Das Gas fließt – aber das Zittern geht weiter 

Nach einem Wartungsunterbruch ist Pipeline Nord Stream 1 wieder reduziert in Betrieb. Allerdings bleibt die Lage unsicher. Bei anhaltenden Lieferungen dürfte eine Rezession wohl vermeidbar sein, nicht jedoch bei einem Komplettausfall. Dies hätte deutliche Auswirkungen auf verschiedene Anlageklassen.  

Die Zitterpartie um russische Gaslieferungen hält an. Russland hat nach der Wartungsphase die Pipeline Nord Stream 1 wieder in Betrieb genommen. Bislang deutet vieles darauf hin, dass die Lieferungen sich auf dem Niveau aus der Zeit vor der Wartungsphase bewegen werden, und etwa 40 Prozent der eigentlichen Pipeline-Kapazität betragen. Damit hat sich die Erwartung der Experten von Union Investment, also das Hauptszenario mit der größten Wahrscheinlichkeit, vorerst bewahrheitet. Am europäischen Gasmarkt gaben am Tag der Wiederaufnahme der Lieferungen (21. Juli 2022) die Preise gemessen am niederländischen TTF-Terminkontrakt zunächst bis auf knapp 146 Euro pro MWh (Megawattstunde) nach. Sie stiegen aber am Freitag (22. Juli 2022) wieder auf rund 163 Euro pro MWh. Zum Vergleich: Vor einem Jahr notierte der Gaspreis bei rund 36 Euro pro MWh. 

Nach vorne gerichtet dürfte Russland nun versuchen, die Unsicherheit in den Importländern möglichst lange hochzuhalten, um die politischen Entscheidungen der EU-Mitgliedsstaaten zu erschweren und möglichst auch die gesellschaftliche Solidarität zu untergraben. Dies ist am ehesten möglich, indem die Höhe der Gaslieferungen in der Art und Weise gesteuert wird, um den Abnehmern einen „unkomfortablen Winter“ zu bereiten. Die Füllstände der Gaslager in den Abnehmerländern sind somit die Zielgröße des Kalküls der Regierung in Moskau. Der Themenkomplex der russischen Gaslieferungen und die konjunkturellen Folgen sowie  Auswirkungen über die Anlageklassen hinweg werden die Märkte daher mit großer Sicherheit über die nächsten Monate beschäftigen. 

  • Unklare Erdgaslieferungen hält Märkte in Atem

    Das Gas fließt – aber das Zittern geht weiter

    Das Gas fließt – aber das Zittern geht weiter
    Quelle: Bundesnetzagentur; Stand: 22. Juli.2022.
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    Energieverbrauch der Industriezweige

    Energieverbrauch der Industriezweige
    Quelle: Bundesnetzagentur; Stand: 22. Juli.2022.

Bei abruptem Lieferstopp droht Rezession 

Konjunkturell lässt sich festhalten, dass ein abruptes Ende der Gaslieferungen Deutschland in die Rezession rutschen ließe. Die Szenarien der Bundesnetzagentur legen für diesen Fall eine Schrumpfung im Bereich zwischen einem und fünf Prozent nahe. Wie tief die Rezession ausfallen würde, hängt unter anderem an der Frage, wie stark die Energie-Einsparungen bei Verbrauchern und Industrie zum Tragen kommen und wie schnell die Politik bei der Erschließung alternativer Gasquellen sein wird, etwa über neue Lieferkanäle und LNG-Terminals (LNG: verflüssigtes Erdgas). Aktuell plant die Bundesregierung die Inbetriebnahme eines LNG-Terminals in Wilhelmshaven zum 21. Dezember 2022. Das könnte die Gaslage und damit die konjunkturelle Situation etwas entspannen. 

