Nachfrageschwäche könnte einzelne Rohstoffpreise beruhigen

Die Sorgen vor einer Rezession hinterlassen erste Spuren bei den Preisen für Öl und Ölprodukten. Groß ist die Unsicherheit im Gasmarkt, ob es zum kompletten Lieferstopp kommt oder nicht. Bei den Industriemetallen jedoch sind strukturelle Nachfragetrends weiter intakt.

Die Preise für Energierohstoffe bleiben einer der Haupttreiber hinter Inflation und Wachstumssorgen. Noch halten die Knappheiten in vielen Rohstoffsegmenten an. Doch die Unsicherheit der Marktteilnehmer über den weiteren Verlauf von Teuerung und Konjunktur scheint erste Spuren in der Preisentwicklung zu hinterlassen. Spiegelten sich die Engpässe bei vielen Ölprodukten wie Diesel und Kerosin noch vor kurzem in hohen Raffineriemargen sowie in impliziten Rollrenditen von annualisiert 25 Prozent in den Terminkurven wider, zeichnet sich nun ab, dass die hohen Produktpreise zunehmend auf die Nachfrage durchschlagen. Ein Beispiel ist eine schwächer als erwartete „Driving Season“ in den USA.

Was den Rohölmarkt betrifft, bleibt zwar die Förderung der Mitgliedsländer des Ölkartells OPEC unverändert unter den vereinbarten Produktionsquoten, doch die Ölproduktion in den USA steigt weiter. Was steckt hinter der niedrigeren Ölförderung der OPEC? Einige afrikanische Mitgliedsländer, etwa Nigeria und Angola, können aufgrund zu geringer Investitionen in den vergangenen Jahren nicht mehr zu ihren früheren Fördermengen zurückkehren. In anderen Ländern – Stichwort Libyen – kommt es wegen politischer Unruhen immer wieder zu kürzeren Produktionsausfällen. Auch Saudi-Arabien bleibt aktuell hinter der vereinbarten Quote zurück – aus Gründen, die nicht offensichtlich sind. In diesem Fall ist davon auszugehen, dass das Land die aktuellen Ausfälle künftig ausgleichen wird, was mengenmäßig ins Gewicht fällt. Der globale Ölmarkt dürfte daher im weiteren Jahresverlauf wieder ins Gleichgewicht kommen oder sogar Angebotsüberschüsse verzeichnen.

Saisonale Abkühlung und Rezessionsängste lassen auf Preise für Ölprodukte sinken

Auch wenn die Preise zuletzt relativ stark gefallen sind und sich derzeit bei rund 105 US-Doller je Fass der Nordseesorte Brent bewegen, zeigen die Terminkurven noch eine deutliche Knappheit am physischen Ölmarkt auf. Sie sind nach wie vor in Backwardation. In dieser Marktlage liegt der Terminkurs unter dem aktuellen Preis am Kassamarkt, spiegelt dadurch also in der Regel eine kurzfristig hohe physische Nachfrage. Das dürfte sich erst dann ändern, wenn sich die aktuellen Erwartungen eines Nachfragerückgangs aufgrund der Wachstumssorgen auch tatsächlich an steigenden Lagerbeständen ablesen lassen. Das ist aktuell noch nicht der Fall. Die rückläufige Nachfrage sollte nach dem Sommer auch für sinkende Preise für Ölprodukte sorgen und damit den saisonalen Rückgang nach der reiseintensiven Urlaubszeit noch verstärken. In der Folge sollten auch die Raffineriemargen fallen.

Jüngste Rezessionsängste lasten auf Preisen für Energieprodukte

Rückläufige Energienachfrage stoppt Lagerbestandsabbau und sollte für sinkende Preise sorgen

Rückläufige Energienachfrage stoppt Lagerbestandsabbau und sollte für sinkende Preise sorgen
Quelle: Bloomberg; *Differenz zwischen Rohölpreis und raffinierten Produkten; Stand: 08.Juli 2022.

