US-Konjunktur auf der Überholspur –
Europa bleibt abgehängt zurück

Europa wirkt politisch abgeschlagen

Die Europäische Union (EU) ist derzeit mit sich selbst beschäftigt: Uneinigkeit in den für die Union zentralen Fragen dominiert das Bild. Im Mittelpunkt steht die Diskussion über eine gemeinsame Linie in der Flüchtlingspolitik. Das Thema zeigt ein Europa der zwei Welten. Während Frankreich unter Macron für mehr Brüsseler Kompetenzen einsteht, wenden sich beispielsweise Ungarn oder Italien mehr von der Union ab. Auch Angela Merkel zeigt sich bisher zurückhaltend. Auf Macrons wegweisende Sorbonne-Rede ließ eine Antwort aus Berlin lange auf sich warten. Schließlich widmete sich die Kanzlerin im FAZ-Interview jüngst den Visionen Macrons. Die Antwort betont zwar ein handlungsfähigeres Europa, zeigt sich aber auch gleichzeitig gegenüber vielen Ideen skeptisch und zurückhaltend. Visionär sieht anders aus.

Hinzu kommen weitere politische Belastungsfaktoren, wie die aktuelle Entwicklung in Italien. Nachdem sich die populistischen Parteiführer Luigi Di Maio vom Movimento 5 Stelle (M5S) und Matteo Salvini von der Lega Nord (LN) doch noch auf eine vom italienischen Präsidenten Mattarella tragfähige Kabinettsliste einigen konnten, nahm die neue italienische Regierung zum 1. Juni ihre Arbeit auf. Die Entwicklung konnte die Kapitalmärkte zwar zunächst beruhigen – doch am Horizont könnten über Italien deutliche Wolken aufziehen, da sich die neuen Regierenden in Rom mit harscher Kritik an den Regeln der Europäischen Währungsunion und den Europäischen Institutionen nicht zurückhalten.

Frühindikatoren in Europa schwach

Abseits der politischen Bühne zeigt Europas Konjunktur aktuell Bremsspuren. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Euroländer wuchs für das erste Quartal 2018 nur noch um 0,4 Prozent zum vorangegangenen Vierteljahr, während die Eurozone im 2. Halbjahr 2017 noch mit 0,7 Prozent gewachsen war. Belastend wirkte die Exportkomponente, die um 0,4 Prozent zurückging. Insbesondere die großen Volkswirtschaften bremsten den Aufschwung, während aus der Peripherie (Griechenland und Spanien) positive Impulse kamen. Ein wesentlicher Treiber war die seit Jahresbeginn anhaltende Aufwertung der Gemeinschaftswährung, die exportstarke Länder belastete. Erst seit Mitte Mai zeichnet sich im Referenzkurs des Euros zum US-Dollar eine schwächere Tendenz ab. Dennoch lassen die aktuell veröffentlichten Frühindikatoren keine konjunkturelle Kehrtwende erwarten. So fiel beispielsweise der Composite PMI für die Eurozone, der die Stimmung unter europäischen Einkaufsmanagern erfasst, im Mai auf ein 18-Monatstief. Der veröffentlichte Wert von 54,1 Punkten zeigte sich in der Vergangenheit konsistent mit einem vierteljährlichen BIP-Wachstum von lediglich 0,4 Prozent. Damit erscheint die Konsensus-Schätzung für das Gesamtwachstum in 2018 mit 2,3 Prozent ambitioniert.

Europäischen Unternehmen fehlt die Dynamik

Verhalten zeigt sich ebenso das Gewinnwachstum europäischer Unternehmen, das für 2018 bei etwa acht Prozent erwartet wird. Allerdings ist die Wachstumsrate im globalen Vergleich eher unterdurchschnittlich. Zwar konnte die Wachstumsdynamik am kurzen Ende, getrieben durch die Euro-Abwertung, leicht zulegen, dennoch fehlt der große Schwung. Ebenso kristallisieren sich auch strukturelle Probleme im europäischen Unternehmenssektor heraus. So hat Europa den IT-Größen des Silicon Valleys wenig entgegenzusetzen. Unter den zehn größten börsennotierten Unternehmen in Europa findet sich lediglich ein IT-Wert (SAP), während IT-Firmen in den USA das Indexbild dominieren.

Die politischen sowie konjunkturellen Entwicklungen in der Eurozone bleiben bei internationalen Investoren nicht unbeachtet. Insbesondere die Italien-Krise führte zuletzt zu einem starken Vertrauensverlust in die zukünftige Handlungsfähigkeit der Union. Die Zurückhaltung internationaler Anleger lässt sich insbesondere anhand von Abflüssen aus bedeutenden ETFs mit Bezug zum europäischen Markt ablesen. Ebenso gab auch der EUROSTOXX 50-Index seit den Turbulenzen in Italien nach und weist vom Jahresanfang bis Ende letzter Woche ein Minus von 1,6 Prozent auf.

