Die Renaissance Europas

Der „alte Kontinent“ feiert eine Art Wiedergeburt. Nachdem es vor einem Jahr noch schlecht um den zweitgrößten Wirtschaftsraum der Welt stand, herrscht nun an vielen Orten Aufbruchstimmung.

Etwas mehr als ein Jahr ist es her, dass die Integration und damit wohl auch die Leistungsfähigkeit Europas auf dem Tiefpunkt angekommen war. Am 23. Juni 2016 stimmten die Briten – für viele immer noch schockierend – mit knapper Mehrheit für den Austritt aus der Europäischen Union. Vorwiegend populistische Stimmen wurden in der Folge auch in vielen anderen EU-Staaten laut: In Österreich, den Niederlanden, Frankreich und auch Deutschland zeigten die Meinungsumfragen vor richtungsweisenden Wahlen ein deutliches Erstarken der nationalen Kräfte. Eben jene Parteien, die ähnlich wie in Großbritannien ihre Zukunft eher in der Abschottung als in der Öffnung sahen. Und die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten machte zusätzlich deutlich, dass das Phänomen mitnichten nur europäischer Natur ist.

Und heute? Zwar hält Trump, wenn auch mit etwas leiseren Tönen, weiterhin an der „America first“-Politik fest und die Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien lassen eher einen harten als einen weichen Brexit erwarten. Dennoch ist – zumindest in Europa – keines der befürchteten Schreckensszenarien eingetreten. Im Gegenteil: Auf dem „alten Kontinent“ sind in den Kernstaaten weiter die Europa-Befürworter am Ruder. Auch wirtschaftlich scheinen die meisten Wackelkandidaten auf einem guten Weg, die Staatsschuldenkrise vom Beginn des Jahrzehnts hinter sich zu lassen. So ist es wenig verwunderlich, dass auch mit Blick auf die Institutionen wieder von Reformen gesprochen wird.

Nicht weniger als eine „Neugründung Europas“ forderte Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron unlängst symbolträchtig vor Pariser Studenten. Vom politischen „Wind in den Segeln“ sprach EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Doch woher kommt dieses neue europäische Selbstbewusstsein und dieser Glaube an ein „Fenster der Möglichkeiten“ für eine Weiterentwicklung des Kontinents?

Stimmung passt sich der Lage an

Ein, wenn nicht der wichtigste, Grund ist, dass sich die Stimmung nach und nach auch der wirtschaftlichen Lage anpasst. Denn Europa ist schon seit einiger Zeit besser als sein Ruf – insbesondere im Vergleich mit den vermeintlich übermächtigen Vereinigten Staaten. Nichtsdestotrotz herrscht bei vielen Kommentatoren, aber auch bei Anlegern, noch immer ein etwas verzerrtes Bild vor, wenn es um die zwei – in US-Dollar gemessen – größten Wirtschaftsräume der Welt geht. Mit Blick auf Europa und speziell die Eurozone denkt so mancher immer noch an ein mehr oder weniger führungsloses Gebilde, destabilisiert von populistischen Strömungen, gezeichnet von hoher Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Stagnation.

Die USA hingegen werden gemeinhin immer noch als die stärkste, stabilste und dynamischste Volkswirtschaft auf dem Globus wahrgenommen. Diese Sichtweise spiegelt sich auch in der Marktbewertung wider: Das durchschnittliche Preisniveau von US-Aktien liegt mit Blick auf die erwarteten Gewinne rund 20 Prozent höher als bei ihren Pendants aus der Eurozone. Ähnlich sieht es bei den Währungen aus: Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds, der die globalen Leistungsbilanzunterschiede analysiert hat, ist auch die US-Währung mit rund 15 Prozent noch deutlich zu teuer.

Bewertung bietet noch Potenzial für Euro-Aktien

Differenz hat sich zuletzt wieder ausgeweitet
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Quelle: Factset, Stand: 19. Oktober 2017

Vorgeprescht und einkassiert

Die weiterhin bei vielen Marktteilnehmen vorherrschende, tendenziell negative Grundeinstellung zur Eurozone erklärt auch ein Phänomen, was in schöner Regelmäßigkeit in den vergangenen Jahren beobachtet werden konnte: Jeweils im Herbst wird von vielen Experten für die USA ein kräftiger, für die Eurozone aber nur ein verhaltener Anstieg des Bruttoinlandsprodukts im nächsten Jahr prognostiziert. Wenn dann aber immer mehr „harte Daten“ zum Wirtschaftswachstum eintrudeln, folgt häufig die Rolle rückwärts: In den vergangenen vier Jahren wurden die Schätzungen für die Vereinigten Staaten jeweils nach unten und für die Eurozone nach oben revidiert. 2016 hat das reale Bruttoinlandsprodukt der Eurozone nicht nur die Erwartungen vieler Experten übertroffen, der Anstieg war sogar absolut gesehen höher als in den USA. Dies ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Bevölkerung in den Vereinigten Staaten stärker zunimmt als in Europa – und das sollte sich eigentlich in einem kräftigeren Trendwachstum niederschlagen.

Auch an den Kapitalmärkten hatten die Euroskeptiker in der jüngeren Vergangenheit keine Freunde. Im Gegenteil ließen sie sogar den einen oder anderen Euro liegen. Rentenanlagen aus der Eurozone haben in den vergangenen fünf Jahren mehr als doppelt so viel Ertrag abgeworfen wie ihre US-Pendants. Und aus der Brille eines deutschen Anlegers haben sich seit Anfang 2017 auch europäische Aktien deutlich besser entwickelt als der breite US-Markt – nicht zuletzt aufgrund der starken Gemeinschaftswährung.

