Inflation in der Eurozone: Schon wieder auf dem Rückzug?

  • Inflation in der Eurozone hat sich im Mai auf 1,4 Prozent abgeschwächt
  • Komponenten Dienstleistungen und Energie stiegen weniger als im Vormonat
  • Solide Konjunktur, aber trotz fallender Arbeitslosigkeit verhaltener Lohndruck
  • Teuerungsrate dürfte erst einmal weiter rückläufig sein
  • Druck auf EZB wird kleiner – nichtdestotrotz: Tapering in Sichtweite

Die Inflation in der Eurozone hat sich im Mai 2017 abgeschwächt. Die Verbraucherpreise lagen nur noch 1,4 Prozent höher als vor einem Jahr. Sie erreichte damit den tiefsten Wert seit fünf Monaten. Im April hatte die Teuerungsrate noch 1,9 Prozent betragen. Zuvor waren die Raten von 1,8 (März), 2,0 (Februar) und 1,8 (Januar) erreicht worden. Auch die Kerninflationsrate, die die volatilen Energie- und Lebensmittelpreise unberücksichtigt lässt, war im Mai rückläufig. Sie fiel von 1,2 auf 0,9 Prozent.

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Ausschlaggebend für den geringeren Preisdruck im vergangenen Monat waren vor allem die Komponenten Dienstleistungen und Energie, deren Preise jeweils weniger als im Vormonat zulegten. Die Energiepreise sind um 4,6 Prozent gestiegen (Vormonat: 7,6 Prozent), Dienstleistungen verteuerten sich um 1,3 Prozent (Vormonat: 1,8 Prozent). Dagegen zogen die Preise für Lebensmittel und Industriegüter ebenso stark an wie im April (+1,5 Prozent).

Rohstoffpreise nur temporärer Inflationstreiber, Oster-Effekt verzerrte Teuerung im April

Der energiepreisbedingte Basiseffekt, der die Inflationsraten Anfang des Jahres auf 2,0 Prozent steigen ließ, läuft allmählich aus. Der im Januar 2016 bis auf 28 US-Dollar gefallene Ölpreis (Brent) erholte sich nach und nach und erreichte Mitte des Jahres 2016 wieder rund 50 US-Dollar pro Fass. Aktuell liegt die Notierung, die zwischenzeitlich um die 56 US-Dollar betrug, nur leicht darüber.

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Dass sich die Kerninflation im Vergleich zum Vormonat auch abgeschwächt hat, liegt vor allem am so genannten „Oster-Effekt“. Üblicherweise verteuern sich im Ostermonat die Preise für Dienstleistungen insbesondere in den Segmenten Touristik und Transport. Da Ostern in diesem Jahr im April lag und im vergangenen in den März fiel, ergibt sich im Vergleich mit dem Vorjahr eine Verzerrung bei der Kerninflationsrate, die sich außergewöhnlich positiv auf die Teuerung im April auswirkte. Der gesunkene Wert im Mai ist also nicht ungewöhnlich niedrig, sondern der April war ungewöhnlich hoch.

Der Oster-Effekt ist passé und auch der Ölpreis dürfte nicht weiter stützen. Die Rohstoffexperten rechnen zwar damit, dass sich der Preis in Richtung 60 US-Dollar bis Jahresende bewegen sollte. Doch auch 2016 hat dieser tendenziell zugelegt, sodass von dieser Seite kein nachhaltiger Inflationsdruck zu erwarten ist.

Auch in den Erwartungen der Marktteilnehmer spiegelt sich eine rückläufige Teuerung: Die langfristigen Inflationserwartungen waren ab November 2016 regelrecht in die Höhe geschnellt. Seit Februar 2017 befinden sie sich aber wieder im Sinkflug.

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Solide Konjunktur, aber trotz fallender Arbeitslosigkeit verhaltener Lohndruck

Die Konjunktur im Euroraum wächst seit Überwindung der Euro-Krise 2013 wieder und konnte zuletzt auch nochmal deutlich an Dynamik zulegen, wie das Quartalswachstum von 0,5 Prozent im ersten Quartal 2017 und die aktuellen Frühindikatoren belegen. Die Arbeitslosenquote für den gesamten Euroraum erreichte zuletzt einen Wert von 9,3 Prozent, nach einem Spitzenwert von 12,1 Prozent im Mai 2013.

