China – ein Land wird grün

Die Proteste gegen die Umweltverschmutzung im Reich der Mitte häufen sich, die Regierung in Peking zieht Konsequenzen.
(Stand: 6. April 2017)

Das starke Wirtschaftswachstum, das China in den vergangenen Jahren geprägt hat, zeigt derzeit seine Schattenseiten. Die Klagen über die grassierende Umweltverschmutzung nehmen zu, fast monatlich werden neue Höchstwerte an den Luftmessstellen vermeldet. In der Bevölkerung macht sich Unmut breit. Die Frage, wie man die wachsende Wirtschaftskraft – und mit ihr auch die steigende Lebensqualität von weiten Teilen der Bevölkerung – aufrechterhalten kann, ohne dabei Raubbau an der Natur zu betreiben, treibt das Land um. Mittlerweile hat Peking Maßnahmen eingeleitet, die nur wenige der Regierung in dieser Konsequenz zugetraut hatten. „Die Probleme sind einfach zu groß geworden“, erklärt Florian Sommer, Head of Sustainability Research bei Union Investment, der Peking im November besucht hat und dort mit Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen über die Umweltverschmutzung gesprochen hat. Seinerzeit lag die Feinstaub-Belastung bei 335 parts per million (ppm), im Januar wurden auf dem Tiananmen-Platz in Peking sogar 475 ppm gemessen. Zur Einordnung: Die WHO sieht einen Jahresschnitt von weniger als zehn und einen Tagesschnitt von weniger als 25 als unbedenklich an.

Berechnungen zufolge leiden 80 Prozent der Städte unter schwerer Luftverschmutzung. Die Folge sind unter anderem 1,2 Millionen Todesfälle pro Jahr. Und die Luft ist nur ein Problem: „Auch die Wasserqualität ist miserabel“, sagt Sommer. 25 Prozent der Flüsse sind offiziell nicht für menschlichen Kontakt geeignet, und 60 Prozent des Grundwassers ist nicht trinkbar. Das wirkt sich auf das Getreide aus und damit ganz konkret auf das Leben der Menschen in China.

Die Bevölkerung geht gegen die Umweltbelastungen schon seit geraumer Zeit auf die Straße. Im Jahr 2014 richtete sich die Hälfte der Großdemonstrationen mit mehr als 10.000 Teilnehmern gegen die Umweltverschmutzung, die Zahl dürfte eher zu- als abnehmen. Deshalb muss die Regierung in Peking, für die die Stabilität der öffentlichen Ordnung einen extrem hohen Stellenwert hat, reagieren.

Nägel mit Köpfen

Und sie macht jetzt Nägel mit Köpfen. Es gibt beispielsweise ein engmaschiges Netz an Messstationen für die Luftqualität, um Transparenz über das Ausmaß der Probleme zu gewinnen, Daraus resultieren gezielte Gesetze und Initiativen zur Verbesserung der Luft-, Wasser- und Bodenqualität. Drei Aktionspläne wurden für die Verbesserung von Wasser-, Luft- und Bodenqualität aufgesetzt. Letzterer, der so genannte „Soil Pollution Prevention Action Plan“, etwa hat zum Ziel, binnen vier Jahren 90 Prozent des verunreinigten Ackerlands wieder nutzbar zu machen. Zudem wird mit Drohnen und Satellitenbilden überprüft, ob die Bauern Biomasse verbrennen. Wer das tut, riskiert empfindliche Strafen.

Im Falle der Wasserverschmutzung ist vor allem entscheidend, die negative Dynamik zu stoppen. Dafür werden beispielsweise die Textil- und die Papierindustrie des Landes kräftig an die Kandare genommen. Und der Plan für die Verbesserung der Luftqualität sieht beispielsweise einen Ausbau der Elektromobilität vor.

