Rezessionsängste halten Märkte im Griff

Die Kapitalmärkte sind geprägt von Wachstumssorgen: Europäische Einkaufsmanager-Indizes verfehlen Erwartungen, Renditen am Anleihemarkt sind im Rückwärtsgang. Union Investment erwartet im Konjunktur-Basisszenario jedoch weiterhin keine Rezession, solange sich die Lage am Energie-Markt nicht weiter verschlimmert.

Wachstumssorgen halten die Kapitalmärkte weiter im Griff – auch wenn sich die Lage bislang vielmehr von einem noch vergleichsweise hohen Niveau aus abschwächt. So sind die Einkaufsmanager-Indizes für die Eurozone im Juni auf ein Sechzehnmonats-Tief gefallen. Der von S&P Global berechnete Composite-Index (Industrie und Dienstleistungen) sank von 54,8 auf 51,9 Punkte. Die Konsensschätzung hatte 54,0 Punkte erwartet. Das ist zwar ein deutlicher Dämpfer, der von anhaltenden Lieferketten-Problemen sowie weiter steigenden Preisen und einer nachlassenden Nachfrage getrieben ist. Ein Wert von über 50 signalisiert aber eine wirtschaftliche Expansion, in Summe wird also noch keine Schrumpfung angezeigt. Doch finden sich auch klare Schwächezeichen: So ist das Verarbeitende Gewerbe in Frankreich und Deutschland in den Schrumpfungsbereich gerutscht. In Deutschland fiel auch der Ifo-Geschäftsklimaindex im Juni stärker als erwartet von 93,0 auf 92,3 Punkte. Besonders die Erwartungskomponente trübte sich weiter ein.

  • Eingetrübte Wachstumsaussichten belasten Kapitalmärkte

    Frühindikatoren deuten Wirtschaftsverlangsamung an

    Frühindikatoren deuten Wirtschaftsverlangsamung an
    Quelle: Refinitiv; Stand: 24. Juni 2022.
  • Eingetrübte Wachstumsaussichten belasten Kapitalmärkte

    Renditerückgang nach jüngsten Wachstumssorgen

    Renditerückgang nach jüngsten Wachstumssorgen
    Quelle: Bloomberg; Stand: 24. Juni 2022.

Viele Anleger halten daher das Glas eher für halb leer als halb voll, die Stimmung ist pessimistisch. Nach Vorlage der Einkaufsmanager-Indizes setzten bei europäischen Risikoanlagen wie Aktien Abgaben ein. An den Anleihemärkten gingen die Renditen kräftig zurück. Zehnjährige Bund-Renditen sind seit Mitte Juni von einem Hoch bei rund 1,92 Prozent auf zuletzt 1,42 Prozent (Stand 24. Juni) gesunken. Bei den zweijährigen Bundesanleihen fiel der Rückgang von rund 1,32 auf 0,81 Prozent noch ausgeprägter aus. Und der Euro fiel zum US-Dollar rund 0,5 Prozent und näherte sich damit dem Mitte Mai erreichten Mehrjahrestief von 1,0350 Euro. Zum Vergleich: Der Dollar-Index, der die Wertentwicklung des Greenback gegenüber einem Korb von Industrieländerwährungen spiegelt, legte leicht zu und blieb nahe dem höchsten Stand seit Ende 2002. Darin spiegelt sich auch die vergleichsweise schwächere Verfassung der europäischen Wirtschaft gegenüber der US-Konjunktur.

Sorgen vor längerer Knappheit

Ungewöhnlich mahnende Stimmen kamen zuletzt aus der Politik. Finanzminister Christian Lindner (FDP) warnte, die deutsche Wirtschaft könne aufgrund von Inflation und Anspannungen in Lieferketten in einigen Monaten in eine besorgniserregende Situation geraten und womöglich stehe eine mehrjährige Phase der Knappheit bevor. Solchen Sorgen Vorschub leistete dabei die Ausrufung der zweiten Stufe im deutschen Notfallplan für Gas am 23. Juni. Nach der ersten (Frühwarn-)Stufe hat Wirtschaftsminister Robert Habeck (Die Grünen) aufgrund stark gedrosselter Liefermengen von Pipeline-Gas aus Russland die zweite Alarmstufe aktiviert. Im Rahmen einer dritten und letzten Stufe könnte der Staat dann die Gasmengen rationieren.

