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US-Notenbank im politischen Pulverdampf

US-Finanzminister Steven Mnuchin hat der Verlängerung mehrerer Notfall-Kreditfazilitäten in der vergangenen Woche eine Abfuhr erteilt. Der Handlungsspielraum der US-Notenbank Fed im Kreditmarkt wird damit temporär merklich eingeschränkt.

Die nächste Sitzung des Offenmarktausschusses der US-Notenbank Federal Reserve am 15./16. Dezember findet in spannungsgeladenem Umfeld statt. Inmitten eines steilen Anstiegs der Corona-Neuinfektionszahlen in den Vereinigten Staaten hat es US-Finanzminister Steven Mnuchin abgelehnt, einen Großteil der Corona-Notfall-Kreditfazilitäten der Fed über das Jahresende 2020 hinaus zu verlängern. Gleichzeitig wies er die Fed an, das nicht genutzte Risikokapital der auslaufenden Fazilitäten an das Finanzministerium zurückzugeben. Damit fällt für die Finanzmärkte ein wichtiges Sicherheitsnetz ab Anfang des Jahres weg – mindestens bis zur Amtseinführung des nächsten US-Präsidenten Joe Biden am 20. Januar 2021. Die US-Notenbank kritisierte den Schritt öffentlich, leistete ihm aber Folge.

Noch lange niedrige Zinsen

Union Investment rechnet damit, dass die nächste Fed-Sitzung zumindest mit Blick auf die Zinsentscheidung unspektakulär verlaufen wird. Bis ins Jahr 2023 ist keine Veränderung des Leitzinssatzes zu erwarten, der bei 0,0 bis 0,25 Prozent liegt. Dies lässt sich auch an den Fed-eigenen Prognosen (Dot Plot) ablesen. Doch könnte die Fed im Dezember ihre in der Corona-Krise gestarteten Anleihekäufe mit einer „Guidance“ versehen, wobei sich das Ankaufvolumen vermutlich nicht ändern dürfte. Aktuell kauft die Fed monatlich mindestens 80 Milliarden US-Dollar US-Treasuries und mindestens 40 Milliarden US-Dollar verbriefte Hypothekenkredite (Mortgage Backed Securities), um Marktfunktionalität und günstige Finanzierungsbedingungen zu gewährleisten. Diese Käufe dürften – vergleichbar mit der dritten Runde quantitativer Lockerung (2012) – künftig in Abhängigkeit von der wirtschaftlichen Entwicklung gesetzt und mit einem Ausstiegsszenario versehen werden.

So sprachen sich in der Fed-Sitzung Anfang November die meisten Mitglieder des Offenmarktausschusses (FOMC) dafür aus, die Anleihekäufe zurückführen zu wollen („tapering“), sobald die Wirtschaftslage es zulässt und bevor sowohl das Ziel der Vollbeschäftigung als auch das Inflationsziel erreicht. Insbesondere bei letzterem gab es im Rahmen der Strategieüberprüfung im August eine wichtige Änderung: Das FOMC strebt zwar weiterhin langfristig eine Inflationsrate von zwei Prozent an. Nachdem die Inflation aber über mehrere Jahre unterhalb des Inflationsziels lag, strebt die Fed nun für eine gewisse Zeit eine Inflationsrate von „moderat über“ zwei Prozent an, so dass sich die Inflation „im Laufe der Zeit“ auf durchschnittlich zwei Prozent beläuft. Bis diese Ziele erreicht seien, werde die geldpolitische Ausrichtung akkommodierend bleiben.

Die Fed könnte auf ihrer Dezember-Sitzung hier mehr Klarheit schafft, um den Marktakteuren mehr Sicherheit zu geben. Denn Finanzminister Mnuchin hatte mit dem überraschend verlangten Stopp zentraler Stützungsmaßnahmen für Unruhe gesorgt. Konkret geht es um 454 Milliarden an fiskalischem Rückhalt („fiscal backstop“) für Notfall-Kreditfazilitäten der Fed. Dieser Finanzrahmen wurde im März geschaffen und vom Kongress bewilligt. Er gab der Fed erst die Flexibilität, um in der Krise Unternehmen und ihren Kreditgebern Rückendeckung durch Kreditaufkäufe zu geben. Darüber konnte die Notenbank unter anderem Unternehmensanleihen im Primär- und Sekundärmarkt (Primary und Secondary Market Corporate Credit Facilities) sowie Anleihen von Bundesstaaten und Gemeinden (Municipal Liquidity Facility) und verbriefte Kredite an Unternehmen und Konsumenten (Main Street Lending Program und Term Asset-Backed Securities Loan Facility) aufkaufen. Diese fünf Programme müssen nun per Ende Dezember beendet werden. Weitere Hilfsprogramme etwa im Geldmarkt sind davon nicht betroffen.

Rückgabe von rund 70 Milliarden US-Dollar

Von den 454 Milliarden US-Dollar wurden effektiv aber nur rund 93 Milliarden US-Dollar an die Zweckgesellschaften ausgezahlt. Davon hat die Fed nur rund 24 Milliarden US-Dollar tatsächlich genutzt, um Anleihekäufe und Verbriefungen abzusichern. Somit dürften nur rund 70 Milliarden US-Dollar zurückgegeben werden müssen. Damit zeigt sich: Die Signalwirkung dieser Programme war wesentlich größer als die tatsächliche Relevanz der Käufe am Markt.

Fed-Kreditfazilitäten: Signalwirkung größer als tatsächliche Relevanz

Fed-Kreditfazilitäten: Signalwirkung größer als tatsächliche Relevanz
Quelle: Credit Suisse, Bloomberg, Union Investment; Stand: 27. November 2020.

Doch schränkt der Schritt die Handlungsfähigkeit der US-Notenbank im Falle neuerlicher Verwerfungen am Kapitalmarkt nun deutlich ein. Denn eine neuerliche Verwendung dieser Gelder ist nur mit vorheriger Zustimmung des US-Kongress möglich. Angesichts der politischen Spaltung zwischen Republikanern und Demokraten droht hier wertvolle Zeit zu verstreichen, sollte es zwischenzeitlich zu neuen Verspannungen am Markt kommen. Es gibt immerhin einen Silberstreif am Horizont. Auf die liquiden Mittel des Exchange Stabilization Fund (ESF) des US-Finanzministeriums hätte die Fed weiterhin Zugriff. Rund 50 Milliarden bis 80 Milliarden US-Dollar könnten damit als neuer Backstop ohne Zustimmung des Kongresses rasch eingesetzt werden.

Unveränderter Marktausblick

Dies dürfte der Grund sein, dass die Finanzmärkte bisher gelassen auf die Rückführung der Notmaßnahmen reagiert haben. An unserer Einschätzung, dass sich die US-Zinskurve 2021 leicht aufsteilen dürfte, ändert sich dadurch nichts. Entscheidende Markttreiber dürften die Entwicklung der Pandemie, die Verfügbarkeit von Impfstoffen und damit die Aussicht auf konjunkturelle Normalisierung im Laufe von 2021 sein.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
30. November 2020, soweit nicht anders angegeben.