Notenbanken vor weiteren Lockerungen?

Vor dem Hintergrund des Handelsstreits und eines schwächeren Konjunkturausblicks sind Leitzinserhöhungen kein Thema mehr. Im Gegenteil: Die maßgeblichen Notenbanken ließen auf ihren Treffen im Juni keinen Zweifel daran, falls notwendig weitere geldpolitische Lockerungsmaßnahmen zu ergreifen, um die Wirtschaftsentwicklung zu unterstützen.

Draghi: Zinssenkungen und Anleihekäufe stehen zur Verfügung

Den Anfang machte Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), mit seiner Rede beim EZB-Forum im portugiesischen Sintra: Sollte sich der wirtschaftliche Ausblick nicht verbessern, werde eine zusätzliche Lockerung der Geldpolitik in der Währungsunion erforderlich sein. Er machte deutlich, dass ihm auch in seinem letzten halben Jahr an der Spitze der EZB der gesamte geldpolitische Instrumentenkasten zur Verfügung steht – Leitzinssenkungen und Anleiheankäufe inklusive.

Die Volkswirte von Union Investment gehen daher davon aus, dass die EZB ihre geldpolitische Ausrichtung anpassen wird: In einem ersten Schritt wird die EZB voraussichtlich bei ihrer Sitzung im Juli ihre Forward Guidance auf eine symmetrische Formulierung des Zinsausblicks in dem Sinne anpassen, dass die Zinsen auf ihrem gegenwärtigen oder einem niedrigeren Niveau bleiben. Damit würde die EZB signalisieren, dass sie über eine Zinssenkung nachdenkt. In einem zweiten Schritt dürfte die EZB im September ihre Leitzinsen um jeweils 10 Basispunkte senken und gleichzeitig eine Staffelung des negativen Einlagezinses ab 2020 ankündigen. Anlass für die Zinssenkung dürfte die erwartete Absenkung der Wachstumsprognose für 2020 sein. Die EZB-Projektionen für Wachstum und Inflation werden im September aktualisiert und veröffentlicht. Falls die Federal Reserve (Fed) wie erwartet im weiteren Jahresverlauf ihre Leitzinsen senkt, rechnen wir dann in einem dritten Schritt mit einer abermaligen Senkung aller drei EZB-Leitzinsen um 25 Basispunkte im Dezember.

Leitzinsentwicklungen seit Januar 1999

Leitzinsen im Vergleich
Quelle: Thomson Reuters Datastream; Stand: 25. Juni 2019

Powell: „Angemessene Reaktion“, um den Aufschwung zu stützen

Es folgte der Chairman der Fed, Jerome Powell, mit einer Pressekonferenz im Nachgang zur turnusmäßigen Sitzung des Offenmarktausschusses. Wie erwartet wurden keine unmittelbaren Entscheidungen getroffen. Das Leitzinsband blieb unverändert bei 2,25 bis 2,5 Prozent. Auch hinsichtlich des Bilanzabbaus oder der künftigen Zusammensetzung des Notenbankportfolios nahm das geldpolitische Entscheidungsgremium keine Anpassungen vor.

Die US-Notenbank ist sich jedoch über den weiteren Kurs uneins. Für das laufende Jahr halten nun acht von 17 Mitgliedern im Offenmarktausschuss Zinssenkungen um insgesamt 50 Basispunkte für angemessen. Bis Ende 2020 sind dies neun Mitglieder. Die andere Hälfte sieht überwiegend unveränderte Zinsen bis eine weitere Zinsanhebung für einen angemessenen geldpolitischen Pfad. Im Statement wird die wirtschaftliche Entwicklung als solide bei verhaltenem Inflationsdruck beschrieben, wobei die Abwärtsrisiken zugenommen hätten. Das Meinungsbild („Dot Plot“) lässt sich auch dahingehend interpretieren, dass die Fed sich für ein mögliches Nachjustieren der Leitzinsen öffnet. Die Fed erklärte es auch zum Ziel, den wirtschaftlichen Aufschwung am Leben erhalten zu wollen.

