Notenbanken erfüllen Markterwartungen

Die wichtigsten Notenbanken haben wie erwartet die Zinsen gesenkt. Damit wurde das Negativzinsumfeld in Kontinentaleuropa und das Niedrigzinsumfeld in großen Teilen der Industrieländer weiter zementiert – mit nicht zu übersehenden Folgen für die Kapitalmärkte.

Die Woche der Notenbanken ist vorbeit: mit der Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) am 12. September zum Auftakt, der Leitzinssenkung der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) am 18. September und den Sitzung en der Zentralbanken Großbritanniens, Japans und der Schweiz. Die Währungshüter mussten bei ihren Entscheidungen eine Vielzahl an Themen berücksichtigen, unter anderem den Handelskonflikt zwischen den USA und China sowie das schwächelnde globale Wachstum mit Rezessionstendenzen in einigen Zweigen der Industrie. Und die Notenbanken haben geliefert – und zwar nahezu so, wie es der überwiegende Teil der Volkswirte erwartet hatte.

Weitere Zinssenkung in den USA

Auf ihrer Sitzung am vergangenen Dienstag und Mittwoch beschloss die Fed eine weitere Senkung ihres Leitzinsbandes um 25 Basispunkte auf 1,75 bis 2,00 Prozent. Ihre Kommunikation änderte sich im Vergleich zur Zinsentscheidung vom Juni nur marginal. So verwies die Fed auf die starken Konsumausgaben, während gleichzeitig Investitionen und Exporte hinter den Erwartungen zurückbleiben. Passend hierzu nahm sie auch nur eine moderate Korrektur ihrer Wachstumsprojektion vor. Die Notenbank bestätigte mit einer Absenkung der erwarteten Wachstumsrate für 2019 um einen Zehntelpunkt auf +2,0 Prozent die Erwartung einer insgesamt robusten US-Konjunktur und prognostiziert die Fortsetzung dieses Wachstumstempos auch im Jahr 2020. Die Volkswirte von Union Investment erwarten hingegen eine Verlangsamung des US-Wachstums 2020 auf +1,7 Prozent.

Die einzelnen Einschätzungen der Mitglieder des Federal Open Market Committee (FOMC) gingen erneut erstaunlich stark auseinander und offenbarten sowohl die unterschiedlichen Sichtweisen auf die aktuelle Entscheidung als auch auf den künftigen Zinspfad. So zeigen die ebenfalls veröffentlichten „Fed Dots“, dass fünf FOMC-Mitglieder bis zum Jahresende für höhere Zinsen plädieren, während ebenfalls fünf das jetzt erreichte Niveau präferieren. Sieben Mitglieder können sich hingegen noch niedrigere Zinsen vorstellen. Für das Jahr 2020 erwartet aber kein einziges Mitglied weitere Zinssenkungen – entgegen der Markterwartung. Angesichts der optimistischen Einschätzung der wirtschaftlichen Lage und der offenbar gestiegenen Widerstände gegen eine weitere Zinssenkung in diesem Jahr sehen wir unsere Prognose, dass es 2019 keine weitere Zinssenkung gegen wird, bestätigt. Aufgrund der von Union Investment für 2020 prognostizierten Abkühlung der US-Wirtschaft erwarten wir jedoch, konsistent mit einer datenabhängigen Fed, zwei weitere Zinssenkungen im kommenden Jahr.

Uneinigkeit der FOMC-Mitglieder

Fed Dot Plot
Uneinigkeit der FOMC-Mitglieder
Quelle: Federal Reserve; Stand: 19. September 2019

Dass die Fed im Vorfeld der Notenbanksitzung ein gutes Erwartungsmanagement betrieben hat, spiegelt sich in den geringen Bewegungen der Aktien-, Renten- und Währungsmärkte wider. Das war eine knappe Woche zuvor bei der Entscheidung der EZB zumindest in Teilen der Märkte anders – Mario Draghi hatte sich im Vorfeld deutlich bedeckter gehalten.

