Jahrestagung des IWF: Wirtschaftlicher Optimismus allenthalben

Vom 10. bis 15. Oktober 2017 fand in Washington die Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) statt. Christian Kopf, Leiter Rentenfondsmanagement und Dr. Mauricio Vargas, Senior-Volkswirt bei Union Investment haben am Treffen teilgenommen und mit Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft gesprochen.

Robuster wirtschaftlicher Aufschwung

Das Weltwirtschaftswachstum stellt sich insgesamt robuster dar, als von vielen Tagungsteilnehmern noch vor Jahresfrist erwartet wurde. Die wichtigsten globalen Wachstumszentren befinden sich weiter in einem synchronen Aufschwung. In seinem World Economic Outlook hat der IWF die Wachstumsprognose für das Jahr 2017 deshalb von 3,5 auf 3,6 Prozent angehoben. Für 2018 erwartet die Organisation schließlich eine leichte Wachstumsbeschleunigung auf 3,7 Prozent. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr lag das globale BIP-Wachstum bei lediglich 3,2 Prozent.

Die Eurozone hat sich erfolgreich aus der Krise gekämpft und ist zu einer tragenden Säule der Weltwirtschaft geworden. Anders als in den Vorjahren, als die wirtschaftlichen und strukturellen Probleme des Alten Kontinents die Diskussionen dominierten, herrschte in diesem Jahr ein konstruktiver Optimismus, der vor allem auch durch die Amtsübernahme Emmanuel Macrons in Frankreich ausgelöst wurde. Seine Ideen zur Gestaltung Europas – unter den Leitlinien Souveränität, Einheit und Demokratie – schüren neue Hoffnungen auf eine tiefere europäische Integration. Der bevorstehende Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union (EU) entwickelt sich indes mehr und mehr zu einem rein britischen Problem, das kaum Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben dürfte. Die Bank of England sollte angesichts steigender Inflationsraten die Zinsen erhöhen, damit dürfte der Höhenflug des Britischen Pfund anhalten.

Die Schwellenländer sind nach den Anpassungsprozessen der vergangenen Jahre auf einen dynamischen Wachstumspfad zurückgekehrt. Die guten globalen Wachstumsperspektiven, die behutsame Straffung der US-Geldpolitik, der im Jahresverlauf schwächere US-Dollar, die Stabilisierung der Rohstoffpreise, aber auch die weitreichenden strukturellen Fortschritte in vielen Ländern halten den Rückenwind für die aufstrebenden Volkswirtschaften auf Sicht aufrecht. Im Schnitt sollte sich das Wachstum in den Schwellenländern deshalb nach Ansicht des IWF von 4,6 Prozent im laufenden auf 4,9 Prozent im kommenden Jahr beschleunigen – nach 4,3 Prozent im Jahr 2016.

Personelle Rochade im Board of Governors

Auch die USA bleiben auf Wachstumskurs, obgleich die im Präsidentschaftswahlkampf im Jahr 2016 in Aussicht gestellten fiskalischen Impulse bislang ausgeblieben sind. Immerhin: Um im Vorfeld der im November 2018 anstehenden „Midterm-Elections“ überhaupt einen politischen Erfolg zu verbuchen, dürfte der republikanisch dominierte Kongress die geplante Steuerreform in den kommenden Monaten auf den Weg bringen. Inwieweit sich diese „tax cuts“ überhaupt wachstumsstimulierend auswirken werden und wie Trump die Steuersenkungen finanzieren wird, bleibt nach wie vor fraglich.

Gleichzeitig stehen einige Neubesetzungen im Board of Governors der Federal Reserve bevor. Insbesondere die Vakanz des künftigen Chefs der US-Notenbank Federal Reserve wurde auf dem IWF-Jahrestreffen diskutiert. Für die Nachfolge der amtierenden Fed-Präsidentin Janet Yellen, deren Amtszeit am 1. Februar 2018 endet, sind aktuell fünf Personen im Gespräch: Neben Yellen selbst stehen Trumps Wirtschaftsberater Gary Cohn, der frühere Fed-Direktor Kevin Warsh, der Wirtschaftsprofessor John Taylor und Fed-Direktor Jerome Powell zur Auswahl. Nach Einschätzung vieler Volkswirte hat Powell die besten Chancen auf das Amt, als zweitwahrscheinlichster Kandidat wird Kevin Warsh gehandelt. Der von US-Präsident Trump zu benennende Kandidat muss vom US-Senat bestätigt werden. Ähnlich wie im Repräsentantenhaus haben die Republikaner auch im Senat eine – wenn auch nur knappe – Mehrheit.

