Kapitalmarktausblick 2023: Die Zeit arbeitet für Risikoanlagen

Eine hohe Inflation, schwaches Wachstum und straffe Geldpolitik lasten zunächst auf den Kapitalmarktperspektiven. Verbesserungen bei diesen Schlüsselfaktoren hellen aber im Verlauf des Jahres 2023 die Perspektiven für Risikoanlagen graduell auf: Rentenanlagen stehen vor einer Renaissance, Aktien haben trotz Gegenwind bei der Gewinnentwicklung etwas Erholungspotenzial.

Dr. Frank Engels

 

Von Dr. Frank Engels

im Vorstand von Union Investment verantwortliches Mitglied für das Portfoliomanagement für Wertpapiere

Rein wirtschaftlich wird das Jahr 2023 herausfordernd. In den westlichen Ländern wird sich eine Rezession kaum vermeiden lassen. Zwar sind die Ursachen unterschiedlich. Während das Wachstum in den USA durch die sehr schnelle und scharfe Straffung der Geldpolitik nachgeben dürfte, ist der Abschwung in Europa das Ergebnis der Energiekrise und der hohen Inflation. Beide großen westlichen Wirtschaftsregionen werden in der Jahresrate schrumpfen – die USA um 0,2 Prozent, der Euroraum sogar um 1,0 Prozent.

Besonders hart trifft es Deutschland. Die deutsche Wirtschaft befindet sich im Auge des Sturms. Hohe Energiekosten belasten die Unternehmen im produzierenden Gewerbe. Gleichzeitig dürften sich die Verbraucher angesichts weiter hartnäckiger Inflation und wachsender Arbeitsplatzunsicherheit eher zurückhalten. Auch der Außenhandel fällt als Treiber aus. Neben den USA wächst auch China aufgrund seiner Null-Covid-Strategie sehr schwach. Das wird nicht reichen, um in Deutschland das Wachstum über die Nulllinie zu hieven, auch wenn die Fiskalpolitik unterstützend wirkt. Im Ergebnis erwarten wir in Deutschland einen BIP-Rückgang um 1,4 Prozent.

Harte Zeiten: Rezession voraus

1. Halbjahr 2023 – Rezession in den USA und Europa

Harte Zeiten: Rezession voraus
Quelle: Union Investment; Stand: 31. Oktober 2022.

Inflation bleibt hoch, sinkt aber

Für die Kapitalmärkte ist es wichtig, dass keine schwere Rezession zu befürchten ist. Diese eher positive Perspektive dürfte im Jahresverlauf 2023 stärker die Sicht der Investoren prägen, so dass mit verhaltenem Konjunktur- und Inflationsoptimismus zu rechnen ist. Die Inflation wird zwar strukturell höher bleiben, als wir es in den vergangenen zehn Jahren gewohnt waren. Aber von den aktuell hohen Niveaus werden wir im Jahresverlauf 2023 herunterkommen. Gründe sind die sich verlangsamende Wirtschaft, Bremseffekte durch die weltweit gestraffte Geldpolitik und die aufgrund stabilerer Lieferketten wieder gesunkenen Preise für Vor- und Zwischenprodukte. Auch bei den Energiepreisen ist mit einer Beruhigung zu rechnen. Im Ergebnis dürfte die Teuerung nach unseren Prognosen in den USA im kommenden Jahr noch um 4,1 Prozent zulegen, während sie im Euroraum und in Deutschland bei 6,4 Prozent liegen dürfte.

Zeichen der Zeit: Inflation sinkt, aber nicht mehr auf alte Niveaus

Inflation gegenüber Vorjahr, Beiträge und Prognosen

Zeichen der Zeit: Inflation sinkt, aber nicht mehr auf alte Niveaus
Quelle: Macrobond, Union Investment; Stand: 31. Oktober 2022.

