Verabschiedung der US-Steuerreform noch in 2017 möglich

Nachdem das Repräsentantenhaus bereits im November seine Steuerpläne verabschiedet hatte, machte am Wochenende des 2./3. Dezembers auch der Senat mit einem positiven Votum im Hinblick auf seinen Steuerreformentwurf den Weg für einen Vermittlungsausschuss („Conference Committee“) frei. Dieser Ausschuss soll bis Mitte Dezember einen Kompromissentwurf zwischen den Versionen des Repräsentantenhauses und des Senats erstellen und in einen gemeinsamen Gesetzentwurf gießen. Letzterer müsste dann im Anschluss nochmals zeitnah vom US-Kongress (Repräsentantenhaus und Senat) verabschiedet werden, damit der US-Präsident kurz vor Weihnachten seine finale Unterschrift unter den „Tax Plan“ setzen kann.

Wenngleich der Zeitplan für die tatsächliche Umsetzung der Steuerreform als äußerst ambitioniert zu werten ist, hat der politische Wille und die parlamentarische Dynamik seitens der Republikaner zuletzt eine Vielzahl von Investoren überrascht. Im Oktober und bis weit in den November hinein lag die implizite Wahrscheinlichkeit für eine Umsetzung des „Tax Plans“ noch in diesem Jahr bei lediglich 20 Prozent. Dieser Wert ist gegenwärtig auf nahezu 80 Prozent gestiegen. Die Kapitalmarktteilnehmer gehen davon aus, dass Donald Trump noch in diesem Jahr, spätestens aber Anfang 2018 einen ersten wichtigen politischen Erfolg verbuchen sollte.

Implizite Wahrscheinlichkeit einer Absenkung des

US-Körperschaftsteuersatzes bis Ende 2017 (in %)

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Quelle: Goldman Sachs, Dezember 2017

Spürbare Absenkung des Körperschaftssteuersatzes auf 20 Prozent

Sowohl das Repräsentantenhaus als auch der Senat streben eine Absenkung des Steuersatzes auf Unternehmensgewinne auf 20 Prozent an. Aktuell liegt dieser Steuersatz bei 35 Prozent und somit deutlich über dem durchschnittlichen Niveau von rund 23 Prozent in den OECD-Staaten. Der effektive Steuersatz für die S&P 500-Unternehmen bewegte sich in den letzten Jahren zwischen 27 und 30 Prozent. Insgesamt ist mit einer spürbaren Nettoentlastung der S&P 500-Unternehmen zu rechnen, die gegenwärtig noch in sehr geringem Umfang in den Gewinnschätzungen reflektiert sein dürften. Schätzungen zufolge könnte sich der aggregierte Gewinn je Aktie für den S&P 500-Index durch die Steuersenkungen um etwa 12 bis 17 US-Dollar erhöhen. Ausgehend von einem erwarteten S&P 500-Indexgewinn für das Jahr 2018 in Höhe von 146 US-Dollar je Aktie (Quelle: FactSet) entspräche dies einem einmaligen Gewinnsprung von 8 bis 12 Prozent im nächsten Jahr. Hierbei sollten in den USA die Sektoren wie Energie, Telekom und Versorger tendenziell von der Steuerreform überproportional profitieren.

Effektive US-Steuersätze nach Sektoren

(Durchschnitt der letzten 5 Jahre in %)

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Quelle: Goldman Sachs, Dezember 2017

Im Entwurf des Repräsentantenhauses soll die Senkung des Körperschaftssteuersatzes im Jahr 2018 wirksam werden, im Senatsentwurf jedoch erst im Jahr 2019. Es bleibt daher abzuwarten, wann der steuerinduzierte Gewinnsprung in den USA zu beobachten sein wird.

