Großmachtkonflikt kann Anleger nicht kalt lassen

Großmachtkonflikt kann Anleger nicht kalt lassen

Die beiden Großmächte China und USA steuern mit der Entkopplung von strategisch wichtigen Bereichen ihrer Wirtschaft auf neue Konfrontationen zu. Jüngste Regulierungsschritte in China sind vor diesem Hintergrund zu verstehen und rüttelten die Börsen auf. Was bedeutet der Konflikt für Anleger?

Der Großmachtwettbewerb zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt kann die Anleger nicht kalt lassen – schon allein wegen seiner ökonomischen Bedeutung. Bis 2035 will China das Bruttoinlandsprodukt verdoppeln und damit die USA als Nummer eins überflügeln. Dabei geht es nicht nur um einen wirtschaftlichen Wettkampf, sondern vor allem um einen technologischen – und um globale Einflussnahme.

Doch der Kern der Auseinandersetzung liegt in der zunehmenden Entkopplung der chinesischen und US-amerikanischen Wirtschaft. Der Großmachtwettbewerb (Great Power Competition) durchläuft dabei in Wellenbewegungen verschiedene Phasen. Ab 2018 kam es unter der US-Regierung von Donald Trump zu einer deutlichen Verschärfung mit der Verhängung von gegenseitigen Strafzöllen und Sanktionen. Den vorläufigen Abschluss dieser Phase bildete im Januar 2020 ein Handelsabkommen, in dem sich die Parteien in einigen Teilbereichen gegenseitige Zusicherungen gaben und ein weiteres Abkommen zu grundlegenderen Fragen in Aussicht stellten.

China ist aus wirtschaftlicher Sicht ein ernst zu nehmender Gegner

China ist aus wirtschaftlicher Sicht ein ernst zu nehmender Gegner
Quellen: CSIS, Fortune Global 500, Macrobond, Weltbank, Union Investment. SOEs = Unternehmen in Staatsbesitz; Stand: Ende August 2021.

Entspannung Fehlanzeige

Dazu ist es bislang nicht gekommen: Der Wechsel im Weißen Haus hat nichts an den grundlegenden Konfliktlinien geändert – der Konflikt wird nur besser orchestriert. Unter US-Präsident Joe Biden wird die Auseinandersetzung stärker als je zuvor zu einer Frage der nationalen Sicherheit. Zu den Kernpunkten gehören Maßnahmen, die Chinas Zugang zu Basistechnologien beschränken sollen. Das gilt insbesondere für Halbleiter und damit verbundene Technologien. Hinzu kommen Maßnahmen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der USA, etwa durch die Förderung der Resilienz (Widerstandsfähigkeit) von strategisch wichtigen Lieferketten, gezielte öffentliche Investitionen in Forschung und Entwicklung, die Schaffung von Investitionsanreizen und die Bevorzugung von in den Vereinigten Staaten hergestellten Gütern im Beschaffungswesen („Buy American“).

So ist auch die aktuelle Investitions- und Innovationsoffensive der Biden-Regierung nicht nur vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie zu sehen. Im Herbst dürfte unter anderem der 250 Milliarden US-Dollar schwere „US Innovation und Competition Act“ verabschiedet werden. Darin geht es nahezu ausschließlich um den Wettbewerb mit China. Das dürfte zu umfangreichen staatlichen Ausgaben und Investitionsanreizen führen. Eine Folge davon sollte ein höheres Wachstum in den USA sein, was mittelfristig sowohl konkreter steigende Inflation als auch höhere Zinsen bedeuten könnte.

China an kritischem Punkt

Umgekehrt hat China identische Interessen im Rahmen der nationalen Sicherheit, was zu zunehmenden Fliehkräften zwischen beiden Staaten führt. Die Hinweise auf eine gezielte schrittweise Entkopplung der beiden größten Volkswirtschaften mehren sich. Unter der Ägide von Präsident Xi Jinping schwenkt China gerade hin zu „mehr Staat“ und greift stärker in privat geführte Unternehmen ein. Die Führung in Peking will im Rahmen ihrer Wirtschaftsstrategie, dem „Zwei-Kreisläufe“-Modell (Dual Circulation Economy), mehr Autonomie erreichen, etwa bei Importen strategisch wichtiger Güter. Damit soll das Land im schwierigen außenpolitischen Umfeld gestärkt werden.

China ist dabei in einer kritischen Entwicklungsphase: Im Chip-Sektor ist das Land auf ausländisches Know-how angewiesen und wird diese Abhängigkeit nicht so schnell durch Wissenstransfer und eigene Fertigung verringern können. Neue Regulierungsbestrebungen sind zudem darauf ausgerichtet, die Interessen der großen privaten chinesischen Technologiekonzerne wie Alibaba oder Tencent in Einklang mit jenen des Staats zu bringen. Damit soll unter anderem verhindert werden, dass Daten ins Ausland gelangen könnten, und diese Konzerne sollen auch verstärkt in die chinesische Hardwareentwicklung investieren. Darüber hinaus sollen Regulierungseingriffe auch einer möglicherweise wachsenden Unzufriedenheit der eigenen Bevölkerung durch steigende soziale Ungleichheit entgegenwirken.

