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Rauft sich die OPEC zusammen?

Von der sukzessiven Wiedereröffnung der großen Volkswirtschaften profitierten vor allem Energierohstoffe. Anhaltende Unstimmigkeiten innerhalb des Ölförderkartells OPEC stehen einer Ausweitung der Produktion vorerst entgegen. Die OPEC hält den Ölmarkt aktuell noch im Defizit. Ist perspektivisch mit Produktionsausweitungen zu rechnen?

Die Energiepreise haben seit Jahresbeginn eine atemberaubende Rally hin- und rund 40 Prozent zugelegt. Der Preis für ein Barrel Brent-Öl notiert derzeit um die 74-Dollar-Marke. Doch zuletzt sind Wolken am Horizont aufgetaucht. Einerseits breitet sich die Delta-Variante des Corona-Virus zügig aus, vor allem in Asien. Das könnte die Konjunkturerholung insbesondere in einigen Schwellenländern bremsen. Anderseits haben die Querelen im Ölförderkartell OPEC jüngst die Einigung auf eine Ausweitung der Produktion verhindert. Das verschärft die physische Knappheit am Ölmarkt und sollte sich kurzfristig positiv auf den Preis auswirken. Doch der Ölpreis stand unter Druck, denn die Unsicherheit ist durch die Unruhe in der OPEC gestiegen. Wenn sich das Kartell uneins ist und einige Mitglieder im Alleingang eine Erhöhung der Produktionsmengen umsetzen, könnte das den preisbildenden Einfluss des Kartells verringern. Die Glaubwürdigkeit der „Notenbank des Ölmarkts“ wäre damit im Markt einmal mehr angekratzt. Das belastet den mittelfristigen Ausblick.

Extreme Erholungsbewegung durch Re-Opening

Die OPEC strebt grundsätzlich an, immer einen Schritt hinter der Nachfragekurve zu bleiben, und hat in jüngster Zeit ganz diszipliniert nur sporadisch die Produktion erhöht und so den Markt erfolgreich im Defizit gehalten.

Wieder mehr Förderung aber geringe Investitionen

*Ratio Investitionen zu Abschreibungen (DJ Oil & Gas Titans 30)

Mittelfristige Angebotsengpässe drohen auch in den USA
Quelle: Bloomberg; Stand: 8. Juli 2021

So zeigt sich fundamental aktuell ein knappes Angebot bei wachsender Nachfrage. Hintergrund ist die starke Konjunkturerholung nach der schrittweisen Wiedereröffnung der großen Volkswirtschaften nach den erneuten Corona-Lockdowns ab Herbst 2020. Teils unterstützt durch rasch voranschreitende Impfkampagnen öffnete erst China, gefolgt von den USA und jetzt von Europa.

Konjunkturoptimismus und Knappheit treiben Öl an

Brent-Ölpreis in US-Dollar seit Jahresbeginn

Mittelfristige Angebotsengpässe drohen auch in den USA
Quelle: Bloomberg; Stand: 8. Juli 2021

Auch mittelfristig sollte der Ölpreis fundamental gut unterstützt bleiben. Denn nach der initialen Erholung rechnen die Experten von Union Investment mit anhaltend guten Wachstumsraten der globalen Wirtschaft.

OPEC hält Energiemarkt im Defizit

Es gibt dabei verschiedene Szenarien, die den Ölpreis dennoch belasten könnten:

Einerseits ist der aktuelle Preis von mehr als 70 US-Dollar je Fass so hoch, dass alle Produzenten profitabel fördern können. Das heißt, jetzt lohnt es sich auch für die US-Schieferöl-Anbieter wieder, mehr zu produzieren. Die OPEC könnte also Konkurrenz im Markt bekommen. Die Frage ist allerdings, ob das Wachstum der Nachfrage bis ins Jahr 2022 so hoch bleibt, um die restlichen Kapazitäten der OPEC und das zusätzliche US-Schieferöl absorbieren zu können.

Andererseits dürfte, wenn der Ölpreis wegen der extremen Knappheit so hoch bleibt, der inoffizielle politische Druck zum Beispiel aus großen Schwellenländern wie Indien oder China auf die OPEC zunehmen. Dieser hätte das Ziel, die Produktion stärker auszuweiten, um die dortige Nachfrage ohne steigende Energiepreise und damit Inflationsrisiken decken zu können. Machbar wäre das: Aktuell hat die OPEC noch sechs Millionen Fässer an Produktionskapazität übrig, die sie zurückbringen könnte.

Wohin führen die Querelen in der OPEC?

Das Szenario, das den Ölpreis jüngst unter Druck gesetzt hat, sind allerdings die Querelen innerhalb der OPEC. Im Treffen Anfang Juli konnten sich die Mitglieder nicht auf eine Produktionserhöhung einigen. Damit bleibt es de facto bei dem vorherigen Beschluss, die Fördermengen konstant zu halten, was die Knappheit am Markt verschärfen dürfte. Entscheidend ist dabei die Position der Vereinigten Arabischen Emirate. Das Land hat viel in den Ausbau der Förderkapazitäten investiert. Schätzungsweise liegen aktuell 30 Prozent davon brach. Deshalb fordern die Emirate höhere Förderquoten und haben eine Festschreibung der aktuellen Quoten bis Ende 2022 abgelehnt – und sich entsprechend mit Saudi Arabien angelegt. Hinzu kommen politische Spannungen zwischen den beiden Ländern. Deshalb kam jüngst keine Einigung zustande.

Doch trotz der physischen Knappheit des Marktes gab der Ölpreis in der Folge nach – bedingt durch Unsicherheit über die künftige Handlungsfähigkeit der OPEC. Viele Finanzinvestoren haben Gewinne auf ihre Positionen mitgenommen. Der Preisrückgang könnte aber ein Warnzeichen für die OPEC sein und zu einem Umdenken bei den Mitgliedern des Kartells beitragen: Eine Einigung auf Produktionserhöhungen in den kommenden Wochen ist denkbar. Entscheidend ist, ob sich Saudi-Arabien und die Emirate einigen können oder ob die Emirate anderenfalls aus der Organisation ausscheren. Angesichts der starken wirtschaftlichen Verflechtungen der Länder scheint letzteres jedoch unwahrscheinlich.

Produktionsausweitungen kommen

So oder so dürfte es in den nächsten Wochen zu Produktionsausweitungen bei den OPEC-Ländern kommen – entweder durch eine Einigung oder weil einige der Länder beginnen, zu „schummeln“ und mehr zu produzieren, als ihnen zusteht. Eine offizielle Einigung wäre für den Ölpreis unterstützend, weil damit Unsicherheit aus dem Markt gehen würde. Kurzfristig könnte der Ölpreis dann in Richtung 80 US-Dollar steigen.

Allerdings ist nach der ersten kräftigen Erholung der Weltwirtschaft mit einer leichten Abschwächung des globalen Wachstums zu rechnen. Deshalb dürfte der Preis auf Jahressicht kaum Luft nach oben haben.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
9. Juli 2021, soweit nicht anders angegeben.