Einführung einer Zinsschranke geplant

Der spürbaren Absenkung des nominalen Körperschaftsteuersatzes in den USA steht allerdings eine geplante Verbreiterung der Bemessungsgrundlage gegenüber. Eine der in beiden Steuerentwürfen hierzu vorgesehen Maßnahme ist die Einführung einer sogenannten Zinsschranke. So sollen künftig nur noch Zinsausgaben von maximal 30 Prozent des operativen Gewinns des Unternehmens steuerlich ansetzbar sein. Die beiden Entwürfe gehen jedoch von unterschiedlichen operativen Unternehmensgewinnen aus, auf die die Zinsschranke Anwendung finden soll: das Repräsentantenhaus zielt auf 30 Prozent vom EBITDA des Unternehmens ab, während der Senat lediglich 30 Prozent vom EBIT des Unternehmens als Zinsausgaben anrechnen lassen will. In diesem Fall erweist sich der Entwurf des Repräsentantenhauses als unternehmensfreundlicher, liegt das EBITDA doch um die nicht unwesentliche Abschreibungskomponente über dem EBIT. Die Einführung einer Zinsschranke könnte insbesondere hochverschuldete Unternehmen empfindlich treffen, mit entsprechend negativen Auswirkungen auf das High Yield Corporate Bond Segment in den USA. Basierend auf dem Entwurf des Repräsentantenhauses (EBITDA basiert) wären rund ein Drittel aller US High Yield Unternehmen von der Zinsschranke betroffen. Sollte der Senatsentwurf zum Tragen kommen (EBIT basiert), dann würden sich negative Effekte der Zinsschranke bei mehr als der Hälfte aller High Yield Unternehmen einstellen.

Besteuerung von Transfers ins Ausland

Das gegenwärtige US-Steuersystem erlaubt es, international tätigen Konzernen einen beträchtlichen Anteil ihrer Gewinne über Lizenzen/Patente in steuerlich attraktive Länder zu verschieben. Die Gesamtheit der S&P 500-Unternehmen verfügt momentan über rund 920 Milliarden US-Dollar an Barbeständen außerhalb der USA. Spitzenreiter in diesem Zusammenhang ist der US-Technologiesektor mit 633 Milliarden US-Dollar gefolgt von den Branchen Gesundheit (151 Milliarden US-Dollar) und Industrie (60 Milliarden US-Dollar). Mit der geplanten Einführung einer Steuer auf konzerninterne Transfers an Tochterunternehmen im Ausland (in Höhe von 10 bis 20 Prozent auf die Nutzung von Patentrechten oder auf konzerninterne Vorleistungen) soll dieser „Steueroptimierungspraxis“ auf globaler Ebene ein Riegel vorgeschoben werden. US-Unternehmen mit ausgeprägten internationalen Wertschöpfungsketten (beispielsweise die Sektoren Technologie, Gesundheit, Industrie, Automobil und Konsum) könnten daher je nach Ausgestaltung des Gesetzentwurfs nachteilige Effekte zu spüren bekommen. Gleichzeitig soll auf repatriierte Gewinne aus dem Ausland, die in der Vergangenheit erzielt wurden, ein ermäßigter Steuersatz von rund 14 Prozent eingeführt werden, welcher über dem ursprünglich angedachten Satz von 10 Prozent läge. Im Falle einer möglichen umfangreichen Rückführung von Barbeständen in die USA, könnten diese Mittel für Aktienrückkaufprogramme und/oder für Akquisitionen genutzt werden.

Fazit

Steuergeschenke für US-Unternehmen und US-Bürger, wobei die Steuerentlastungen für Privatpersonen im Senatsentwurf im Jahr 2026 wieder wegfallen werden, scheinen zunehmend wahrscheinlich mit entsprechenden positiven Auswirkungen auf den US-Konsum und die Unternehmensgewinne. Ausnahme sind US-High Yield Unternehmen aufgrund der Zinsschranke sowie Unternehmen, die bislang durch aggressive Steuerverlagerungen und/oder lange internationale Wertschöpfungsketten geprägt waren. Allerdings stellt sich die Frage, ob der Zeitpunkt für das Steuerpaket der Trump-Administration aus konjunkturzyklischer Sicht gut gewählt ist. Die US-Wirtschaft ist im aktuellen Konjunkturzyklus bereits weit vorangeschritten. Union Investment geht davon aus, dass das Wirtschaftswachstum in den nächsten beiden Jahren weiterhin solide 2,0 bis 2,5 Prozent betragen wird. Angesichts des engen US-Arbeitsmarkts und hoher Kapazitätsauslastungen der US-Unternehmen könnten die Steuergeschenke zu konjunkturellen Überhitzungserscheinungen führen und die US-Notenbank bei aufkommendem Inflationsdruck eventuell zu einer rascheren geldpolitischen Straffung zwingen. Spürbar steigende (Leit-)Zinsen im Laufe der nächsten beiden Jahre könnten die positiven Effekte des Trump‘schen Steuerpakets möglicherweise konterkarieren und zu erhöhter Volatilität an den internationalen Finanzmärkten führen.

Stand: 8. Dezember 2017