Europa im Aufwind

(Stand: 18. April 2017)

Wenn man der politischen Berichterstattung folgt, dann dürfte es um Europa nicht zum Besten stehen. Frankreich ist um Haaresbreite einer rechtspopulistischen Regierung entronnen, der Streit um die weitere Abwicklung des Brexit droht am Ende nur Verlierer zu kennen, Griechenland braucht weitere Finanzhilfen und in Italien wird in der seit Jahren schwelenden Krise mit den Wahlen im kommenden Jahren nur ein weiteres Kapitel aufgeschlagen.

Es wäre vermessen zu sagen, dass diese Probleme nicht schwer wiegen. Sie tun es. Wirtschaftlich sieht die Sache anders aus. Die politische Momentaufnahme verstellt den Blick auf sehr viele positive Aspekte, die sich in den steigenden Notierungen niederschlagen. Nicht zuletzt deshalb ist der deutsche Leitindex DAX im April auf ein Rekordhoch gesprungen.

Beispiel Konjunktur: Die Zeichen für Europa stehen diesbezüglich gut, die wirtschaftliche Dynamik folgt einem positiven Trend. So sind die Einkaufsmanagerindizes in den vergangenen Monaten kontinuierlich weiter angestiegen, der Index für den Währungsraum ist im April auf den höchsten Stand seit sechs Jahren geklettert, das von der EU-Kommission ermittelte Wirtschaftsvertrauen steht sogar auf dem besten Stand seit zehn Jahren. Für 2017 rechnen wir von Union Investment mit einem Wirtschaftswachstum von 1,7 Prozent für die Eurozone.

Hinzu kommt, dass nicht nur der Währungsraum derzeit auf einem stabilen Pfad wandelt. Erstmals seit vielen Jahren herrscht in allen wichtigen Wirtschaftsregionen ein positives Wachstum. Davon profitieren die exportstarken Unternehmen aus Europa besonders.

Gewinnrevisionen verbessern sich - Europa besonders positiv

Gewinnrevisionen verbessern sich

Umgekehrt fallen einige potenzielle Belastungsfaktoren weg. Die Wahlen in den Niederlanden im März und in Frankreich im April und im Mai haben zu marktfreundlichen Ergebnissen geführt. Auch wenn die Rechtspopulisten in beiden Fällen große Stimmenanteile bekommen haben, so ist der Krisenfall mit einer Regierungsbeteiligung in beiden Ländern ausgeblieben. Damit entsteht auch für die Aktienkurse Spielraum nach oben, weil insbesondere in Frankreich vor der Wahl hohe Risikoaufschläge auf den Notierungen lasteten – diese werden nun sukzessive abgebaut.

Die konjunkturelle Erholung und der Rückgang der Unsicherheit bilden die Grundlage für eine verbesserte Ertragslage der Unternehmen. Das spiegelt sich bereits jetzt in den Einschätzungen der Analysten wider, denn die sogenannten Gewinnrevisionen liegen derzeit weit im positiven Bereich. (siehe Schon Gewusst).

Die Experten von Union Investment gehen davon aus, dass die Unternehmen aus der Eurozone ihre Gewinne in diesem Jahr um rund 14 Prozent steigern können – das ist mehr als in anderen Regionen der Welt. Zudem sind die Unternehmen der Eurozone nach wie vor moderat bewertet. Das für 2017 erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt für die Konzerne des Währungsraums bei 14,5, das sind 16 Prozent weniger als am US-Markt. Auch hier besteht also Spielraum für die Kurse.

Auch mit Blick auf Einzelunternehmen verstärkt sich der gute Eindruck. So konnten sowohl Daimler und BMW als auch Volkswagen im ersten Quartal deutliche Umsatz- und Gewinnsteigerungen vermelden - in der Presse war bereits vom „deutschen Auto-Hattrick“ die Rede. Insgesamt haben bis Ende April etwa 80 Prozent der Unternehmen die Analystenprognosen hinsichtlich der Umsätze übertroffen, mit Blick auf die Gewinne waren es knapp 70 Prozent. Das sind Werte, die deutlich über den historischen Durchschnitten liegen.

Mittlerweile sind auch die lnvestoren in den USA für Aktien aus Europa wieder sehr positiv gestimmt. Seit dem Sommer 2015 hatten die Märkte auf dem „alten Kontinent“ mit anhaltend hohen Mittelabflüssen zu kämpfen, das Blatt hat sich erst im vergangenen Winter gewendet. Laut zahlreichen Statistiken fließt nun wieder viel Geld in die heimischen Börsen – auch weil die Skepsis gegenüber den US-Märkten vor dem Hintergrund der politischen Unsicherheiten in Zusammenhang mit der Amtsführung des US-Präsidenten zuletzt nochmal deutlich gestiegen ist.

Vor diesem Hintergrund gibt es den vielen Unkenrufen zum Trotz reichlich Gelegenheit, optimistisch für die Eurozone zu sein. Das bedeutet keinesfalls, dass die eingangs genannten Risikofaktoren nicht existieren. Wer in einer solchen Phase erfolgreich investieren will, sollte daher genau differenzieren und analysieren, wer von einer etwaigen Krisensituation in welchem Ausmaß getroffen wird. Dann sind an Europas Märkten auch im Börsenjahr 2017 durchaus ansehnliche Erträge möglich.

Schon gewusst?

Gewinnrevisionen

Um die von Investoren viel beachteten Gewinnrevisionen zu ermitteln, werden die Einschätzungen von Wertpapieranalysten als Basis genommen. Konkret wird geschaut, wie viele der Experten ihre Schätzungen erhöht und wie viele ihre Prognosen abgesenkt haben. Liegt der Wert über Null, sind die Revisionen positiv, im anderen Falle negativ. Ergo: Je höher die Zahl, desto besser. Die Kennziffer gibt Investoren ein Gefühl dafür, wie positiv die Analystengemeinde einem Unternehmen, einer Region oder einem Sektor gegenübersteht. Wer sich ein genaueres Bild verschaffen möchte, muss aber zusätzlich eine qualitative und tiefergehende Auswertung vornehmen, weil die Gewinnrevisionen für sich genommen keine qualitative Aussage über die Art und Höhe der prognostizierten Anpassung erlauben.