In seiner Rolle als Mitglied des US-Notenbankrats verwies Jerome Powell auf der IWF-Tagung auf die freundlichen konjunkturellen Bedingungen, die ein gutes Umfeld für eine Straffung der Geldpolitik darstellen. Anders als die amtierende Fed-Chefin Yellen, die eher als geldpolitische „Taube“ gilt, zeigte sich Powell falkenhaft: Solange die robuste Konjunkturlage anhält, sollte die Fed ihre Geldpolitik ohne weitere Unterbrechung normalisieren. Sollte Jerome Powell tatsächlich an die Spitze der Fed wechseln, spricht vieles dafür, dass er die Straffung der US-Geldpolitik im „Autopilot-Modus“ beibehält.

Trumps Politik wird zunehmend zum Risiko

Abseits des großen wirtschaftlichen Optimismus waren unter den Tagungsteilnehmern wachsende Sorgen über eine Eskalation geopolitischer Krisen zu beobachten, die durch Trumps Politik ausgelöst werden könnte. Zu den Konflikten, die in diesem Kontext am häufigsten genannt wurden, zählten Nordkorea und der Iran.

Auch die von den USA angefachten Handelskonflikte könnten zum wachsenden Risiko für die Weltwirtschaft werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die USA aus dem Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) mit Kanada und Mexiko zurückziehen werden, ist zuletzt deutlich gestiegen. Allerdings: Eine Beendigung des Abkommens würde die US-Wirtschaft und -Unternehmen wahrscheinlich viel stärker schädigen als die der Handelspartner. Mexiko beispielsweise könnte den NAFTA-Austritt der USA relativ schnell auffangen und durch Wechselkurseffekte kompensieren. Trotz negativer wirtschaftlicher Implikationen für sein Land kann ein solcher Schritt angesichts der Unberechenbarkeit des US-Präsidenten dennoch nicht mehr ausgeschlossen werden.

Viele Wissenschaftler, Unternehmenslenker und Politiker haben die IWF-Tagung deshalb für ein Plädoyer für mehr internationalen Zusammenhalt genutzt. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble äußerte beispielsweise seine Sorge über „die zugenommene Rhetorik gegen Freihandel“ und verlangte „mehr Offenheit, nicht weniger“. Auch IWF-Chefin Christine Lagarde betonte, dass globale Probleme nicht im Alleingang gelöst werden können. Angesichts der aktuell guten Verfassung der Konjunktur mahnten einige Teilnehmer auch davor, zu optimistisch zu werden oder die Risiken aus den Augen zu verlieren. Vielmehr müsse man das günstige Umfeld nutzen, um Herausforderungen und wichtige strukturelle Reformen anzugehen. Die IWF-Tagung endete deshalb auch mit einem Zitat von US-Präsident John F. Kennedy: „The time to repair the roof is when the sun is shining.”

Fazit

Die Stimmung auf der IWF-Jahrestagung im Oktober 2017 war so optimistisch wie schon lange nicht mehr: Die Weltwirtschaft entwickelt sich robust, es ist kaum Inflationsdruck auszumachen. Die gute wirtschaftliche Ausgangslage gibt den Notenbanken die Möglichkeit zur Normalisierung der Geldpolitik. Zu den wenigen, kritisch diskutierten Themen zählten die Entwicklungen in der US-Politik. Neben der zunehmenden Isolation der USA fürchten viele Experten eine Eskalation geopolitischer Krisenherde angesichts der Unberechenbarkeit des US-Präsidenten. Die ungetrübt positive Stimmung in Washington, die mit neuen Rekordständen an den Aktienmärkten einherging, sollte Investoren daher nicht zu allzu unüberlegten, sorglosen Anlageentscheidungen verleiten. Vieles spricht zwar dafür, dass sich die jüngste Aktienmarktrally auf Sicht fortsetzen wird. Angesichts des hohen Optimismus und der sehr einseitigen Positionierung professioneller Marktteilnehmer können bereits kleinere Störfeuer aber zu einer Korrektur an den Märkten führen.

(Stand: 20. Oktober 2017)