Im Sog des Handelsstreits

Max Holzer

Gastbeitrag von Max Holzer, Leiter Relative Return bei Union Investment

Ob Lufthansa, BASF oder Daimler – in der deutschen Wirtschaft jagt eine Gewinnwarnung die nächste. Kein Wunder, denn der Handelsstreit hat längst globale Ausmaße erreicht. Welche Anlagen profitieren, welche gehören zu den Verlierern? Das sollten Multi-Asset-Investoren beachten.

Seit mehr als einem Jahr verdüstert der „Handelskrieg“ die Aussichten am Kapitalmarkt. Auch wenn sich US-Präsident Donald Trump und Chinas Staatspräsident Xi Jinping auf dem G20-Gipfel im Juni auf einen Waffenstillstand geeinigt haben, ist keine langfristige Lösung des Konflikts in Sicht. Der Handelsstreit kann jederzeit wieder eskalieren. Nicht zuletzt, weil es um mehr geht als Zölle und Protektionismus. Es geht um globale Machtverhältnisse und die Technologie-Marktführerschaft.

Dabei ist der Konflikt kein fernes Donnergrollen, sondern hat bereits heute zu Blitzeinschlägen in der Wirtschaft geführt. Besonders betroffen sind exportorientierte Nationen. Denn durch den zunehmenden Protektionismus gerät der Welthandel ins Stocken. Deutschland spürt die negativen Effekte bereits sehr deutlich, wie die Unternehmensbilanzen zeigen. In keinem anderen Industrieland sind die Gewinne 2018 derart stark eingebrochen wie in Deutschland – das ergab die Analyse der Gewinnentwicklung der 1.000 umsatzstärksten Konzerne der Welt. Die Gewinne vor Steuern und Zinsen der deutschen Firmen gingen 2018 im Vergleich zum Vorjahr um etwa zehn Prozent zurück. Die Gewinnwarnungen von BASF und Daimler vor wenigen Wochen verdeutlichen, wie prekär die Lage ist.

Negative Kettenreaktion in Gang

Insbesondere die wirtschaftliche Abschwächung in China, unter anderem infolge des Handelsstreits, trifft die deutschen Firmen ins Mark. Schließlich ist das Reich der Mitte Deutschlands wichtigster Handelspartner. Vor allem die rückläufige Autonachfrage in China belastet die Autobauer hierzulande. Aber auch weltweit geht der PKW-Absatz zurück. Hinzu kommt: Die deutschen Autos verlieren an Wettbewerbsfähigkeit. Ein BMW, der in den USA produziert und dann nach China exportiert wird, verteuert sich aufgrund der Strafzölle für den chinesischen Konsumenten. Neben den negativen Auswirkungen des Dieselskandals sind das keine guten Vorzeichen für die deutsche Prestigeindustrie. Und ihre Schwäche strahlt auf andere Bereiche ab, wie etwa Chemie oder Maschinenbau. Nach vorne gerichtet kommt eine negative Kettenreaktion in Gang. Firmenchefs halten sich aufgrund der Schwäche im Welthandel mit Investitionen zurück. Dies schmälert wiederum die Auftragsbücher in der Industrie – der Effekt verstärkt sich.

Bau und Konsum brummen

Die Volkswirte bei Union Investment rechnen daher mit einem Schrumpfen des deutschen Bruttoinlandsprodukts im zweiten Quartal. Aber ganz wichtig: Wir rechnen nicht mit einer Rezession. Denn im Gegensatz zur Auto- und Maschinenbauindustrie gibt es auch Branchen, bei denen es gut läuft. Beispielsweise brummen die weniger exportabhängigen Industrien, wie die Bauwirtschaft. Auch bei konsumnahen Dienstleistungen und im Handel ist keine Schwäche zu spüren. Mit Blick nach vorne dürfte die Schere noch weiter aufgehen: Während der Einkaufsmanagerindex für den Bereich Dienstleistungen zulegt, liegt der für das Verarbeitende Gewerbe unterhalb der Wachstumsschwelle. Deutschland steht dabei für ein typisches Muster, das sich so ähnlich auch in anderen Ländern wiederholt.

Am Kapitalmarkt stehen daher zyklische, das heißt konjunkturabhängige, Branchen unter Druck. Eher robuste Geschäftsmodelle, etwa mit Ausrichtung auf den lokalen Markt, sind gefragt. Da die Notenbanken auf die Eintrübung mit weiteren Lockerungen reagiert haben beziehungsweise entsprechende Schritte angekündigt haben, profitieren auch Anlagen mit zinsähnlichen Auszahlungsprofilen abseits der Anleihemärkte. Das sind beispielsweise Aktien mit stabiler Dividende.

Für Multi-Asset-Anleger bedeutet das: Aktivität und Wachsamkeit sind gefragt. Während Investoren die Autoindustrie und Maschinenbau-Unternehmen derzeit meiden sollten, bieten sich Chancen bei weniger exportabhängigen Branchen – sowohl bei Aktien als auch bei Anleihen der Konzerne. Auf Länderebene bevorzugen wir mehr binnenorientierte Volkswirtschaften wie die USA. Im Rohstoffbereich bieten sich Edelmetalle aufgrund der geopolitischen Spannungen als Portfolio-Beimischung an. Während Gold schon weit gelaufen ist, sind bei Silber und Platin noch Preissteigerungen zu erwarten.

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
22. Juli 2019, soweit nicht anders angegeben.