Märkte stellen sich gegen die Notenbanken

Die US-Notenbank Federal Reserve und die Europäische Zentralbank (EZB) haben weitere Zinsschritte in Aussicht gestellt. Trotzdem preisen die Geldmärkte Zinssenkungen im Verlauf von 2023 ein. Diese Erwartung teilen die Experten von Union Investment aber nicht.

Vor dem ruhigeren Feiertagshandel haben die Notenbanken nach einem turbulenten Jahr 2022 Mitte Dezember noch einmal das Geschehen an den Finanzmärkten bestimmt. Besonders die begleitende Kommunikation zu den Zinsentscheidungen sorgte einmal mehr für größere Kursausschläge. Die entscheidende Frage für Anleger ist, wie stark die Zinsen über das aktuelle Niveau hinaus noch steigen. Es wird deutlich, dass sich zwischen den jüngsten Notenbank-Verlautbarungen und den Einschätzungen am Markt ein klarer Unterschied verfestigt hat. Die Geldmärkte preisen auch nach den jüngsten Zinsentscheidungen auf Basis von Zinsderivaten in den USA ab Mitte des nächsten Jahres und im Euroraum ab Herbst fallende Zinsen ein. Dies steht ganz im Gegensatz zu eher „hawkishen“, also auf weitere geldpolitische Straffung bzw. auf eine länger restriktive Geldpolitik deutende Aussagen. 2023 wird also für die eine oder andere Seite eine größere Anpassung mit sich bringen – was für anhaltend schwankungsreiche Märkte spricht.

Die unmittelbaren Reaktionen der Märkte auf die Zinsentscheidungen der US-Notenbank Federal Reserve (am 14. Dezember) und der Europäischen Zentralbank (am 15. Dezember) zeigten, dass derzeit der Ton die Musik macht. Beide Notenbanken haben zwar die Schritthöhe der Anhebungen von zuvor 75 Basispunkten (BP) auf jeweils 50 BP verringert. Trotzdem gerieten Risikoanlagen unter Druck. Beide Notenbanken stellten klar, dass sie bereit für weitere Zinsschritte sind, falls die Datenlage dies erforderlich macht. Sowohl der breite US-Aktienindex S&P 500 als auch der DAX40-Index gerieten in der Folge unter Druck. Am US-Anleihemarkt blieben die Kursbewegungen überschaubar, anders als bei den deutschen Bundesanleihen, die nach der EZB-Kommunikation deutlich unter Druck gerieten. Die Rendite zehnjähriger deutscher Staatstitel zog am Donnerstag zeitweise um 18 BP auf 2,12 Prozent an, die Rendite zweijähriger Bundesanleihen sprang über 28 BP auf über 2,43 Prozent und erreichte ihren höchsten Stand seit der Finanzkrise 2008.

Die deutlich ausgeprägtere Marktreaktion bei der EZB war auf Aussagen von EZB-Präsidentin Christine Lagarde zurückzuführen. Sie erklärte, für eine gewisse Zeit seien weitere Zinsanhebungen über 50 Basispunkte zu erwarten und es brauche mehr Zinsschritte als am Geldmarkt eingepreist würden. Darüber hinaus kündigte die EZB zudem an, ab März mit dem Bilanzabbau (quantitative Straffung, QT) zu beginnen und zunächst bis zum Ende des zweiten Quartals im Mittel 15 Milliarden Euro pro Monat aus fällig gewordenen Anleihen nicht mehr zu reinvestieren. Die Experten von Union Investment gehen davon aus, dass die EZB bis Mai 2023 den Einlagensatz auf 3,25 Prozent erhöht und es – anders als der Markt derzeit einpreist – im weiteren Verlauf des Jahres nicht zu Zinssenkungen kommen dürfte.

Fed auf der Zielgeraden, EZB steht noch vor mehreren Zinsschritten

Notenbanken werden den Straffungskurs verlangsamen

Notenbanken werden den Straffungskurs verlangsamen
Quelle: Bloomberg, Union Investment; Stand: 16. Dezember 2022.