Sinkende Inflationsraten, aber Liquiditätsverknappung

Den Notenbanken wird die sinkende Inflation die Arbeit erleichtern. Deren Schwerpunkt liegt aktuell ganz klar auf der Inflationsbekämpfung. Je weniger schnell aber die Preise weiter steigen, desto eher können die Zentralbanken ihren Straffungskurs verlangsamen oder gar anhalten. Wir werden von der Europäischen Zentralbank (EZB) 2022 nochmal einen Zinsschritt um 75 Basispunkte und im ersten Quartal 2023 Anhebungen um weitere 50 Basispunkte sehen – dann dürfte Schluss sein.

Danach rückt der Abbau der Notenbankbilanz auf die Tagesordnung, mit dem die EZB 2023 beginnen dürfte. Wir rechnen daher insgesamt mit einer Liquiditätsverknappung durch die Zentralbanken im kommenden Jahr. Das gilt auch für die US-amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed), die unserer Einschätzung nach schon näher am Ende ihres Zinserhöhungszyklus steht. Für die Fed-Sitzung im Dezember 2022 rechnen wir mit einer weiteren Anhebung um 50 Basispunkte. Im nächsten Jahr dürfte die Fed dann vielleicht nochmal nachlegen, aber viel wird sie nicht mehr an der Zinsschraube drehen.

Rentenmarkt bietet wieder Chancen

Chancen sind vor allem bei ausgewählten Rentenanlagen zu finden. Nach langer Durststrecke werden Anleihen wieder zunehmend attraktiv. Der Zinsmarkt hat die Entwicklungen bei den Schlüsselfaktoren Wachstum, Inflation und Geldpolitik bereits weitgehend verarbeitet. Der Höhepunkt bei der Inflation und der Wendepunkt bei der Geldpolitik dürften bald erreicht sein, das Potenzial für weitere Renditeanstiege ist also begrenzt. Gleichzeitig befinden wir uns wieder auf Renditeniveaus, die für viele Investoren eine Anlage in sicheren Anleihen attraktiv machen – anders als in den vergangenen Jahren.

Besonders attraktiv dürfte im Verlauf des Börsenjahres ein selektives Exposure zu Unternehmensanleihen und strukturierten Anleihen sein, vor allem von relativ bonitätsstarken Emittenten (Investment Grade). Der Gegenwind über steigende Renditen bei sicheren Anleihen sollte nachlassen, gleichzeitig sind die Fundamentalrisiken bei qualitativ hochwertigen Schuldnern auch in einem rezessiven Umfeld begrenzt. Hinzu kommt noch ein zyklisches Argument: Trübt sich das Umfeld ein, verlieren Unternehmensanleihen üblicherweise als eine der ersten Anlageklassen. Aber sie profitieren auch mit als erste, wenn es wieder aufwärts geht.

Zeit zum Umdenken: Renaissance der Rentenanlagen

Globaler Renditeanstieg bei Staatsanleihen

Zeit zum Umdenken: Renaissance der Rentenanlagen
Quelle: Bloomberg, Union Investment; Stand: 31. Oktober 2022.

Ratsam erscheint daher eine besonders sorgfältige Titelauswahl, insbesondere bei hochverzinslichen Papieren. Dort gibt es interessante Namen und attraktive Renditen, aber wenn die Konjunktur sich abschwächt, trifft es hier viele Unternehmen mit voller Wucht. In den Schwellenländern teilt sich das Anlageuniversum durch steigende Rohstoffpreise auf der einen Seite und anziehende Zinsen in den Industrieländern auf der anderen Seite sehr scharf in Gewinner und Verlierer. Auch bei Anleihen aus der europäischen Peripherie ist eine genaue Unterscheidung notwendig. In Italien herrscht große politische Unsicherheit, so dass steigende Risikoaufschläge wahrscheinlich sind. Andere Länder haben dagegen ihre Hausaufgaben gemacht, sind politisch relativ stabil und dürften recht gut durch das weiterhin schwierige Kapitalmarktumfeld kommen.

