Parlamentswahlen in Indien – politische Kontinuität stützt die Wirtschaft

Indien hat gewählt: In den letzten Wochen fanden Parlamentswahlen in der bevölkerungsreichsten Demokratie der Welt statt. Die Partei von Premierminister Modi hat einen deutlichen Wahlsieg errungen. Die Kapitalmärkte begrüßen die politische Stabilität.

Bei der letzten Wahl im Jahr 2014 hatte die hindu-nationalistische Partei BJP von Premierminister Narendra Modi als erste Partei seit 30 Jahren eine absolute Mehrheit erreicht. 2019 hat die BJP in Koalition mit der National Democratic Alliance, NDA, dieses Ergebnis sogar noch übertroffen. Positiv zu werten für die indischen Kapitalmärkte ist die politische Kontinuität und damit die Hoffnung auf eine Weiterführung der Wirtschaftsreformen.

In seiner ersten Amtszeit führte Modi unter anderem kostenlose Bankkonten für die ärmsten Bevölkerungsgruppen, Versicherungen für Landwirte und eine landesweit einheitliche Mehrwertsteuer ein. Zwar lebt fast ein Viertel aller Inder immer noch von weniger als 1,25 US-Dollar täglich, aber die Wirtschaft steht mit einem jährlichen Wachstum von etwa sieben Prozent recht gut da. Zudem ist die Korruption spürbar zurückgegangen, nicht zuletzt aufgrund einer Bargeldreform. Der Subventionsbetrug wurde durch die Einführung einer biometrischen ID eingedämmt.

Doch hat Modi auch viele Erwartungen enttäuscht. Die Arbeitslosigkeit in Indien bleibt weiterhin hoch. Sie steht nach offiziellen Angaben mit 6,1 Prozent auf dem höchsten Stand seit 43 Jahren. Tatsächlich dürfte sie um ein Vielfaches höher liegen, je nachdem wie die Statistik ausgelegt wird. Ausgerechnet für gut ausgebildete junge Menschen gibt es zu wenige Jobs. Dabei beträgt das Durchschnittsalter in Indien 26 Jahre und ist damit so niedrig wie nirgendwo auf der Welt. Auch beim Ausbau der Infrastruktur gibt es noch viel Nachholbedarf.

Ein weiteres Problemfeld bleibt der Bankensektor. In den letzten Jahren kam es bei den Staatsbanken sowie im Schattenbankensektor aufgrund fauler Kredite teilweise zu starken Verwerfungen. Die Regierung sah davon ab, diese Institute zu rekapitalisieren. Damit bleiben die Probleme bestehen, was die Finanzierung der indischen Privatwirtschaft ausbremst.

Kapitalmärkte werden die Wirtschaftspolitik genau verfolgen

Die Kapitalmärkte werden in den nächsten Monaten aufmerksam beobachten, ob das Reformtempo wieder an Fahrt gewinnt. So stand zum Beispiel ab 2014 die Bekämpfung der Inflation mit Hilfe der Zentralbank an oberster Stelle. Doch seit die Regierung im Dezember 2018 den Gouverneur der Reserve Bank of India überraschend austauschte und eine expansivere Geldpolitik gefördert hat, nimmt Union Investment mit Blick auf Indien eine vorsichtigere Haltung ein. Hinzu kommt, dass auch die Fiskalpolitik inzwischen lockerer geworden ist. Über höhere Staatsausgaben ist die Staatsverschuldung wieder auf 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gestiegen. Damit steht Indien mit einem aktuellen BBB- Rating an der Schwelle zu einem Non Investment Grade-Rating. In den vergangenen Jahren profitierte das Land von relativ hohen Wachstumsraten, der lockeren Geldpolitik der großen Notenbanken in den USA und Europa sowie stabilen Ölpreisen. Doch sind die geopolitischen Risiken auch für Indien zuletzt gestiegen. Aufgrund des Konflikts zwischen den USA und dem Iran fällt letzterer künftig als Öllieferant aus. Sollte der Ölpreis stark steigen, wird sich dies negativ auf Wachstum und Inflation in Indien auswirken.

Positiv zu werten wäre, wenn die Strukturen in der indischen Wirtschaft weiter verbessert würden. Seit einiger Zeit läuft die „Make in India“-Kampagne, die die Nachfrage nach heimischen Produkten fördern soll. Zudem soll das Land für internationale Investoren attraktiver werden. Hier könnte sich der Handelskrieg zwischen den USA und China für Indien positiv auswirken, da das Land innerhalb Asiens teils als Alternative zu China gesehen wird. Anlagegelder könnten tendenziell von China und Hongkong in Richtung Indien fließen und dort investiert werden.

In den letzten Monaten war erkennbar, dass die Konsumnachfrage und damit auch der Investitionszyklus in Indien recht verhalten ausfielen. Durch die Krise in Teilen des Bankensektors ist auch ein Liquiditätsengpass entstanden, der die Kreditvergabe für private Haushalte und Unternehmen erschwert hat. Eine der wichtigsten Aufgaben für die Regierung dürfte daher die behutsame Konsolidierung und Sanierung des öffentlichen und des Schattenbankensektors sein.

Die Privatbanken verfügen hingegen bereits heute über eine gute Eigenkapitalausstattung. Aussichtsreich erscheinen aus Sicht des Aktienmarkts auch der defensive Gesundheits- und der Krankenhaussektor. Gleiches gilt für das IT-Outsourcing, da diese Branche von der hohen Auslandsnachfrage nach IT-Beratung profitiert. Der indische Konsumsektor dürfte jedoch erst wieder interessant werden, wenn die heimische Nachfrage anspringt. Gleiches gilt für Infrastrukturunternehmen.

Insgesamt hat sich der indische Aktienmarkt in der Regierungszeit von Modi positiv entwickelt. In den vergangenen fünf Jahren ist der S&P BSE SENSEX-Index um rund 57 Prozent gestiegen (Stand: 23. Mai 2019). Dabei fällt dessen aktuelle Bewertung im Vergleich zu den anderen Ländern im MSCI Emerging Market-Index mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 19 vergleichsweise hoch aus. Grund hierfür ist das große wirtschaftliche Potenzial des Landes, das allerdings noch gehoben werden muss.

Hoffnung auf Reformen beflügelt den indischen Aktienmarkt

Indexierte Wertentwicklung seit Anfang 2014 in US-Dollar
Hoffnung auf Reformen beflügelt den indischen Aktienmarkt
Quelle: Thomson Reuters Datastream; Stand: 23. Mai 2019

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
27. Mai 2019, soweit nicht anders angegeben.