Nachhaltiger Inflationsrückgang in den USA

Blick auf die USA erwarten die Experten im Februar noch einen „Absicherungsschritt“ der Fed über weitere 25 BP auf ein Zielband für die Fed Funds Rate von 4,5 bis 4,75 Prozent. Nach Einschätzung der Volkswirte von Union Investment ist dort aber die Inflation bereits auf einem nachhaltigen Entspannungspfad. Im November stiegen die Verbraucherpreise bereits zum zweiten Mal in Folge weniger stark als erwartet. Die Kernrate (ohne die Preise für Energie und Nahrungsmittel) stieg um 6,0 Prozent zum Vorjahr und um 0,2 Prozent gegenüber Oktober. Der Beitrag der Güterpreise lag dabei zum zweiten Mal in Folge klar im negativen Bereich. Zur Entspannung trug auch das post-pandemiebedingte Rebalancing vom Güterkonsum hin zu Dienstleistungen bei, sowie gut gefüllte Läger und eine Normalisierung der Lieferketten. Auch stieg die Wohnen-Komponente langsamer als in den Vormonaten. Am Arbeitsmarkt ließen sich bislang jedoch nur sehr vereinzelt Anzeichen für eine Entspannung ausmachen.

Auch andere Notenbanken haben ihren Straffungskurs fortgesetzt. So setzten am Donnerstag (15. Dezember) auch die Bank of England (BoE) und die Schweizerische Nationalbank (SNB) ihren Leitsatz um diesen Betrag hoch, ebenfalls beide nach einem vorhergegangenen 75-BP-Schritt. Die Experten von Union Investment rechnen bei der BoE mit zwei weiteren Zinsschritten im Februar und März um jeweils 25 BP auf vier Prozent. Im weiteren Jahresverlauf erwarten sie keine weitere Zinserhöhung mehr, aber auch keine Zinssenkung. Dies vor dem Hintergrund des angespannten britischen Arbeitsmarktes. Unter den führenden Notenbanken weltweit liegt damit nur noch die Bank of Japan (BoJ) mit einem Leitsatz von -0,1 Prozent im negativen Bereich. Nach der überraschenden Anpassung des von der BoJ tolerierten Renditebands für 10jährige japanische Staatsanleihen sind im kommenden Jahr weitere Schritte hin zu einer geldpolitischen Normalisierung zu erwarten. 

Gebremster Renditeanstieg bei Staatsanleihen

Was lässt sich daraus für die Kapitalmärkte ableiten? Die jüngsten Entscheidungen machen deutlich, dass das Straffungstempo den Höhepunkt bereits überschritten hat. Anlass für die Drosselung bietet der rückläufige Teuerungsdruck in den USA, Großbritannien und im Euroraum. Doch zeigen die falkenhaften Aussagen sowohl der US-Notenbank Fed als auch der EZB, dass es verfrüht wäre, nach einem Ende der Zinserhöhungen einen raschen Wechsel in einen Lockerungszyklus zu erwarten.

An den Staatsanleihemärkten dürften die Renditen weiter leicht steigen oder sich seitwärts entwickeln. Die Experten von Union Investment prognostizieren derzeit für zehnjährige US-Staatsanleihen Renditen von vier Prozent bis zur Jahresmitte 2023 (Stand per 16. Dezember: 3,49 Prozent), während die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen dann bei 2,4 Prozent liegen dürfte (Stand per 16. Dezember: 2,19 Prozent). An den Aktienmärkten dagegen könnte bis auf weiteres die (schwächere) Gewinnentwicklung der Unternehmen entscheidend bleiben – während seitens der Zinsmärkte weniger Unterstützung für Aktienanlagen als derzeit eingepreist zu erwarten sein dürfte. Das bedeutet ein schwankungsanfälliges Umfeld mit Chancen für eine aktive und selektive Titelauswahl.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
20. Dezember 2022, soweit nicht anders angegeben.

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