Der DAX: Deutsches Trauerspiel oder exemplarisch für Europa?

Im 31. Jahr seit seiner Auflegung ist der Deutsche Leitindex DAX, einst Sinnbild der wirtschaftlichen Stärke Deutschlands, nicht unbedingt gut beleumundet. Da ist zum einen die Zusammensetzung mit dem starken Finanzsektor und den drei großen Autoherstellern, vor allem aber der augenfälligen Abwesenheit schlagkräftiger Tech-Konzerne (von SAP und Infineon mal abgesehen).

Gerade kapitalmarktaffine Beobachter schmerzt aber vor allem die Wertentwicklung. Denn der DAX tritt auf der Stelle. Schaut man sich die Kurse seit der Finanzkrise an, dann fällt zweierlei auf: Der DAX hat sich seither absolut betrachtet gut erholt, sein Wert hat sich seither um rund 400 Prozent gesteigert. Das ist das Positive. Das Negative: die Aussage war auch im Frühjahr 2015 schon richtig. Seither hat sich im wichtigsten deutschen Börsenbarometer nämlich performance-mäßig nicht mehr viel getan.

Der Blick in die USA kann da schon neidisch machen: Während die Elite der gelisteten deutschen Unternehmen auf der Stelle trat, preschten die US-Pendants nach vorne. Die im S&P 500 notierten Konzerne konnten ihren Börsenwert seit 2015 im Schnitt um gut 40 Prozent steigern, die besten unter ihnen, wie etwa Amazon oder Alphabet, um wesentlich mehr. Aus deutscher Sicht muss man sagen: klar, das ist beneidenswert. Aber: Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Der S&P 500 ist als Index durchsetzt mit Tech-Werten der obersten Kategorie. Sie allein sind schon für einen großen Teil der Performance verantwortlich. Außerdem werden die Kurse in den USA seit zwei Jahren durch die Steuerreform angetrieben, die den Unternehmen unter anderem ermöglicht, die im Ausland erwirtschafteten Gewinne zu günstigen Konditionen zu repatriieren – nicht selten landet das Geld in Aktienrückkaufprogrammen, die wiederum in Kurssteigerungen münden.

Blick nach Europa

All das ist weder in Deutschland noch in Europa zu beobachten. Daher sollte man realistisch betrachtet den DAX auch mit seinen europäischen Peers vergleichen – und dann sieht es nur halb so schlimm aus. Auch wenn, die vergangenen vier Jahre für Deutschland nicht überbordend waren, ist auch keine spektakuläre Underperformance zu erkennen. Der DAX war nicht der beste Index, aber auch nicht der schwächste. Solides Mittelfeld, möchte man sagen. Statt von einer Schwäche des DAX zu sprechen, sollte man also fairerweise von einer europäischen Problematik reden. Die gibt es durchaus, sie hat aber auch Gründe. Sie hängt damit zusammen, dass die Aktienkurse den Gewinnen hinterherlaufen. Das ist zwar eine Binsenweisheit, aber sie bewahrheitet sich eben auch immer wieder. Unter dem Strich sind die Unternehmen in den USA nun mal profitabler. Das hat steuerliche Gründe, aber auch (grundsätzlich schützenswerte) rechtliche und regulatorische Ursachen, etwa bei Fragen der Sozialleistungen und im Kündigungsschutz. Im Falle von Deutschland muss man zudem noch einräumen, dass es für den DAX noch einige spezifische Gründe für die schlechte Wertentwicklung gibt. So unterlaufen die im Index vertretenen Finanzinstitute seit Jahren die Erwartungen, der Bayer-Konzern hat sich bei der Monsanto-Übernahme ein Reputationsrisiko ins Portfolio gehoben, dass die Aktionäre verschreckt, und der Automobilsektor macht seit drei Jahren mit Negativ-Schlagzeilen in der Dieselaffäre und Kartellvorwürfen von sich reden. Dass diese Gemengelage Investoren nicht magisch anzieht, verwundert nicht. Die Konsequenz: Das Gros der DAX-Mitglieder hat in den vergangenen vier Jahren keine positive Performance erzielt.

Potenzial ist vorhanden

Bevor man als Investor jetzt den Kopf in den Sand steckt oder sein Geld vollumfänglich in US-Aktien investiert: Die Konzerne im DAX haben durchaus einiges zu bieten, und nicht wenig spricht dafür, dass sie ihre Stärken bald ausspielen können. Der Automobilsektor beispielsweise könnte einer der großen Gewinner der Elektromobilität werden. Wenn es die drei großen Adressen schaffen, ihre neuen, elektrisch betriebenen Modelle in ausreichender Stückzahl am Markt zu platzieren, dass sie damit Geld verdienen, dann wird das auch dem DAX in Gänze guttun. Und mit Infineon und SAP sind mittlerweile zwei Schwergewichte vertreten, die sich auf Weltniveau bewegen und den Index potenziell weiter nach vorne bringen – im Falle von Infineon spätestens dann, wenn die Wende zur Elektromobilität Fahrt aufnimmt. Denn außerhalb der Automobilindustrie dürfte kaum ein Unternehmen so sehr von alternativen Antrieben und autonomen Fahren profitieren wie die Münchener. Das Potenzial ist da.

Die Argumentation gegen den DAX hat aus der Sicht eines aktiven Investors vor allem aber noch einen ganz anderen Makel: Die Frage ob der DAX oder der DOW, der S&P 500 oder Hang Seng, stellt sich eigentlich nicht. Jede Region hat ihre eigenen Spezifika, die man nicht gegeneinander aufwiegen kann – das gleich gilt im Übrigen auch für die Frage nach Small Caps oder Standardwerten. Es ist richtig, dass es in den USA eine Fülle an erstklassigen Unternehmen mit sehr starkem Management, guten Returns und aktionärsfreundlicher Policy gibt. Die gibt es aber auch in Europa und in Asien. Die zentrale Aufgabe als Investor ist es, die jeweils besten herauszupicken und zu einem intelligenten und diversifizierten Portfolio zusammenzustellen. Wenn das gelingt, dann tritt die Performance einzelner Indizes relativ schnell in den Hintergrund.

 

Stand aller Informationen und Darstellungen:
09. Mai 2019, soweit nicht anders angegeben.