Sollte das Gas hingegen weiter fließen, dann könnte eine Rezession durchaus umgangen werden - je nachdem, wie viel und wie regelmäßig russisches Gas geliefert wird. In jedem Fall ist ein schwieriger Winter zu erwarten. Denn: Selbst wenn ausreichend Gas beschafft werden kann, dann werden die Preise dafür ein Vielfaches dessen betragen, was Verbraucher und Industrie in der Vergangenheit bezahlt haben. Aktuell ist Gas am Markt fünfmal so teuer wie vor einem Jahr und neunmal so teuer wie vor der Pandemie. Das hinterlässt Spuren, etwa bei Inflation, Konsumstimmung und Produktionsbedingungen in der Industrie.  

Versorger-, Chemie- und Autosektor besonders im Fokus 

Was bedeutet das für die Kapitalmärkte? An den Aktienmärkten hat die Nachricht, dass die Pipeline wieder in Betrieb genommen werden soll, bereits in den vergangenen Tagen zu einem Kursanstieg geführt, weil Unsicherheit aus dem Markt gewichen ist. Sollte allerdings ein tatsächlicher Engpass beim Gas folgen, dann träfe das die verschiedenen Sektoren mit unterschiedlicher Wucht. Besonders betroffen wären Versorger, die möglicherweise ausbleibende Gaslieferungen am Spotmarkt zu höheren Preisen besorgen müssten, um den vertraglichen Verpflichtungen nachkommen zu können. Auch der Chemiesektor, der für rund 30 Prozent des industriellen Gasverbrauchs steht, dürfte unter dem Mangel leiden. In der Automobilindustrie ist die direkte Abhängigkeit von russischem Gas zwar weniger ausgeprägt, aber die mögliche Unterbrechung der Lieferketten als Folge des Gasmangels könnte den Sektor in Bedrängnis bringen. Der Finanzsektor, insbesondere Banken, sollte ebenfalls nur indirekt, etwa über Kreditausfälle im Verarbeitenden Gewerbe, betroffen sein.  

An den Rentenmärkten dürften mit wachsenden Risiken die Spreads bei Unternehmensanleihen in den bereits genannten Sektoren ansteigen. Insbesondere im Verarbeitenden Gewerbe könnten die Ausfallwahrscheinlichkeiten zunehmen. 

Was die Geldpolitik betrifft, ist aktuell davon auszugehen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) auch im Falle einer leichten Rezession am geldpolitischen Straffungskurs festhalten wird, was zusätzlichen Druck auf die Anleihekurse ausüben dürfte. Da der Markt nach wie vor kräftige Zinserhöhungen einpreist, besteht allerdings die Möglichkeit, dass in einem Rezessionsszenario diese teilweise ausgepreist werden könnten – was die Kurse in „sicheren Häfen“ stützen könnte. 

Differenziertes Bild bei Rohstoffpreisen  

Auch auf der Rohstoffseite sind unterschiedliche Entwicklungen denkbar. Während der Gaspreis aufgrund der Knappheit in den vergangenen Monaten um ein Vielfaches gestiegen ist, würde die Angst vor einer etwaigen Rezession als Folge des Gasmangels grundsätzlich auf den Rohstoffmärkten lasten. Die Märkte, insbesondere bei den Industriemetallen (aber teilweise auch die Energierohstoffe), haben davon einiges vorweggenommen und sich nach der Inbetriebnahme wieder etwas erholt. Am Donnerstag geriet der Ölmarkt unter Druck, unter anderem weil durch die Inbetriebnahme von Nord Stream 1 die Risikoprämie teilweise ausgepreist wurde. 

Für die kommenden Monate gehen die Experten von Union Investment etwa bei Öl von einem sinkenden Preis aus. Kurzfristig würden auch Industriemetalle negativ auf einen Gasengpass in Europa reagieren. Mittelfristig bleiben hingegen die konjunkturelle Entwicklung in China und der Megatrend „Energiewende und Dekarbonisierung“ die wichtigsten Nachfragetreiber. Davon profitieren auch die industrienahen Edelmetalle wie Platin und Palladium, während bei Gold das Aufwärtspotential durch das gestiegene Zinsniveau begrenzt wird. 

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
22. Juli 2022, soweit nicht anders angegeben.

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