Ein neues Kapitel an den Aktienmärkten

Die Corona-Pandemie hat einen neuen Rahmen für die Aktienanlage geschaffen: Die Aussicht auf mehr Wachstum und Inflation stützt die Rally. Risiken liegen in überschießender Inflation sowie übertriebenen Bewertungen. Insgesamt zählen Aktien aber weiter zu den favorisierten Anlagen.

Benjardin Gärtner

Ein Beitrag von Benjardin Gärtner

Leiter Portfoliomanagement Aktien und
Mitglied des Union Investment Committee

Die Japanisierung Europas – dauerhaft sinkende Preise und kaum Wachstum – war eine verbreitete Befürchtung aus der Vor-Corona-Zeit. Jetzt, da die Inflationsraten deutlich gestiegen sind und das Bruttoinlandsprodukt (BIP) oberhalb des langfristigen Trends zulegen dürfte, scheint das wie aus der Zeit gefallen. Das zeigt sich auch am Aktienmarkt. Der DAX 30-Index hat das Hoch vor der Corona-Krise bereits deutlich übertroffen und notierte Anfang August auf Rekordniveau. Dies trotz Ausbreitung der Delta-Variante des Corona-Virus und obwohl das Deutschland-BIP den Einbruch in der Corona-Krise noch nicht vollständig aufgeholt hat. In den USA ist der breite S&P 500-Index ebenfalls auf ein Rekordhoch gestiegen.

Sorgen vor sinkenden Preisen – also Deflation – und vor blutleerem Wachstum scheinen verschwunden, weil die Pandemie ein Umdenken bewirkt hat: Dies- und jenseits des Atlantiks hat die Wirtschaftspolitik sich daran gemacht, große Fiskalpakete zu schnüren, die hohe Investitionen in Digitalisierung und Bildung, Modernisierung der Infrastruktur und den grünen Umbau der Wirtschaft versprechen.

In Europa wurde zum Beispiel der europäische Aufbauplan (Next Generation EU) verabschiedet und in den USA erzielten Demokraten und Republikaner eine grundsätzliche Einigung über ein knapp eine Billion schweres Infrastrukturpaket. Die Biden-Regierung plant zudem ein weiteres, langfristig ausgerichtetes Investitionspaket über bis zu 3,5 Billionen US-Dollar, das die US-Wirtschaft zusätzlich stärken soll. Es gibt – bei aller politischer Debatte – derzeit insgesamt einen gesellschaftlichen Konsens, der dazu führt, dass der Staat künftig eher mehr als weniger investieren wird, und die Hürden für Investitionen sinken. Die Fiskalpolitik will dafür sorgen, dass nach Corona nicht nur das Wachstumstempo von vor der Krise erreicht wird, sondern ein höherer Wachstumspfad eingeschlagen wird. Dieses Vorgehen unterscheidet sich fundamental von jenem nach der Finanzkrise, als der Fokus – insbesondere in Europa – stark auf der Haushaltskonsolidierung lag und viele Investitionen unterblieben.

Markt im „Sweet Spot“ der Inflation

Die anziehende Wirtschaft führt auch zu höheren Inflationserwartungen. Viele Preistreiber sind zwar vorübergehender Natur. Doch die höhere Inflationstoleranz der Notenbanken dürfte die Deflationsrisiken, die seit der Finanzkrise 2008 im Raum standen, weiter reduziert haben. Aktuell befindet sich der Aktienmarkt in einem „Sweet Spot“ – einem Idealbereich, was die Inflation betrifft. Im historischen Vergleich zeigt sich, dass Inflationsraten zwischen ein bis drei Prozent zu den höchsten Erträgen an den Aktienmärkten führten.

Erst wenn die Inflation über fünf Prozent steigt oder in den negativen Bereich fällt, gehen die Erträge spürbar zurück. Dabei ist in einem Umfeld negativer Preise die Wahrscheinlichkeit für negative Erträge am höchsten. Eine leichte Inflation – in Verbindung mit einem etwas höheren Wachstumspfad – lässt eine anhaltend gute Entwicklung der Aktienmärkte erwarten.

Die Aussicht auf ein höheres Wachstum und einen moderaten Anstieg der Inflation öffnet ein neues Kapitel in der Aktienanlage.

Benjardin Gärtner

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Wachstum ist kein knappes Gut mehr

Die Aussicht auf höheres Wachstum und einen moderaten Anstieg der Inflation öffnet nun ein neues Kapitel in der Aktienanlage. Das gestiegene Vertrauen in den Wirtschaftsausblick führt zu sinkenden Risikoprämien an den Börsen und stützt die Bewertungen. Und dies in der Breite – was neu ist. Vom höheren nominalen Wachstum profitieren sehr viele Unternehmen, nicht nur besonders wachstumsstarke. Die Phase ist vorbei, in der Wachstum ein knappes Gut war und mit entsprechenden Bewertungsprämien gehandelt wurde.

Vor und unmittelbar während der Pandemie hatten noch „Growth“-Aktien, die mit ihrem Wachstumsprofil ein Alleinstellungsmerkmal für Anleger boten, überdurchschnittlich abgeschnitten. Dazu gehörten die „Nifty Fifty“ der Zehnerjahre, also „schicke“ Unternehmen aus dem Internet- und Technologiebereich sowie Unternehmen mit starken Marken und breiter Marktstellung. Entsprechend war der Aktienmarkt klar von deren Kursentwicklung abhängig. Wie dominant ihre Rolle geworden war, zeigte sich insbesondere in den USA.

