr pauschal verkauft und deren Risiken vollständig an Zweckgesellschaften und Investoren weitergereicht werden können. Wir haben jahrelang bei Investoren Aufklärungsarbeit geleistet. Denn letztlich ist der komplexe Verbriefungsmarkt ohne die nötigen Zugänge und Systeme für viele eine Black Box. Seit 2012 sehen wir wieder verstärkt Neuemissionen, heute ist die Nachfrage auf institutioneller Seite gut. Investoren haben gelernt zu differenzieren und gute von schlechten Produkten zu unterscheiden.“

Jürgen Vogler, Leiter Short Term & Liquidity

Geldmarkt

Damals

„Am Geldmarkt war die Situation gleich zu Beginn der Finanzkrise besondere prekär. Die Verwerfungen an den Kredit- und Verbriefungsmärkten hinterließen deutliche Spuren bei den Geldmarktfonds, die eigentlich als sichere Liquiditätsparkplätze galten. Normalerweise handeln in diesem Bereich des Finanzsystems Geschäftsbanken mit dem Guthaben, das sie bei der Zentralbank haben. Im Zuge der Krise drohte der Markt zu versagen, da die Banken einander misstrauten und sich keine kurzfristigen Kredite in Form von Übernachtdarlehen mehr gewährten. Das brachte einige Geldhäuser in Zahlungsnöte. Als Konsequenz zogen verunsicherte Anleger massiv Geld aus den Geldmarktfonds ab, die Handelbarkeit der Geldmarktpapiere war nur noch mit deutlich größeren Geld-/Briefspannen möglich. Die Liquidität der Fonds war wie ausgetrocknet. Die Situation hat sich jedoch nach einigen Monaten wieder deutlich beruhigt. Zum einen stellten die Regierungen weltweit den Banken Kapital und Liquiditätshilfen zur Verfügung, gleichzeitig kamen den Geldmarktfonds in dieser Phase die kurzen Restlaufzeiten mit entsprechenden Fälligkeiten zu Gute. Auch das Vertrauen kam schrittweise wieder zurück.“

Heute

„Die Finanzkrise hat die Schwächen des Geldmarktes schonungslos aufgedeckt. Daraus haben alle Marktteilnehmer in den vergangenen Jahren ihre Lehren gezogen: Von Regulierungsseite wurden die Rating- und Laufzeitkriterien für Geldmarktfondsinvestments angepasst. Bei Union Investment achten wir besonders auf einen ausreichenden Liquiditätspuffer im Fonds, um je nach Umfeld flexibel handeln zu können. Daneben wird bei sehr hohen Zuflüssen bei einigen Fonds eine Absichtserklärung bezüglich einer Halteperiode von mindestens 90 Tagen von den Kunden unterzeichnet. Mit Blick auf die Anlagestrategie stellen wir die Portfolios heute außerdem noch breiter über unterschiedliche Risikoklassen hinweg auf. Daneben spielt eine hohe Emittentenstreuung eine wichtigere Rolle. Diese Maßnahmen machen die Geldmarktfonds weniger krisenanfällig, was sich allerdings auch in Renditeeinbußen widerspiegelt. Gerade im aktuellen Niedrigzinsumfeld bieten daher geldmarktnahe Fonds eine interessante Anlagemöglichkeit.“

Max Holzer, Leiter Relative Return

Suche nach höheren Renditen

Damals

„Schockzustand – das ist wohl die treffende Beschreibung für das, was 2008 an den Märkten herrschte. Die Gier der Investoren nach Rendite in Kombination mit zum Teil wenig transparenten und komplexen Finanzprodukten war letztlich der gefährliche Cocktail, der das stark auf Abhängigkeiten ausgerichtete Finanzsystem ins Wanken brachte. Der Zusammenbruch von Lehman Brothers war somit die logische Konsequenz dieser negativen Entwicklung. Der Kollaps der Bank brachte eine Lawine ins Rollen, deren gewaltige Kettenreaktion in dieser Dimension kaum abschätzbar gewesen ist. Die Krise breitete sich in der global vernetzten Finanzwelt wie eine Epidemie über alle Anlageklassen hinweg aus. Dass die Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige Finanzminister Peer Steinbrück dann die Sicherheit der Spareinlagen betonten, war sicherlich gut gemeint. Allerdings waren dadurch viele Sparer unsicher, wie es denn um die Sicherheit ihrer Investmentfonds bestellt sei. Dass diese als Sondervermögen eigenständig geschützt sind – auch bei einer Bankpleite – wurde nicht erwähnt. Entsprechend musste die gesamte Asset-Management-Branche in kürzester Zeit temporär erhebliche Kapitalabflüsse verkraften.“