Das Basisszenario von Union Investment geht davon aus, dass sich die Preise für Rohöl (12-Monatsziel 80 US-Dollar/Fass Brent) und Ölprodukte beruhigen. Dies wird jedoch von enormen Risiken begleitet – und zwar sowohl für weitere Preissteigerungen als auch umgekehrt für einen möglichen starken Preisverfall. Die Preiserwartungen am Markt klaffen derzeit stark auseinander, was die Unsicherheit spiegelt. Beide Risiko-Szenarien sind abhängig vom Verhalten Russlands und dessen Einfluss auf Inflation und Konjunktur. Besonderes Augenmerk gilt in diesem Zusammenhang auch dem europäischen Gas-Markt, der vor entscheidenden Tagen steht. Sollte nach Abschluss der Wartungsarbeiten an der Pipeline Nord Stream 1 kein oder nur noch sehr wenig Gas fließen, wird eine Rezession in Europa unvermeidlich. Aus diesen Gründen dürfte die Volatilität am Energiemarkt in den kommenden Monaten noch sehr hoch bleiben.

Struktureller Trend bei Industriemetallen intakt

Die Abschwächung des Konjunkturzyklus lastet bereits auf allen Industriemetallen, vor allem aber auf den strukturellen Profiteuren der grünen Transformation der Wirtschaft, weil diese derzeit in den Hintergrund tritt. Die grüne Transformation wird mittelfristig zu einem großen Nachfragewachstum nach bestimmten Industriemetallen führen, allen voran Nickel und Kupfer. Viele Investoren hatten sich auch bereits so positioniert. Doch die zyklische Schwäche überlagert aktuell diesen Megatrend und hat bereits zu heftigen Abverkäufen geführt.

  • Abgabedruck bei Metallpreisen hält unvermindert an

    Industriemetalle: Wachstumssorgen halten an

    Industriemetalle: Wachstumssorgen halten an
    Quelle: Bloomberg, Union Investment; Stand: 4. Juli 2022.
  • Abgabedruck bei Metallpreisen hält unvermindert an

    Lagerbestände beginnen anzusteigen

    Lagerbestände beginnen anzusteigen
    Quelle: Bloomberg, Union Investment; Stand: 4. Juli 2022.

Ablesbar ist dies beispielsweise am Preis für Kupfer, der in den vergangenen Monaten um 30 Prozent gefallen ist. Neben den globalen Rezessionsängsten spielt die wirtschaftliche Entwicklung in China eine besondere Rolle. Die Zweifel daran, wie die dortige Konjunktur die Immobilienkrise und die neuerlichen Lockdowns sowie die westliche Nachfrageschwäche überstehen wird, hat für zusätzlichen Abwärtsdruck auf die Preise geführt. Doch die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen im Reich der Mitte nehmen zu: Die chinesische Zentralbank lockert aufgrund der vergleichsweise niedrigen Inflation ihre Geldpolitik, und die Fiskalpolitik ist auf einen wachstumsfreundlicheren Kurs eingeschwenkt. Daher erwarten die Volkswirte von Union Investment ein robustes Kreditwachstum, steigende Infrastrukturinvestitionen und eine Erholung des Immobilienmarkts. Das sollte die Industriemetalle stützen, schließlich steht China immer noch für 50 Prozent der globalen Nachfrage.

Aufgrund geringer Investitionen in neue Minenprojekte bleibt zudem mittelfristig das Primärangebot von Industriemetallen knapp. Im Gegenzug dürfte das Angebot aus recyceltem Material sukzessive zunehmen. Dem steht in den kommenden fünf bis zehn Jahren die steigende Nachfrage aus dem Megatrend „Energiewende und Dekarbonisierung“ gegenüber. Die Preise für Industriemetalle haben in den vergangenen Wochen teilweise deutliche Korrekturen erfahren. Zum Teil liegen sie unter den Grenzkosten der Produktion, was etwa bei der stromintensiven Aluminiumverarbeitung wegen der hohen Energiekosten bereits zu ersten Kürzungen geführt hat. Die Aluminiumhütten in Europa und teils auch in den USA stehen unter entsprechendem Druck.

Insgesamt sollten Industriemetalle von ihrer moderateren Bewertung sowie einer robusten konjunkturellen Entwicklung Chinas profitieren, unterstützt vom Megatrend der grünen Transformation.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
8. Juli 2022, soweit nicht anders angegeben.

Alle Kapitalmarktthemen