Um einem Gasmangel vorzubeugen, hat die Bundesregierung 15 Milliarden Euro zum Gaseinkauf für die Speicherung freigegeben. Zudem sollen abgeschaltete Kohlekraftwerkblöcke als Reserve wieder aufgeschaltet werden, eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke ist in Diskussion. Wahrscheinlich ist auch die Einführung eines Auktionsmodells, das der Industrie zusätzliche Anreize zu Gaseinsparungen geben soll. Generell soll der Verbrauch gedrosselt werden, wo möglich. Der Grund für die Ausrufung der Alarmstufe ist, dass selbst in den besten Szenarien, die das Wirtschaftsministerium errechnet hat, die Gasspeicher nicht wie gesetzlich festgelegt gefüllt werden können. Damit ist die Versorgung gefährdet. Hinzu kommt, dass Deutschland gegenüber anderen EU-Staaten Erdgas-Lieferverpflichtungen hat, die weiter erfüllt werden sollen, wie Habeck sagte.

Mit der Gasknappheit verbunden ist das Risiko weiter steigender Energiekosten und damit weiterem Inflationsdruck. Der europäische Gaspreis gemessen am TTF-Terminkontrakt stieg zuletzt auf 131 Euro pro Megawattstunde (MWh) – vor einem Jahr lag er noch bei 31 Euro pro MWh. Sollte die Bundesnetzagentur einen strukturellen Gasmangel feststellen, könnte Paragraf 24 im Energiesicherungsgesetzt (EnSig) ausgelöst werden, der es Energieversorgern ermöglichen würde, die deutlich gestiegenen Kosten für den Gaseinkauf unmittelbar an die Kunden weiterzugeben. Damit sollen Insolvenzen von Energieversorgern und damit ein Zusammenbruch des Marktes vermieden werden.

Risiken für Geldpolitik und Konjunktur gestiegen

Möglicherweise weiter stark steigende Energiepreise bergen aber Risiken für Geldpolitik und Konjunktur. Denn die Notenbanken haben wenig, was sie dem Anstieg der Energiepreise entgegensetzen können, da es sich um einen Angebotsschock handelt. Das Risiko besteht, dass durch die hartnäckig hohe Inflation die Notenbanken dazu getrieben werden, die Zinsen im Verhältnis zur fundamentalen Konjunkturlage zu stark anzuheben. Jerome Powell, der Chef der US-Notenbank Fed, hatte am 22. Juni erklärt, angesichts der hohen Inflation sei eine „sanfte Landung“ für die US-Wirtschaft eine Herausforderung.

Die Volkswirte von Union Investment gehen aber nach wie vor davon aus, dass eine Rezession vermieden und eine sanfte Landung erzielt werden kann. Die Luft wird allerdings dünner – vor allem in Europa. Sollte es zu einer Gasrationierung kommen, wäre eine Rezession in Deutschland und auf dem alten Kontinent unvermeidlich. Argumente für eine etwas zuversichtlichere Einschätzung bieten aber die Normalisierung der Nachfrage nach der Corona-Pandemie, die sich wieder ausgeglichener auf Güter und Dienstleistungen verteilt. Auch eine schrittweise Entspannung in den globalen Lieferketten sollte den Preisauftrieb mindern. Durch steigende Zinsen – was durchaus von den Notenbanken beabsichtigt ist – sowie höhere Kosten setzt in einigen Bereichen bereits ein leichter Nachfragerückgang ein, der sich etwa in fallenden Preisen bei Industriemetallen (zum Beispiel Kupfer oder Zinn) spiegelt. Angesichts nach wie vor bestehender Knappheiten (etwa im Energiemarkt) lässt sich aber noch nicht von „Peak Inflation“ in der Breite sprechen. Wegen der großen Unsicherheit dürften die Kapitalmärkte weiter schwankungsanfällig bleiben.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
24. Juni 2022, soweit nicht anders angegeben.

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