Heute

„Der Zielkonflikt zwischen Rendite und Risiko ist auch heute am Kapitalmarkt nicht aufzulösen. Gerade im anhaltenden Niedrigzinsumfeld stehen Investoren vor der Herausforderung, auskömmliche Renditen zu erwirtschaften. Entscheidend ist aber – damals wie heute – mit Augenmaß und realistischen Einschätzungen zu investieren und sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass langsames, aber gesundes Wachstum langfristig nachhaltiger ist als das Investieren mit risikoreicherem kurzfristigen Renditefokus. Dazu haben in den vergangenen Jahren die Verschärfung der Regulierung und der Aufsicht für Finanzmärkte und -instrumente beigetragen. Sie haben den Versuch unternommen, das System krisenfester zu machen. Parallel hat das Thema Nachhaltigkeit kontinuierlich an Bedeutung gewonnen. Die Berücksichtigung der so genannten ESG-Kriterien ist mittlerweile Teil einer umsichtigen Risikoanalyse geworden. Auch bei Union Investment fließen diese Informationen zusammen mit sämtlichen Markteinschätzungen und Anlageideen aus allen Bereichen des Portfoliomanagements in einen systematischen Analyse- und Entscheidungsfindungsprozess ein. Diesen haben wir im Union Investment Committee institutionalisiert.“

Stephan Ertz, Leiter Unternehmensanleihen

Anleihemarkt

Damals

„Im Jahr 2008 überschlugen sich die Ereignisse – zunächst auf Seiten der Banken. Doch nach dem Notverkauf von Bear Stearns, der Lehman-Pleite und der Rettung der Hypo Real Estate stand schließlich mit Island das erste Land vor dem Staatsbankrott. Auch die Realwirtschaft konnte sich dem Sog nicht entziehen. Die Investitionsausgaben gingen drastisch zurück. Das brachte die gesamte Lastwagen- und Automobilbranche ins Schlingern. Die Absatzzahlen brachen dramatisch ein. Parallel zur Einschränkung der Konsumausgaben verschlechterten sich für Unternehmen auch die Finanzierungsbedingungen. Zahlreiche Refinanzierungen standen auf dem Spiel, weil von Seiten der Banken nicht ausreichend Liquidität zur Verfügung gestellt wurde. Am Credits-Markt brachen die Kurse ein, die Risikoaufschläge schossen in die Höhe. Auf Neuemissionen von Daimler und BMW standen auf einmal rund acht Prozent – ein enormer Aufschlag für diese soliden Schuldner. Die Rezessionsangst trieb die Zinsen nach oben.“

Heute

„Nur mit staatlichen Milliardenhilfen konnten zahlreiche Banken weltweit gerettet werden. Seitdem sind die Eigenkapital- und Liquiditätsvorschriften für Kreditinstitute deutlich strenger geworden und auch die Unternehmenspflichten wurden verschärft. In Summe haben die Regulierer dem Finanzsystem und damit auch dem Anleihemarkt mehr Stabilität verliehen. Bei Union Investment haben wir außerdem bereits 2008 das Kontrahenten-Risiko-Komitee gegründet. Mit Blick auf ein professionelles Risikomanagement wurden ein Due Diligence-Prozess und eine Datenbank aufgesetzt, um die wirtschaftliche Stabilität und Reputation von Brokern zu analysieren und zu dokumentieren. So können wir heute systematisch und schnell entscheiden, mit welchen Kontrahenten wir Geschäfte abwickeln möchten und mit welchen lieber nicht.“

Stand: 07. August 2018