Strukturreformen greifen

Doch was erklärt die hohe wirtschaftliche Dynamik, die sich eben auch auf die Kapitalmärkte überträgt? Neben dem nicht zu unterschätzenden Beitrag der EZB, die mit ihrem Anleiheankaufprogramm insbesondere Rentenanlagen unterstützt, greifen nun auch endlich die strukturellen Reformen. Beispiel Arbeitsmarkt: Anders als es die mediale Wahrnehmung nahelegt, hinkt das Beschäftigungsniveau in Europa den USA nicht etwa hinterher. Die Arbeitslosenquote ist in den Vereinigten Staaten nur deshalb absolut gesehen niedriger, weil sich jenseits des Atlantiks nach der Finanzkrise gut fünf Prozent der Erwerbsfähigen gänzlich vom Arbeitsmarkt verabschiedet haben.

Der Anteil der Beschäftigten im Verhältnis zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter liegt in den USA immer noch mehr als drei Prozentpunkte unter Vorkrisenniveau. In Europa hingegen dürfte diese Kennziffer den Wert von 2007 in Kürze wieder überschreiten. Verantwortlich hierfür sind die verschiedentlich angestoßenen Strukturreformen, die den Arbeitsmarkt auf dem „alten Kontinent“ liberalisiert und flexibilisiert haben. So liegt die Arbeitslosenquote im einstigen Krisenland Spanien zwar immer noch bei hohen 17 Prozent. Die für die Bevölkerung teils schmerzhaften Reformen haben aber immerhin zu einem Abschmelzen um zehn Prozentpunkte seit dem Hoch 2013 geführt.

Europas Arbeitsmarkt fast zurück auf Vorkrisenniveau

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Quelle: OECD, Labour Force Statistics, Stand: 31. Dezember 2016

Beispiel Kreditbedingungen: Im August wurden in der Eurozone laut EZB 2,5 Prozent mehr Unternehmenskredite ausgegeben als im Vorjahr. Bei privaten Haushalten stieg die Zahl sogar um 2,7 Prozent. Vor allem reine Konsumentenkredite (+6,7 Prozent), aber auch Kredite für den Hauskauf (+3,4 Prozent) waren gefragt. Diese Niveaus wurden zuletzt im Frühjahr 2009 erreicht. Sowohl die europäischen Firmen als auch die Verbraucher investieren also wieder und zeigen damit, dass sie von der Nachhaltigkeit des Aufschwungs überzeugt sind.

Selektion bleibt Trumpf

Wie kann nun der Anleger von diesen Entwicklungen profitieren? Eurozonen-Investments in Gänze haben gerade im Vergleich zu ihren US-Pendants nichts an Attraktivität eingebüßt. Doch wird die Auswahl immer wichtiger: Auch wenn das Niedrigzinsumfeld noch eine ganze Weile bestehen bleiben dürfte und die hohen Renditen aus der Vorkrisenzeit so bald nicht mehr erreicht werden dürften: Mit Staatsanleihen aus Kerneuropa fällt das Geldverdienen zunehmend schwer. Der Grund ist derselbe wie bei solchen Unternehmenspapieren, die unter das Ankaufprogramm der EZB fallen und auch deshalb nicht mehr günstig bewertet sind: Wir gehen davon aus, dass die Notenbanker ihre Unterstützung für Staats- und Unternehmensanleihen ab dem Jahreswechsel Schritt für Schritt zurückschrauben werden. Zwar sind viele Euro-Konzerne klare Gewinner des laufenden Aufschwungs, dennoch sollte das Zurückziehen des preisunabhängigen Käufers EZB für leichten Gegenwind sorgen.

Nachrang und Ausgewogenheit im Vorteil

Rückenwind dürfte es hingegen für Nachranganleihen von Banken geben. Die Geldhäuser profitieren zum einen vom erwarteten leichten Zinsanstieg und der anziehenden Kreditnachfrage, die bei gleichzeitig günstigen eigenen Refinanzierungsbedingungen zu steigenden Margen führen sollte. Zum anderen sind viele europäische Banken inzwischen in der komfortablen Situation, nicht benötigte Verlustrückstellungen auflösen zu können. Das stärkt das Eigenkapital. Die Risikoprämien für Nachranganleihen sinken, was ihre Kurse antreibt. Ganz ähnlich verhält es sich mit Hybridanleihen. Vor allem Europas Top-Konzerne haben diesen Mix aus Eigen- und Fremdkapital emittiert – mit entsprechend stabilen Kreditprofilen. Und im Gegensatz zu klassischen Unternehmenspapieren dieser Adressen ist bei den Hybriden auch der Kupon durchaus noch attraktiv. Daneben können Anleger auch mit Mischfonds aus Aktien- und Rentenanlagen mit Fokus auf den Euroraum vom hiesigen Aufschwung profitieren.

Fazit

Mit der grundsätzlichen Entscheidung gegen Populismus und für Reformen hebt sich Europa nicht nur politisch erfolgreich von den USA ab. Wird der eingeschlagene Weg der Strukturanpassungen fortgesetzt, dürften sich auch wirtschaftlich weitere Chancen ergeben – mit entsprechend positiven Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Allerdings: Sowohl von der Politik als auch vom Anleger ist aktives Handeln gefragt. Ein einfaches „Weiter so“ kann dazu führen, dass erarbeitete Vorsprünge schnell wieder eingebüßt werden.

(Stand: 19. Oktober 2017)