Dort waren bis zur Pandemie die FAANG-Aktien (Facebook, Apple, Amazon, Netflix, Google) die Kurstreiber für den Gesamtmarkt. Nur knapp 40 Prozent aller im S&P 500-Index enthaltenen Aktien haben den Index in dieser Phase in der Wertentwicklung übertroffen (vgl. Grafik). In der Post-Corona-Erholung ist der Anteil nun auf rund 60 Prozent gestiegen. Das liegt daran, dass mit den gestiegenen Inflations- und Zinserwartungen sowie höheren Renditen am Anleihenmarkt auch lange verschmähte „Value“-Aktien Boden gutgemacht haben.

US-Aktien mit guter Breite

In einem Umfeld steigender Zinsen entwickeln sich Wachstumstitel dagegen vergleichsweise weniger gut. Denn diese Aktien sind ja häufig durch einen stetigen Gewinn-Strom gekennzeichnet, dessen Auszahlung in Form von Dividenden aber (weit) in der Zukunft liegt. Vereinfacht gesagt unterstützten letztes Jahr die lockere Geldpolitik und der Rückgang der Anleiherenditen die Bewertungen von Growth-Aktien zusätzlich. Umgekehrt belasten dieses Jahr leicht steigende Zinsen Value-Titel dagegen weniger, sie bieten also einen gewissen Schutz bei steigenden Zinsen.

Rohstoff- und Bankaktien auch attraktiv

Dies erklärt auch, warum mit dem Anstieg der Anleiherenditen Growth- im Vergleich zu Value-Aktien unter Druck geraten sind. Value-Aktien profitieren besonders davon, wenn das nominale Wirtschaftswachstum steigt. In einem Umfeld mit höherem nominalen Wachstum profitiert eine Vielzahl von Branchen und Unternehmen: Ökonomie und Aktienmarkt werden „breiter“. Die Aussicht auf höhere Dividenden bei Value-Aktien rechtfertigen höhere Bewertungen. Dies führt auch in Branchen, die vor der Pandemie wenig begehrt waren, zu Chancen. So favorisieren wir ausgesuchte Aktien aus dem Rohstoffsektor, die von einer anziehenden Nachfrage, aber auch von steigenden Investitionen in den grünen Umbau der Wirtschaft profitieren könnten.

Auch Bankaktien sind derzeit attraktiv, vor allem in Europa. Sie profitieren von einer Konjunkturerholung, von der Aussicht auf rückläufige Kreditausfälle sowie einem anziehenden Neukreditgeschäft. Die Jahre der für Altaktionäre schmerzhaften Kapitalbeschaffung im Zusammenhang mit Krisen (Lehman, Euro-Schulden) sowie höhere regulatorische Kapitalanforderungen dürften vorbei sein. Die erfolgreichen europäischen Banken sollten über eine solide Gewinnentwicklung Überschusskapital an die Aktionäre ausschütten können. Nach wie vor sind auch Digitalisierungsgewinner nicht außer Acht zu lassen, wie Software- und Halbleiteraktien, die so gute Marktperspektiven haben, dass etwas steigende Zinsen ihnen nicht allzu viel anhaben können. Auch Unternehmen, die von der grünen Transformation der Wirtschaft Nutzen ziehen, zählen dazu.

Konjunkturlage und Bewertungsdisziplin im Blick

Derzeit gibt es keine Hinweise auf eine anhaltend deutlich steigende Inflationsrate. Die im Wesentlichen wegen pandemiebedingter Verzerrungen gestiegene Teuerung dürfte sich im nächsten Jahr beruhigen. Aktien bleiben bei einer guten Konjunkturlage im Inflations-Sweet-Spot sehr gut verankert. Im Zusammenhang mit dem hohen Renditevorsprung von Aktien gegenüber anderen Anlageklassen bleiben hier die Ampeln auf grün. Doch sollte es unerwartet zu einer überschießenden Inflation kommen, müssten die Notenbanken mit Zinserhöhungen gegensteuern. Ein zentraler Erfolgsfaktor für Aktienanleger bleibt darum die Bewertungsdisziplin. Das gilt sowohl für Value- und Growth-Aktien.

Aus der größeren Breite der Rally am Aktienmarkt ergeben sich zudem regionale Auswirkungen. Traditionell finden sich auf dem US-Aktienmarkt mehr „Growth“-Unternehmen als in jeder anderen Region der Welt. Eine Verschiebung hin zu „Value“ würde also auch ein größeres Interesse für Unternehmen von außerhalb der USA bedeuten. Die Gewichte verschieben sich stärker in Richtung Japan, Großbritannien, Frankreich und Deutschland.

Gewinne entwickeln sich in Europa dynamischer als Aktienkurse

Als Fazit lässt sich ziehen: Der Mix aus steigenden Investitionen, Konjunkturerholung sowie noch niedrigen Zinsen bei gleichzeitig moderater Teuerung stellt ein fast ideales Umfeld für die Aktienanlage dar. Die Bewertungen sind – gemessen an den Risikoprämien – weitgehend angemessen. Solange die Inflation nicht überschießt oder – umgekehrt - in den negativen Bereich dreht – was wir beides nicht erwarten –, steht weiteren Kursavancen wenig im Weg. Dabei bleibt Stock-Picking im Bereich der Value-Aktien, aber auch ausgesuchter Wachstumstitel Gebot der Stunde. Dabei sollten Japan und Europa mit in die Auswahl kommen.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
16. August 2021, soweit nicht anders angegeben.