Europäische Einkaufsmanager weiter in Hochstimmung

  • Frühindikatoren signalisieren anhaltend hohes Wachstumsmomentum
  • Industriesektor Treiber der Entwicklung in Deutschland
  • Stimmung im französischen Dienstleistungssektor hellt sich auf
  • Abnehmendes Momentum im Service-Sektor Italiens wahrscheinlich
  • Ausblick: Abflachen der aktuell hohen Dynamik wahrscheinlich

Lange Zeit krankte die Wirtschaft im Euroraum – doch nach und nach entwickelt sich Europa wieder zu einer wichtigen Triebfeder der Weltwirtschaft. Allein im Auftaktquartal 2017 legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,5 Prozent zu und entwickelte sich damit deutlich stärker als die Wirtschaftsleistung in den USA. 

Frühindikatoren signalisieren anhaltend hohes Wachstumsmomentum

Vorerst bleiben die Aussichten gut: Angesichts des synchronen globalen Konjunkturaufschwungs könnten die Exporte im Euroraum im Vergleich zum Vorjahr nochmals anziehen, Unternehmen und Verbraucher dürften mehr investieren. Das positive Momentum spiegelt sich in den Flash-Einkaufsmanagerindizes (Flash-PMIs) wider, die in der zurückliegenden Woche für den Monat Mai veröffentlicht wurden: Der Index für den gesamten Euroraum verharrte auf hohem Niveau bei 56,8 Zählern, während Experten mit einem leichten Rückgang auf 56,7 Punkte gerechnet hatten. Der Index für das Verarbeitende Gewerbe legte im Mai nochmals um 0,3 auf 57,0 Zähler zu (erwartet: 56,5), während die Stimmung bei den Dienstleistern um 0,4 auf 56,2 Punkte zurückging (erwartet: 56,4). Damit deuten die Einkaufsmanagerindizes auf eine Wachstumsbeschleunigung im zweiten Quartal 2017 hin: Ausgehend vom aktuellen PMI-Niveau könnte sich die Wirtschaftsleistung im Euroraum um 0,8 Prozent ausweiten.

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Industriesektor Treiber der Entwicklung in Deutschland

In Deutschland bleibt der Industriesektor dank hoher Zuwachsraten bei Produktion, Auftragseingang und Auftragsbeständen in Höchstform. Der Index kletterte im Mai nochmals um 1,2 auf 59,4 Punkte – es ist das höchste Niveau seit April 2011. Im Dienstleistungssektor gab der Index marginal um 0,2 auf 55,2 Zähler nach. Die gute Stimmung untermauert auch das in der vergangenen Woche veröffentlichte Ifo Geschäftsklimabarometer, das im Mai nochmals um 1,6 auf 114,6 Punkte und damit auf ein neues Allzeithoch kletterte. Der Anstieg des Indikators fußte dabei sowohl auf einem Zuwachs der Einschätzung der aktuellen Lage (plus 2,1 auf 123,2 Punkte) als auch der künftigen Geschäftserwartungen (plus 1,3 auf 106,5 Punkte). Das hohe Niveau der Einkaufsmanagerindizes deutet darauf hin, dass sich der freundliche Wachstumstrend in Deutschland im zweiten Quartal fortsetzen dürfte. Derzeit rechnet der Konsens der Volkswirte im Schnitt mit einem BIP-Plus von 0,4 Prozent. Die äußerst positive Entwicklung der Frühindikatoren spricht allerdings für einen BIP-Zuwachs im Bereich von 0,8 bis 0,9 Prozent.

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Stimmung im französischen Dienstleistungssektor hellt sich auf

Auch in Frankreich legte der Flash-PMI zu. Der Gesamtindex stieg im Mai um 0,1 auf 57,6 Zähler zu. Experten hatten im Vorfeld mit keiner Veränderung des Index gerechnet. Anders als in Deutschland war in Frankreich der Dienstleistungssektor Treiber der Entwicklung. Der Service-Index kletterte um 1,3 auf 58,0 Zähler (erwartet 56,7 Punkte), während der Industrie-Index um 1,1 auf 54,0 Zähler nachgab (erwartet 55,2 Punkte).

 

Die Entwicklung der Einkaufsmanagerindizes steht allerdings im Kontrast zu dem von der französischen Statistikbehörde INSEE ermittelten Geschäftsklimaindex: Das INSEE-Barometer hellte sich im Mai zwar wie erwartet leicht auf das höchste Niveau seit 2011 auf (plus 1 auf 105 Punkte). Anders als beim Flash-PMI ging jedoch der Geschäftsklimaindex des Service-Sektors leicht zurück (minus 1 auf 103 Punkte), während der Index des Industrie-Sektors seitwärts bei 109 Zählern tendierte. Interessant ist auch ein Blick auf die Subindizes des INSEE-Index: Die Beschäftigungskomponente verharrte auf hohem Niveau bei 108 Punkten. Der Subindex für das Baugewerbe legte um zwei auf 102 Zähler auf den höchsten Stand seit 2011 zu und deutet damit auf eine zyklische Wachstumsbeschleunigung hin. In der Subkomponente des Industriesektors spiegelt sich überdies der von dem wirtschaftsfreundlichen Ausgang der Präsidentschaftswahlen ausgehende Optimismus wider. Ob und inwieweit der neue französische Präsident Emmanuel Macron das in ihn gesetzte Vertrauen rechtfertigen wird, werden die kommenden Wochen zeigen. Die nächsten wichtigen Termine stehen für Macron unmittelbar bevor: Am 11. und 18. Juni findet in Frankreich die Parlamentswahl statt. Klar ist: Nur wenn der französische Präsident seinen im Wahlkampf avisierten Wirtschaftsmaßnahmen auch Taten folgen lässt, wird sich die aktuell freundliche Stimmung der Einkaufsmanager in harte (BIP-) Daten übersetzen. Auf Basis der aktuellen Frühindikatoren könnte sich das Wachstum in Frankreich im zweiten Quartal 2017 auf 0,6 Prozent beschleunigen.