Eigentlich müsste dies die Inflation erhöhen. Ein enger Arbeitsmarkt bedeutet Lohndruck und dieser führt auf Seiten der Unternehmen zu Kostendruck, wodurch über höhere Preise Inflation entstehen sollte. Gleichzeitig sorgen die höheren Löhne dafür, dass die Bürger mehr Güter und Dienstleistungen nachfragen, was die Preise weiter ansteigen lässt. Doch in den vergangenen Jahren hat sich immer stärker gezeigt, dass der Rückgang der Arbeitslosenquote sich nicht deutlich in einen Preisanstieg übersetzt. Wir sehen also eine äußerst flache Phillips-Kurve, die den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und der Veränderung der Inflationsrate beschreibt. Das könnte mit der Qualität der Jobs zusammenhängen. Die Zunahme von befristeten Verträgen und ein wachsender Niedriglohnsektor prägen den europäischen Arbeitsmarkt. Darüber hinaus beziehen sich die Arbeitslosenzahlen von Eurostat lediglich auf Personen ohne Job, die aktiv nach Arbeit suchen und innerhalb von zwei Wochen eine neue Stelle antreten können. Außen vor bleiben beispielsweise Arbeitnehmer in Teilzeit, die gerne mehr arbeiten würden, und Personen, die gerne arbeiten würden, aber aufgrund des geringen Angebots nicht aktiv suchen. Diese Personengruppen eingeschlossen, läge die Rate höher. Der Euroraum ist mit diesem Phänomen, dass sich fallende Arbeitslosenquoten nicht in merkliche Lohn- und Preisanstiege übersetzen, nicht allein. In eigentlich allen Industrieländern von Großbritannien über die USA und Japan ist seit mehreren Jahren ähnliches zu konstatieren.

Teuerung erst einmal weiter rückläufig

Der deutliche Anstieg der Inflationsrate für den Euroraum dürfte im April 2017 ihr vorläufiges Ende gefunden haben. Die erwähnten Sondereffekte kommen vorerst nicht mehr zum Tragen und von Seiten des Arbeitsmarktes kommt nur moderater Druck auf. Wir rechnen aus diesen Gründen damit, dass sich die Teuerungsrate in den kommenden Monaten erst einmal wieder leicht abbauen dürfte. Aufs Jahr gesehen gehen wir von einer Inflationsrate von 1,5 Prozent aus. Perspektivisch erwarten wir jedoch ein Anziehen der Kerninflationsraten.

Tapering nicht in Sicht

Die geringe Inflation nimmt den Druck von den europäischen Währungshütern, rasch eine restriktivere Geldpolitik zu verfolgen. EZB-Präsident Mario Draghi nannte schließlich immer wieder die schwache Kerninflation als Argument gegen ein strafferes Vorgehen. Nichtsdestotrotz rechnen wir damit, dass es allmählich zu einer sanften Wende in der Geldpolitik kommen muss, alleine schon, weil der Notenbank das kaufbare Material bei Anleihen ausgeht. Und weil die Eurozone konjunkturell solide aufgestellt ist. Wir gehen nach wie vor davon aus, dass die Währungshüter auf ihrer Juni-Sitzung nächsten Donnerstag (8.6.) ihre Kommentierung anpassen, sodass die verbesserten konjunkturellen Rahmenbedingungen stärker betont werden. Im Herbst könnten klare Ansagen folgen: Dann dürfte Mario Draghi die weitere Reduzierung der monatlichen Wertpapierkäufe, das so genannte Tapering, ankündigen. Ab Januar 2018 sollten die Maßnahmen greifen und das monatliche Ankaufvolumen verringert werden. Dass die Notenbanker am Nulzins rütteln, ist bis auf Weiteres unwahrscheinlich. Von Seiten der Inflation entsteht jedenfalls so bald kein Handlungsdruck.