Europäische Banken: Der steinige Weg aus der Krise

In Spanien werden Anleihegläubiger in die Pflicht genommen, in Italien stützt der Staat – doch es gibt auch deutliche Fortschritte bei der Sanierung des europäischen Finanzsektors. Welche Anleihen profitieren? Eine Bestandsaufnahme.

Der Regulierer macht ernst – und nicht wenige Investoren reiben sich verwundert die Augen. Dabei verlief die Abwicklung der spanischen Banco Popular genau so, wie es die Europäische Zentralbank (EZB) schon seit Jahren für einen solchen Fall vorsieht: Ein in Schieflage geratenes Geldhaus überschreitet den „point of non-viability“, ist nach Meinung der Aufsicht also nicht mehr überlebensfähig. Aktionäre und die Gläubiger der Nachranganleihen werden in die Haftung genommen und das Institut wird meistbietend veräußert.

Auch wenn es zuletzt schon einzelne kleinere Abwicklungen nach diesem Muster gab: Nicht alle Marktteilnehmer hatten mit einer derartigen Konsequenz des Regulierers gerechnet. Erst vor wenigen Monaten wurden im vergleichbaren Fall der italienischen Traditionsbank Monte dei Paschi noch die Anleger geschont – den Tausenden potenziellen Wählern springt wohl der Staat zur Seite, wenn EU-Kommission und EZB dem Vorgehen zustimmen. Auch war die Schieflage der Banco Popular zwar bekannt, Kuponzahlungen waren aber noch nicht ausgefallen. Die beiden großen Contingent Convertible Bonds (Pflichtwandelanleihen), deren extrem hohe Verzinsungen von 8,25 und 11,5 Prozent allerdings mehr als deutlich auf die erhöhten Risiken hinwiesen, handelten bis zuletzt bei rund 50 Prozent. Immer noch waren also viele Investoren vom Überleben der Bank überzeugt – zumindest bis zur nächsten Kuponzahlung. Doch dazu kam es nicht mehr. Die europäische Bankenabwicklungsbehörde SRB zog den Stecker, die Bonds – immerhin im Nennwert von 1,25 Milliarden Euro – wurden per Verfügung in Aktien gewandelt und gehen damit quasi in die Konkursmasse ein. Ganz ähnlich ging es auch den Gläubigern der Tier 2-Nachrangpapiere, die noch einmal rund 750 Millionen Euro ausmachten.

So unangenehm dieses Vorgehen auch für einzelne Anleger sein mag, beinhaltet der Fall für den Unternehmensanleihemarkt doch auch eine Reihe guter Nachrichten: Die Abwicklung verlief in jedem Detail nach dem bekannten EZB-Drehbuch. Niemand kann mehr damit rechnen, dass am Ende doch irgendwie der Staat einspringt. Mehr Verlässlichkeit also und weniger Vergemeinschaftung von Schulden. Genau das war das Ziel dieser Maßnahme nach der Finanzkrise und genau das wurde auch vom Markt honoriert. Nach einer kurzen Phase, die mit erhöhten Schwankungen und Spreadausweitungen bei spanischen Bankanleihen einherging, schlossen diese am Tag nach der Abwicklung sogar fester. Kein Übergreifen auf andere Sektoren, keine Panik.

Ein Grund für die gelassene Reaktion des Marktes war sicherlich die präsentierte Lösung. Banco Popular, immerhin das sechstgrößte Geldhaus Spaniens, wird nicht nur für einen symbolischen Euro vom Konkurrenten Banco Santander übernommen. Dieser verpflichtete sich gleichzeitig zu einer Kapitalerhöhung über sieben Milliarden Euro. Eine Maßnahme, an der die Banco Popular in den vergangenen Monaten noch gescheitert war. Die Gelder der Kunden – die zuvor in Scharen zur Bank gelaufen waren und damit den Liquiditätsengpass noch verschärft hatten – sind damit sicher. Zudem ist Santander, der am Ende einzige Bieter, bekannt dafür, mit effizienter Restrukturierungsarbeit sein strategisches und regionales Portfolio zu erweitern. Ein Beleg dafür ist etwa die erfolgreiche Turnaround-Story der 2004 übernommenen Abbey National aus Großbritannien. Auch baut Santander mit dem Kauf der Banco Popular seinen Anteil am Markt für spanische Mittelstandskredite von elf auf rund 25 Prozent aus. In einer Zeit, in der die Wirtschaft Spaniens brummt und mit Raten um die drei Prozent wächst, wird das Institut damit zum größten Mittelstandsfinanzierer des Landes. Anleihen von Santander könnten also, ebenso wie jene des stabilen spanischen Konkurrenten BBVA, an Attraktivität zulegen.

Das gilt auch für die italienische Großbank UniCredit, die sich im Frühjahr ganz ohne Abwicklung und Staatshilfe sanierte. Wie die Banco Popular ächzte das Institut unter einer enormen Last an notleidenden Krediten. Doch im Gegensatz zum spanischen Rivalen konnte UniCredit die Investoren von ihrer Zukunftsfähigkeit überzeugen. Von der EZB aufgrund einer durch die enormen Abschreibungen auf „faule Kredite“ nicht mehr ausreichenden Eigenkapitalquote zum Handeln gedrängt, gelang es den Italienern über eine Kapitalerhöhung rund 13 Milliarden Euro am Markt einzusammeln – ein Befreiungsschlag. So entwickelten sich Anleihen von UniCredit, ebenso wie die des äußerst soliden Wettbewerbers Intesa Sanpaolo, zuletzt positiv. Damit zeigt sich, dass auch Italien durchaus ein interessanter Markt für Finanzanleihe-Investoren sein kann. Die genaue Analyse und die Titelauswahl bleiben aber entscheidend.

Das gilt auch für Kerneuropa, denn auch hier lohnt ein Blick auf die Banken. Vor allem der französische Finanzsektor sticht dabei als besonders stabil hervor. Der Sieg des wirtschaftsfreundlichen Kandidaten Emmanuel Macron bei den Wahlen könnte zusätzlich für Rückenwind sorgen. Und auch in Deutschland sehen wir noch Chancen. Aufgrund der teils hohen Bewertung anderer Ränge, können hier etwa Tier 2-Anleihen eine interessante Investmentmöglichkeit darstellen.

Und was bedeutet der perspektivische Ausstieg der EZB aus der ultralockeren Geldpolitik für die europäische Bankenbranche? Langfristig dürften sich steigende Zinsen positiv auf die Margen der Geldhäuser auswirken. Das sollte sich auch in den Kapitalpuffern niederschlagen – ein weiterer Schritt auf dem mitunter steinigen Weg aus der Krise.

(Stand: 16. Juni 2017)