Unsicherheit wegen Corona-Virus überlagert positive Fundamentalsicht

Steigende Infektionsraten durch den Corona-Virus belasten die Kapitalmärkte. In China ist als Folge der Epidemie mit einer Wachstumseintrübung zu rechnen. Erst wenn die Ausbreitung des Erregers gestoppt ist, dürften die positiven Fundamentaldaten wieder in den Fokus des Marktgeschehens rücken.

Das Mitte Dezember 2019 in Wuhan ausgebrochene Corona-Virus verunsichert Menschen und Märkte weltweit. Die wirtschaftlichen Folgen der Ausbreitung des neuartigen Erregers sind unklar. Mit der wachsenden Zahl infizierter Personen gehen in erster Linie menschliche Schicksale einher. Gleichzeitig steigt aber auch die Unsicherheit für Weltwirtschaft und Kapitalmärkte. Bislang fehlen jedoch belastbare Daten zu den Ansteckungsraten. Wie diese sich weiter entwickeln, hängt davon ab, wie wirksam die in China und weltweit ergriffenen Vorsichts- und Quarantänemaßnahmen sind. Zwar ist die Gensequenz des Virus bereits entschlüsselt und es wurde mit der Entwicklung eines Impfstoffs begonnen. Allerdings dürfte es Monate dauern, bis ein Wirkstoff zugelassen werden könnte.

Corona-Virus: Bestätigte Krankheitsfälle

Corona-Virus: Bestätigte Krankheitsfälle
Quelle: John Hopkins CSSE; Stand: 2. Februar 2020

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rief am 30. Januar 2020 den internationalen Gesundheitsnotstand aus und verwies darauf, dass sich die Fälle innerhalb einer Woche mehr als verzehnfacht hätten. Mit dieser Vorsichtsmaßnahme sind konkrete Empfehlungen an alle Länder verbunden, um die Ausbreitung des Virus über Grenzen hinweg einzudämmen. Da die Zahl der Infektionen außerhalb Chinas jedoch noch relativ gering sei, verzichtete die WHO auf Reise- und Handelsbeschränkungen.

Konjunktureinbruch in China?

Schätzungen von Marktakteuren gehen davon aus, dass sich das Wachstum der chinesischen Wirtschaft im ersten Quartal kräftig verlangsamen könnte. Zum Vergleich: Zwischen November 2002 und Sommer 2003 breitete sich die Lungenkrankheit SARS weltweit aus. Die wirtschaftlichen Folgen der Epidemie waren kurz, aber ausgeprägt. So brach etwa der Flugverkehr in Hongkong und Singapur im zweiten Quartal 2003 um bis zu 50 Prozent ein. In Festland-China ging die Einzelhandelsumsatz-Dynamik um rund sechs Prozentpunkte im Vorjahresvergleich zurück, das Wachstum um zwei Prozentpunkte.

Das Corona-Virus trifft die chinesische Volkswirtschaft nun zu einem Zeitpunkt, an dem der konjunkturelle Tiefpunkt erreicht schien und sich eine Beschleunigung andeutete. Dieser Trend dürfte fürs Erste gestoppt sein, da die Reisetätigkeit (normalerweise besonders hoch während des chinesischen Neujahrsfests) sowie der Konsum zurückgehen sollten. Dennoch rechnen wir im Gegensatz zu anderen Marktakteuren nur mit einer begrenzten Konjunkturwirkung. So lassen die geringen Mortalitätsraten (beispielsweise im Vergleich zu SARS) in Verbindung mit entschlossenen Gegenmaßnahmen der Behörden auf eine vergleichsweise schnelle Eindämmung hoffen. Die gestiegene Bedeutung des Online-Handels sollte die negativen Effekte auf den chinesischen Konsum verringern. Zudem dürfte die Regierung in Peking mit umso stärkeren Stimulusmaßnahmen reagieren, je stärker die Konjunktur beeinträchtigt wird. Daher bleibt unsere Prognose von 5,7 Prozent BIP-Zuwachs für 2020 erhalten.

Weltweit ist derzeit eine leichte Erholung der Wirtschaft festzustellen, unterstützt durch das Teilabkommen im Handelskonflikt zwischen den USA und China. Insgesamt gehen wir davon aus, dass das positive Marktumfeld erhalten bleiben dürfte, wenn sich die Ausbreitung des Virus zeitnah aufhalten lässt.

Unsicherheit hält an

Zu Beginn der letzten Januarwoche rutschten die Kurse an den Aktienmärkten weltweit ab, nachdem über das vorangegangene Wochenende die Ansteckungszahlen in China deutlich anstiegen waren. Zunächst standen die Aktien von Unternehmen unter Druck, die von einer geringeren Reisetätigkeit und rückläufigen Tourismuszahlen betroffen sind, wie Luftfahrtgesellschaften, Casino- und Hotelbetreiber. Danach beruhigte sich die Lage, bis es gegen Ende der Woche zu einer neuerlichen Schwäche kam. In Asien war diese über fast alle Sektoren verteilt, und auch in Europa waren breite Abgaben zu sehen. Im Gegenzug haben in den vergangenen Tagen und Wochen Aktien von Impfstoffherstellern oder Atemschutzmasken-Produzenten markant zugelegt. Der Verzicht der WHO auf Reise- und Handelsbeschränkungen führte zu einem vorübergehenden Aufatmen der Märkte in den USA.

Vergleiche mit anderen Epidemien zeigen, dass die Auswirkungen von Infektionswellen in China nur eine zeitlich begrenzte Auswirkung auf die Kurse an den Kapitalmärkten hatten. Dennoch dürften die Börsen schwankungsanfällig bleiben, bis die Corona-Ausbreitung gestoppt ist. Erst dann dürften die Fundamentaldaten wieder stärker in den Fokus der Marktakteure rücken.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
31. Januar 2020, soweit nicht anders angegeben.