EZB mit Bündel von Lockerungsmaßnahmen

Zwar lieferte die EZB das umfangreiche Lockerungspaket, das von der Notenbank erwartet worden war. Dennoch gab es einige Überraschungen: Bereits ab November wird es erneute Wertpapierkäufe im monatlichen Volumen von 20 Milliarden Euro geben – und das auf unbestimmte Zeit. Auch den stärker datenabhängigen Ausblick der Notenbank hatten viele Volkswirte nicht auf der Agenda. Den Hintergrund dafür stellt die kräftige Korrektur der EZB-Inflationsprognose für 2020 (von 1,4 auf 1,0 Prozent) dar, die sowohl deutlich unter der Prognose von Union Investment als auch unter der Konsensus-Erwartung liegt. Nach der jüngsten Senkung des Einlagenzinses um zehn Basispunkte auf -0,5 Prozent erachten wir weitere Zinssenkungen bei den nächsten Treffen für weniger wahrscheinlich.

Mit der Einführung eines Staffelzins-Systems (Tiering) hat die EZB einen wichtigen Baustein zur Minderung der Kosten für einlagenstarke Banken geschaffen. Sie hat sich für eine Ausgestaltung nach dem Vorbild der Schweiz (Schweizer Modell) entschieden und plant das Sechsfache der Mindestreserve als zinsfreie Einlage. Damit werden bis zu 780 Milliarden Euro an Überschussreserven von den Negativzinsen befreit.

Schweizer Nationalbank weitet Tiering aus

Das diesbezügliche Vorbild der EZB, die Schweizerische Nationalbank (SNB), ist da schon einen Schritt weiter. Zwar verzichteten die dortigen Währungshüter am vergangenen Donnerstag – wie im übrigen auch ihre Kollegen in Großbritannien – auf eine weitere Senkung der Leitzinsen. Im Fall der Schweiz liegt dieser bereits seit Anfang 2015 bei -0,75 Prozent. Mit dem tiefen Zins will die Notenbank den Schweizer Franken im Vergleich zu anderen Währungen für Investoren möglichst unattraktiv machen. Denn dieser ist in Krisenzeiten bei Anlegern als „sicherer Hafen" gefragt. Doch ein starker Franken macht Schweizer Waren im Ausland teuer und schwächt somit die exportorientierte Wirtschaft. Die SNB strebt daher Zinssätze an, die unter denen in der Euro-Zone liegen. Doch nach der jüngsten Entscheidung der EZB schwindet der Abstand. Daher hat die Notenbank die Ausweitung des Tiering-Systems ab November beschlossen, sodass weniger Einlagen von den negativen Zinsen betroffen sind. Die SNB erhöhte den Freibetrag auf das 25fache jener Summe, die die Banken bei der Zentralbank hinterlegen müssen. Bislang lag er beim 20fachen. Über eine Entlastung der Banken wollen die Währungshüter die Belastung für die Wirtschaft reduzieren. Die Banken hatten die Strafgebühr etwa an Firmen- oder institutionelle Kunden wie Versicherungen oder Pensionsfonds weitergereicht, die große Mengen an Bargeld halten. Auch besonders reiche Privatkunden mit großen Barreserven waren teilweise davon betroffen. Weitere Zinssenkungen sind in der Schweiz nicht zu erwarten – vorausgesetzt, der Franken gewinnt nicht deutlich an Wert.

Fazit

Mit den jüngsten Entscheidungen der wichtigsten Notenbanken wird das Negativzinsumfeld in Kontinentaleuropa und das Niedrigzinsumfeld in großen Teilen der Industrieländer weiter zementiert. Die Kritik am aktuellen Zinsniveau wird daher nicht abreißen. Bei Versicherungen und Pensionskassen schwinden die Erträge und bei Banken fallen durch die Strafzinsen anhaltende (wenn auch durch die jüngsten Entscheidungen sinkende) Zusatzkosten an. Viele Experten warnen vor allem vor Blasen an den Immobilien- und Aktienmärkten sowie massiven Folgen für die Altersvorsorgesicherung. Doch eine Rückkehr zu positiven Leitzinsen im Euroraum steht nun umso mehr in den Sternen.

Stand aller Informationen und Darstellungen:
23. September 2019, soweit nicht anders angegeben.