Powell machte deutlich, dass sich die Fed einer Reihe von Risiken bewusst sei, wie etwa der Auswirkungen des Handelskrieges oder der Möglichkeit dauerhaft niedriger Inflationserwartungen. Bislang gebe es aber kaum Anzeichen dafür, dass sich diese Risiken materialisiert hätten. Die Fed wartet derzeit, ob sich diese Risiken bestätigen oder nicht. Im Zweifel werde man eine „angemessene Reaktion“ zeigen. Die US-Notenbank steuert ihren geldpolitischen Kurs damit kurzfristig, wenn auch mit einem „Bias“ in Richtung Zinssenkungen.

Union Investment hält eine deutliche Dateneintrübung in der nahen Zukunft für wenig plausibel, um eine unmittelbare Zinssenkung zu rechtfertigen. Einen möglichen Anlass für erste Zinssenkungen gebe es im Spätsommer/Herbst mit den Verhandlungen um den US-Haushalt für das Fiskaljahr 2019/20. Sollte dieser eher kontraktiv ausgerichtet sein, wovon wir derzeit ausgehen, sind kompensierende Zinssenkungen plausibel.

Nach der Juni-Sitzung der US-Notenbank sind Zinssenkungen bis zum Jahresende 2019 wahrscheinlicher, aber nicht zwingend geworden. Die Experten von Union Investment erwarten eine erste Zinssenkung um 50 Basispunkte im September. Unverändert bleibt ihre Einschätzung, dass die Fed ihren Bilanzabbau noch vor Oktober beenden dürfte - eine Möglichkeit, die auch Powell in der Pressekonferenz erwähnte, falls die Fed geldpolitisch lockern wolle.

Carney: Zinsanhebung nur bei geregeltem Brexit

In Großbritannien hatten sich in den vergangenen Monaten die Anzeichen für eine Straffung der Geldpolitik verdichtet. Der ökonomische Datenkranz sieht recht komfortabel aus und legt einen „Tightening Bias" nahe. Vor diesem Hintergrund hatten verschiedene Sprecher (von Ben Broadbent, dem Deputy Governor für Geldpolitik der Bank of England (BoE), bis Notenbankchef Mark Carney) betont, dass man die Absicht, die Leitzinsen anzuheben, nicht geändert habe.

Auf der Sitzung am 20. Juni ist ein solcher Schritt jedoch nicht erfolgt. Der Leitzins blieb unverändert bei 0,75 Prozent. Gleichwohl gingen auch in London die Notenbanker auf die eingetrübten Aussichten für die Weltwirtschaft ein. Auch für Großbritannien seien die Abwärtsrisiken gestiegen, heißt es in der Stellungnahme. Zinsanhebungen werden zwar nicht ausgeschlossen, allerdings konditioniert: Eine schrittweise und begrenzte Straffung sei nur dann notwendig, wenn der Brexit reibungslos und mit einem Austrittsabkommen verlaufe. Die Risiken für die britische Volkswirtschaft wurden zudem erneut unterstrichen.

Kuroda: Zinsen bleiben bis mindestens Frühjahr 2020 sehr niedrig

Am 20. Juni wurde auch in Tokio getagt. Das Ergebnis der Sitzung der Bank of Japan (BoJ) war wenig überraschend: Man werde an der lockeren geldpolitischen Ausrichtung bis etwa ins Frühjahr 2020 festhalten und daher den kurzfristigen Zinssatz bei minus 0,1 Prozent belassen. Zudem strebt die BoJ weiterhin eine Rendite zehnjähriger Staatsanleihen von null Prozent an. Eine mögliche Lockerung wurde von BoJ-Chef Haruhiko Kuroda nicht thematisiert, auch wenn die japanische Volkswirtschaft laut Aussage der Notenbank „eine gewisse Schwäche“ bei Export und Produktion zeige. Die Binnenwirtschaft sieht die BoJ hingegen auf einem „moderaten Expansionstrend“.

 

Stand aller Informationen und Darstellungen:
2. Juli 2019, soweit nicht anders angegeben.