Chinas Aktienmarkt durchläuft Neubewertung

Am Kapitalmarkt hinterlässt dies Spuren: Seit der Absage des Börsengangs des Zahlungsdienstleisters Ant Group am 3. November 2020 erlebt China sowohl gezielte Untersuchungen von Einzelunternehmen als auch regulatorische Eingriffe in ganze Sektoren, wie die Tech-Branche. Ein drastischer Einschnitt war der 23. Juli 2021, als die chinesische Regierung erklärte, privat geführte Bildungsanbieter dürften künftig weder Gewinne machen noch Kapital über die Börse aufnehmen. Die Aktienkurse der betroffenen chinesischen Unternehmen gerieten kräftig unter Druck, und der chinesische Aktienmarkt durchlief eine Neubewertung, die wohl noch nicht ganz abgeschlossen sein dürfte. Denn die chinesische Regierung dürfte zwar bei künftigen Regulierungseingriffen auch die Auswirkungen auf das Wachstum stärker berücksichtigen, aber ein klares Statement von oberster politischer Stelle über ein Ende des Regulierungszyklus fehlt bislang.

Die Regulierungsschritte der chinesischen Regierung sind somit auch vor dem Hintergrund des Großmachtkonflikts zu verstehen. Für Anleger bedeutet dies, dass sie sich darum auch künftig mit den möglichen Folgen dieses Konflikts befassen müssen – zeitlich, regional und sektoral genauso wie auf der Ebene der einzelnen Unternehmen. Die Folgen vieler dieser langfristig ausgerichteten Maßnahmen dürften dabei erst in einer späteren Phase richtig sichtbar werden und ihre Wirkung entfalten. Denn die Umsetzung von Investitionsentscheidungen und Anpassungen von Lieferketten brauchen in der Umsetzung oft viele Jahre. In dieser Zeit werden sie am Kapitalmarkt oft weitgehend ignoriert, sind aber nichts desto trotz für eine langfristige Anlagestrategie entscheidend.

Sehr wahrscheinlich wird aber die zunehmende Entkopplung von China und den USA Wirtschaftswachstum, Gewinnströme und Zinsentwicklungen weltweit beeinflussen. Aktuell setzen die USA beispielsweise durch strategisch ausgerichtete Infrastrukturpakete eher auf Expansion. China nimmt dagegen kurzfristig eine Wachstumsverlangsamung durch eine Verschärfung der Regulierung und Verringerung des Fiskalimpulses in Kauf, was aber langfristig die Binnenwirtschaft und das Finanzsystem stärken soll.

Fazit: Resilienz schlägt Effizienz

Besonders wachsam sollten Anleger daher bei strategisch wichtigen Branchen sein wie in den Bereichen Kommunikation (Mobilfunkstandard 5G), Halbleiter, aber auch Gesundheit. Regional sind ebenfalls Verschiebungen möglich, etwa durch die (Rück-)Verlagerung von Produktion. Global investieren bedeutet angesichts des Großmachtkonflikts zunehmend auch vor Ort zu investieren. Für internationale Anleger ist eine höhere Komplexität der Anlagestrategie die Folge. Resiliente, also widerstandsfähige Lieferketten werden tendenziell wichtiger als effiziente Lieferketten. Die Folgen für Kosten und Betriebsmargen der Unternehmen sind derzeit aber noch unklar, weshalb die Risikoprämien für möglicherweise betroffene Investments tendenziell steigen sollten.

Damit bieten sich auch Anlagechancen: Größere Unternehmen dürften besser in der Lage sein als kleine, sich auf die neuen Rahmenbedingungen entkoppelter Großmächte einzustellen. Abhängig davon, wie flexibel Unternehmen sind, lassen sich Auswirkungen des Konflikts auf das eigene Geschäft begrenzen oder sogar in steigende Gewinne ummünzen. Gerade bei Anlagen in China oder den USA sollten Investoren beispielsweise auch mit einbeziehen, wie wichtig das Unternehmen für die jeweiligen Staatsinteressen ist.

Die gegenseitigen Abhängigkeiten sind zu hoch für eine komplette Entkopplung

Die gegenseitigen Abhängigkeiten sind zu hoch für eine komplette Entkopplung
* Informations- und Kommunikationstechnologien. Quellen: Bloomberg, Rhodium Group, UNCTAD, Macrobond, Union Investment; Stand: Ende August 2021.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
3. September 2021, soweit nicht anders angegeben.