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Abnehmendes Momentum im Service-Sektor Italiens wahrscheinlich

Zwar werden für die Euroland-Peripherie keine Flash-Daten veröffentlicht, allerdings spricht die Entwicklung der Einkaufsmanagerindizes im gesamten Euroraum (Seitwärtsentwicklung) sowie in Deutschland und Frankreich (leichter Aufwärtstrend) für eine abnehmendes Momentum in der Euroland-Peripherie. Der Gesamtindex dürfte in Italien, Spanien und Irland im Schnitt um 1,1 Zähler zurückgehen. Da der Rückgang auf Basis der vorliegenden Gesamtdaten vor allem auf den Dienstleistungssektor zurückzuführen sein sollte, könnte Italien am stärksten von der Korrektur betroffen sein. Das südeuropäische Land verzeichnete im April einen sprunghaften Anstieg der Service-Komponente von 3,3 Punkten, die nun wieder korrigiert werden könnte.

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Italien ist es nach dem gescheiterten Verfassungsreferendum und dem Rücktritt Matteo Renzis im vergangenen Jahr bislang nicht gelungen, eine schlagkräftige, reform- und wirtschaftsfreundliche Regierung zu bilden. Das Potenzialwachstum des Lands ist gering – selbst im aktuell freundlichen Konjunkturumfeld gelingt es den Italienern kaum, ausreichendes Wachstum zu generieren, um die Staatsschuldenquote zu stabilisieren oder gar zu reduzieren. Durch die auf Sicht der kommenden Monate abnehmende Zentralbankunterstützung („Tapering“) dürften die strukturellen Probleme Italiens noch stärker in den Fokus rücken. Hierzu zählt auch der Bankensektor, der die Wirtschaft und die öffentlichen Finanzen des Landes gefährdet.

Gefahr einer parlamentarischen Blockadehaltung oder einer vorzeitigen Neuwahl in Spanien gestiegen

In Spanien hat zum Jahreswechsel eine Konsolidierung der Wirtschaftsstimmung auf hohem Niveau eingesetzt. Mit den jüngsten politischen Entwicklungen auf der iberischen Halbinsel ist die Gefahr gestiegen, dass sich dieser Trend vorerst fortsetzen wird. Denn nachdem die spanischen Sozialisten Pedro Sánchez überraschend wieder zum Parteichef der PSOE gewählt haben, ist die politische Unsicherheit im Land wieder gestiegen. Sánchez war im Oktober 2016 von seinem Amt als Parteichef zurückgetreten, da er sich weigerte, eine neue Amtszeit des amtierenden Ministerpräsidenten Rajoy zu tolerieren. Seitdem wird Spanien von einer Minderheitsregierung unter der Führung von Rajoys konservativer Partei PP regiert. Ob Rajoy und Oppositionsführer Sánchez zu einem kooperativen Miteinander finden werden, ist fraglich. Die Gefahr einer parlamentarischen Blockadehaltung und – im Extremszenario – einer vorzeitigen Neuwahl in Spanien ist deshalb wieder gestiegen.

Ausblick: Abflachen der aktuell hohen Dynamik wahrscheinlich

Nach vorne gerichtet mehren sich die Zeichen, dass sich die aktuell hohe Dynamik etwas abflachen könnte. In den USA und Japan haben die Flash-Indikatoren im Mai bereits auf hohem Niveau konsolidiert – das könnte die globale Wachstumsdynamik perspektivisch etwas bremsen. Auch im historischen Vergleich bewegen sich die europäischen Einkaufsmanagerindizes auf Rekordniveaus, die eine Konsolidierung wahrscheinlicher werden lassen. Nicht zuletzt bergen auch die (politischen) Entwicklungen in Italien und Spanien und die hohen Erwartungen, die an den neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron geknüpft werden, ein gewisses Konsolidierungspotenzial. Unter dem Strich weist Europa derzeit unter den entwickelten Ländern jedoch das stärkste Wachstumsmomentum auf. Die Chancen stehen gut, dass sich dieser Trend vorerst fortsetzt.

Fazit

Die positive Wirtschaftsstimmung im Euroraum setzt sich fort: Auch im Mai präsentieren sich die Einkaufsmanager im Euroraum in glänzender Verfassung. Vor allem in Deutschland und Frankreich deuten die Indikatoren auf eine höhere Wachstumsdynamik hin. Für die Länder der Euroland-Peripherie liegen jedoch noch keine belastbaren Daten vor. Vor allem in Italien und Spanien besteht die Gefahr, dass die derzeit freundliche Wirtschaftsstimmung aufgrund der politischen Situation etwas zurückgehen könnte. Wenngleich ein Abflachen der aktuell sehr hohen Dynamik wahrscheinlich ist, dürfte sich der positive Wachstumstrend im Euroraum vorerst fortsetzen.