Deutsche Wirtschaft unter Druck

Lange galt Deutschland als Wachstumslokomotive Europas. Nun lasten deutliche Einbußen im Exportsektor auf der Wirtschaft. Die Binnenkonjunktur zeigt indes ein besseres Bild. Einige aussagekräftige Umfrageindikatoren signalisieren eine konjunkturelle Belebung in der zweiten Jahreshälfte.

In den letzten Monaten sah es für die deutsche Wirtschaft nicht mehr ganz so gut aus. Nach einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts im dritten Quartal 2018 legte die Wirtschaft im vierten Quartal lediglich um 0,02 Prozent zu. Damit ist Deutschland nur knapp einer (technischen) Rezession entgangen. Die aktuelle Konjunkturlage ist in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert: Während die Industrie deutlich schwächelt, präsentiert sich die Dienstleistungssparte überraschend stabil. Dies erstaunt vor dem Hintergrund, dass in der Vergangenheit die Binnennachfrage in Deutschland im Vergleich zu den Ausfuhren eher schwach ausfiel. Nun zeigt sich der heimische Verbraucher als wichtige Stütze der Wirtschaft.

Im Januar 2019 ist der Einkaufsmanagerindex der deutschen Industrie erstmals seit November 2014 unter die Wachstum signalisierende 50-Punkte-Marke gefallen. Auch in den folgenden Monaten konnte sich die Lage nicht verbessern – ganz im Gegenteil: Nach insgesamt acht Rückgängen in Folge markierte das Barometer im März dieses Jahres mit 44,7 Punkten den tiefsten Stand seit sechseinhalb Jahren. Gleichzeitig ist die Subkomponente für den Ordereingang der Industrie aus dem In- und Ausland in den letzten Monaten auf Werte weit unter 50 Punkten gesunken. Auch der im März veröffentlichte Economic Sentiment Indicator (ESI) weist auf eine anhaltende Schwäche des verarbeitenden Gewerbes hin. Da es bislang keine Anzeichen für eine Belebung des globalen Wachstums gibt, sollte sich der deutsche Außenhandel in nächster Zeit nur verhalten entwickeln.

Schwache Industrie – stabile Dienstleistungen

Schwache Industrie_stabile Dienstleistungen

Quelle: Destatis; Stand: 28. März 2019

Konjunkturabkühlung und Protektionismus lasten auf Exporten

Die Zahlen verdeutlichen einmal mehr die starke Exportabhängigkeit der deutschen Wirtschaft. In Zeiten, in denen die Weltwirtschaft stark und synchron wächst, profitiert Deutschland von der hohen Nachfrage des Auslands nach seinen Produkten. Doch seit dem letzten Jahr hat sich die Konjunktur weltweit spürbar abgekühlt. Daraufhin hat auch der Appetit auf Importe aus Deutschland fast überall nachgelassen. Deutschlands wichtigste Handelspartner sind – neben den USA und China – vor allem die europäischen Nachbarländer, die mit der Konjunkturabschwächung gleichermaßen zu kämpfen haben.

Auch der zunehmende Protektionismus hinterlässt Spuren. US-Präsident Trumps angedrohte Schutzzölle und Einfuhrbeschränkungen sind der Kernpunkt im seit Monaten andauernden Handelsstreit zwischen den USA und China. Da beide Parteien wichtige Handelspartner Deutschlands sind, sind die Auswirkungen des Konflikts auch hierzulande spürbar. China kämpft zusätzlich mit einem abnehmenden Wirtschaftswachstum. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt wuchs im vergangenen Jahr so langsam wie zuletzt 1990. Die Regierung will der konjunkturellen Schwäche nun mit Entlastungen der Unternehmen und Verbraucher durch Steuersenkungen, höhere Investitionen in die Infrastruktur sowie einer erleichterten Kreditvergabe an kleinere und mittelständische Firmen entgegenwirken. Die Konsequenzen der chinesischen Wachstumsproblematik reichen jedoch weit über die Grenzen des Landes hinaus.

Deutschlands Exporte nach Ländern USA ist stärkster Partner 

Deutsche Exporte

Quelle: Destatis; Stand: 28. März 2019

Konjunkturoptimismus steigt wieder

Dennoch besteht kein Grund für zu viel Pessimismus, denn die deutsche Binnenkonjunktur zeigt ein deutlich besseres Bild: Die Lage am heimischen Arbeitsmarkt blieb trotz der schwächelnden Konjunktur in den vergangenen Monaten stabil. Laut der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) werden die verfügbaren Einkommen der deutschen Haushalte in diesem und im nächsten Jahr um je fast 3,5 Prozent zulegen. Daher rechnet die GfK für 2019 auch mit einem Anstieg der privaten Konsumausgaben von 1,5 Prozent, obwohl die Kauflaune der Verbraucher in Deutschland im März zuletzt einen leichten Dämpfer erfahren hat: Die Konsumenten hatten ihre Einkommenserwartung und ihre Bereitschaft zu größeren Ausgaben aufgrund der Verunsicherung hinsichtlich des Brexits und des Handelsstreits gesenkt. Dies schlug sich im monatlich erhobenen GfK-Konsumklimaindex mit einem Rückgang um 0,3 Punkte auf 10,4 Punkte nieder. Die Konsumneigung der Deutschen bleibt aber dennoch ausgesprochen gut, da die Verbraucher die künftigen Konjunkturaussichten inzwischen wieder optimistischer einschätzen.

Auch auf Unternehmensebene hat sich die Stimmung jüngst aufgehellt: Der Ifo-Geschäftsklima-Index ist im März überraschend von 98,7 auf 99,6 Punkte gestiegen – die erste positive Entwicklung nach sechs Rückgängen in Folge. Sowohl die Bewertung der aktuellen Lage als auch die Einschätzung für das künftige Geschäft wurden von den befragten Unternehmen zuversichtlicher bewertet als in den letzten Monaten. Die Lageeinschätzung der Firmenchefs spricht dieselbe Sprache wie die übrigen Frühindikatoren: Während der Ifo-Erwartungswert für die Industrie auf den niedrigsten Stand seit rund sieben Jahren gefallen ist, verbesserte sich die Stimmung im Dienstleistungssektor und im Handel deutlich.

Schwächeres Wachstum, aber keine Rezession

Auch die Union Investment-Frühindikatoren zeigen den Stimmungsumschwung an: Sowohl das Barometer für die USA (ULI) als auch für die Eurozone (ELI) und China (CLI) haben nach oben gedreht. Vorerst dürfte sich diese Entwicklung fortsetzen. Dabei werden sowohl die umfangreichen chinesischen Konjunkturmaßnahmen als auch die lockerere Geldpolitik der großen Notenbanken stützen. Zwar schätzen die Volkswirte von Union Investment das deutsche Wirtschaftswachstum 2019 nicht zuletzt wegen der schwächelnden Industrie mit einem Wert von 0,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr als deutlich niedriger ein. Gleichzeitig erweist sich die aktuelle Stärke des Dienstleistungssektors als stabilisierender Faktor für die deutsche Wirtschaft. Für 2020 rechnen die Experten deshalb mit einem deutlich stabileren Wachstum von 1,3 Prozent.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
01. April 2019, soweit nicht anders angegeben.