Aktien vor leichter Erholung 2023

Nach dem schwachen Börsenjahr 2022 sehen wir die Aktienmärkte vor einer leichten Erholung. Auch hier gilt, dass sich diese Erholung vermutlich erst in der zweiten Jahreshälfte zeigen wird. Die Rezession wird zwar dazu führen, dass die Unternehmensgewinne global um rund zehn Prozent schrumpfen. Aber gleichzeitig wird der Druck auf die Bewertungen deutlich nachlassen, da größere Zinsanstiege nicht mehr zu erwarten sind.

Wie bei Unternehmensanleihen empfiehlt sich auch bei Aktien auf Selektion zu setzen und dabei die Trends der Vergangenheit auf den Prüfstand zu stellen. Über viele Jahre hinweg haben Wachstumswerte besser abgeschnitten als der breite Markt. Warum? Weil Wachstum knapp und die Zinsen historisch niedrig waren. Das ändert sich gerade, und damit wird die Dominanz dieses Stils abnehmen. Substanz- oder Value-Werte werden strukturell attraktiver. Auch bei Aktien mit hohem Nachhaltigkeitsanteil, die 2022 starke Einbußen verzeichneten, zeichnet sich eine Trendumkehr ab. Zwar verschwinden nicht alle Belastungsfaktoren für ESG-Aktien im Jahr 2023 einfach. Aber es hilft, dass sich der Umbau hin zu nachhaltigeren Volkswirtschaften beschleunigt, und das nicht zuletzt in den USA.

Bei Aktien aus den Schwellenländern ist hingegen mehr Zurückhaltung angezeigt, insbesondere mit Verweis auf die große Bedeutung chinesischer Aktien. Denn: Rund 40 Prozent der Schwellenländer-Aktien stammen aus China. Das ist nicht nur schwierig in Bezug auf die starke Konzentration, sondern auch mit Blick auf die zunehmende Politisierung der chinesischen Finanzmärkte. Diese Faktoren fallen umso mehr ins Gewicht, weil wir mittelfristig von einer Verschärfung der Rivalität zwischen China und dem Westen ausgehen. Daher sind Schwellenländer-Aktien in Bezug auf die risikoadjustierte Renditeerwartung derzeit vergleichsweise wenig attraktiv, auch wenn die Bewertungen vergleichsweise günstig sind.

Industriemetalle sind der Rohstoff-Favorit 

Bei Rohstoffen, die vor allem im ersten Halbjahr 2022 ein Stabilitätsanker im Depot waren, sehen wir für 2023 weniger Chancen. Der wesentliche Grund ist das Konjunkturbild. Die Wachstumsverlangsamung wird auch an Rohstoffen nicht spurlos vorbei gehen. Beispielsweise ist bei Energierohstoffen mit einer Überversorgung bei Rohöl zu rechnen. Unsere Ölpreisprognose auf Sicht von zwölf Monaten liegt bei 80 US-Dollar je Fass Rohöl der Sorte Brent, also deutlich niedriger als heute. Auch bei Edelmetallen wie Gold und Silber ist das Aufwärtspotenzial begrenzt angesichts der gestiegenen Attraktivität von risikoarmen Alternativen wie etwa US-Staatsanleihen. Dagegen schätzen wir Industriemetalle als aussichtsreich ein. Hier haben die Preise bereits deutlich korrigiert und die Nachfrage profitiert besonders vom Ausbau der erneuerbaren Energien.

Anleger sollten sich mit Blick auf das nächste Börsenjahr von schlechten Nachrichten in den kommenden Monaten nicht aus der Ruhe bringen lassen. Geduld wird sich auszahlen. Denn mit den erwarteten graduellen Verbesserungen bei den Schlüsselfaktoren Konjunktur, Inflation und Geldpolitik wird im Lauf des Jahres 2023 der Umschwung kommen, und dann gilt es dabei zu sein.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
16. November 2022, soweit nicht anders angegeben.

Zu 10 Thesen für 2023 Alle Kapitalmarktthemen