Das Land steckt in einer historischen Umbruchphase. Der Energiemix in China ändert sich und auch in den Bereichen Müll- und Wassermanagement bewegt sich vieles. China ist jetzt schon der weltweit größte Markt für Solar und Windenergie. Und der Trend steht noch ziemlich am Anfang. Der Anteil der Erneuerbaren am Energiemix soll von 24 Prozent im Jahr 2015 auf 38 Prozent im Jahr 2030 wachsen. Allein dafür sind Investitionen in Milliardenhöhe nötig. Und das ist nur ein Teil des Puzzles. Nach Analystenschätzungen wird der Markt für Umweltschutz bis 2020 auf rund zehn Billionen Renminbi wachsen. Das sind etwa 1,5 Billionen US-Dollar und bedeutet eine Verdoppelung gegenüber dem vorherigen Fünfjahresplan.

Chinas Energiemix
Chinas Energiemix

Kernthema Elektromobilität

Ein Kernthema, das auch für Investoren interessant ist, ist der stark wachsende Markt für Elektromobilität. Er resultiert aus den Bemühungen Pekings, die Luftqualität zu verbessern. Die Bereitstellung einer Infrastruktur für Elektroautos (Electronic Vehicles, EV) beispielsweise ist Teil des Fünfjahresplans, bereits jetzt werden nirgends auf der Welt mehr EVs abgesetzt als im Reich der Mitte. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 500.000 EVs zugelassen, und Peking tut alles, um die Zahlen weiter steigen zu lassen: Ab dem Jahr 2018 müssen acht Prozent des Automobilabsatzes elektrisch betrieben sein, ab 2019 zehn Prozent und 2020 zwölf Prozent. Gefördert werden vor allem heimische Hersteller: Im Jahr 2020 sollten 70 Prozent der EVs in China im Reich der Mitte produziert sein.

Das bringt freilich eine ganze Reihe von Chancen mit sich. Es ist keinesfalls ausgemacht, welche Firmen konkret den Markt für Elektromobilität dominieren werden. Aber: Niemand aus der Transportbranche wird sich die Chance entgehen lassent, auf dem größten Markt der Welt mitzuspielen. Das gilt in ähnlicher Form für andere Bereiche der Umwelttechnik, der neuen Energien und der Energieeffizienz. Peking setzt verstärkt darauf, inländische Unternehmen zu fördern und klare lokale Marktführer zu schaffen. Für Union Investment als Vermögensverwalter ist dabei die Frage interessant, welche Adressen stark genug sind, auch international zu wachsen und eines Tages auf dem Weltmarkt eine tragende Rolle zu spielen. Das lässt sich Stand heute schwer sagen. Etwas leichter ist die Frage, welche deutschen, europäischen oder auch US-amerikanischen Adressen starke Marktanteile in China und ein großes Knowhow in den Technologien der Zukunft aufweisen können. Hier kommen nicht nur, aber auch traditionsreiche Namen etwa aus dem Maschinen- und Anlagenbau und dem Automobilsektor ins Spiel, die gute Chancen, vom Wandel in China zu profitieren.

Wenig Transparenz in Emissionsfragen

Auf chinesische Konzerne zu setzen, birgt noch ein weiteres Risiko, dem das Portfoliomanagement sich nicht aussetzen will. „Governance-Kriterien, also Fragen der guten Unternehmensführung, die uns hier in Europa oder in den USA enorm wichtig sind, werden in China gelinde gesagt stiefmütterlich behandelt“, erklärt Florian Sommer. Es fehle den meisten Adressen sowohl an der Transparenz als auch am Willen, etwa im Rahmen des Carbon Disclosure Project-Standards seine Emissionen offenzulegen. Aus diesen Gründen fallen einige Namen für Union Investment als Investmentziel auch von vorneherein aus.

Wer heute als Investor Erfolg haben will, darf gerade mit Blick auf China weniger auf die Gegenwart als auf die Zukunft blicken. Viele Regeln von früher muss man außer Acht lassen, erläutert der Portfoliomanager Florian Sommer. „Die Frage, die wir bei der Bewertung eines Geschäftsmodell stellen müssen, lautet nicht mehr: Wie ist das Unternehmen heute in China positioniert?, sondern: Wie wird dieser Konzern im China des Jahres 2020 dastehen?“ Denn das China von 2020 wird nicht mehr das Land sein, das wir heute sehen.