Entwicklung Aktienmärkte Europa vs. USA
Entwicklung Aktienmärkte Europa vs. USA
Quelle: Union Investment, Bloomberg, Stand: 8. Juni 2018.

US-Konjunktur gewinnt an Schwung

Diametral entgegengesetzt zeigt sich das Konjunkturbild auf der anderen Seite des Atlantiks. Während die europäischen Märkte stagnieren, konnte die US-Technologiebörse NASDAQ zuletzt ein neues Allzeithoch erklimmen. Insbesondere die FAANG-Unternehmen (Facebook, Amazon, Apple, Netflix, Google/Alphabet) schoben den Gesamtmarkt seit Ende April wieder deutlich an. Nach verflogenen Ängsten vor zunehmender Regulierung fanden die Werte wieder stärkeren Anklang unter Investoren. Der US-Leitindex S&P 500 bewegt sich Anfang Juni ebenfalls wieder nahe seines letzten Höchststandes von Januar 2018.

Die Bewegung basiert insbesondere auf starken Konjunkturdaten, die auf eine Beschleunigung der Wachstumsdynamik im US-Markt schließen lassen. So ist die US-Industrieproduktion im April bereits zum zweiten Mal in Folge um 0,7 Prozent zum Vormonat gestiegen. Ähnlich positive Signale kommen aus dem US-Einzelhandel. Kürzlich veröffentlichte Daten zur Handelsbilanz für den Monat April stützten ebenso und zeigen anziehende Exporte bei gleichzeitigem Rückgang der Importgüter. Abgerundet wird die Datenbasis durch eine freundliche Entwicklung diverser Sentiment-Indikatoren (zum Beispiel Anstieg des ISM-Manufacturing Index für Mai). Das BIP-Wachstum sollte damit im Laufe des zweiten Quartals spürbar an Fahrt aufnehmen, und auf Gesamtjahresbasis 2018 sollte das BIP um etwa 2,8 Prozent zulegen.

US-Zentralbank kein Belastungsfaktor

Gleichzeitig lichteten sich die Sorgen, die US-Notenbank Fed könnte die Zinsschraube zu schnell anziehen. Die Fed bewegt sich aktuell zwar mit ihrem Leitzins wieder im Band zwischen 1,5 und 1,75 Prozent und ist damit der Europäischen Zentralbank um Längen voraus. Dennoch legen die Mitglieder des obersten Entscheidungsgremiums den Fokus auf eine Geldpolitik nach Augenmaß. Insbesondere die Äußerung, ein Überschießen der Inflation über den Zielwert von zwei Prozent zunächst ohne einen starken Anstieg im Leitzins hinzunehmen, wurde von den Anlegern als positives Signal aufgenommen.

Auch amerikanische Unternehmen blicken optimistisch in die Zukunft. So verzeichnen diese nach den steuerseitigen Entlastungen zu Anfang des Jahres eine erneute Beschleunigung der Gewinnwachstumsdynamik. Aktuell liegen die Erwartungen für die Expansion der US-Gewinne bei über 20 Prozent für 2018 – (zum Vergleich wird für die Gewinnsteigerungen in Europa lediglich von einem Plus von acht Prozent ausgegangen). Die vollen Kassen nutzen viele US-Unternehmen für Investitionen und insbesondere für Rekordrückkäufe eigener Aktien.

Entwicklung Gewinn pro Aktie (2018)
Entwicklung Gewinn pro Aktie (2018)
Quelle: Union Investment, Factset, Stand: 8. Juni 2018.

USA gegenüber der Eurozone klar favorisiert

Das anhaltend freundliche Konjunkturumfeld, die fiskalpolitische Stimulierung der Trump-Administration sowie weitere Deregulierungsbestrebungen im Finanzsektor sollten die weitere Entwicklung der US-Wirtschaft stützen. Gleichzeitig sind viele US-Anleger angesichts der Vielzahl (geo-)politischer Risiken aktuell noch vorsichtig im Markt positioniert, was perspektivisch für weiteren Aufwärtsschwung sorgen könnte. Zurückhaltender sehen wir die konjunkturellen Aussichten für die Eurozone. Wir gehen im Jahresverlauf von zunehmendem Konfliktpotenzial zwischen Brüssel und populistisch sowie konservativ geführten Mitgliedsstaaten aus. Konjunkturseitig deutet derzeit die Mehrzahl der Frühindikatoren auf eine Verlangsamung oder Stagnation der Wachstumsdynamik hin. Für das laufende Jahr zeichnet sich entsprechend eine Vergrößerung der Wachstumslücke zwischen beiden Regionen ab. Während die US-Konjunktur weiter auf der Überholspur unterwegs ist, bleibt Europa momentan abgeschlagen zurück.

 

Stand: 11. Juni 2018.