Überraschende US-Dollar-Schwäche zum Jahreswechsel

Die ersten Tage des neuen Börsenjahres sind geschafft. Größere Turbulenzen – wie es beispielsweise der Handelsstart 2016 bereithielt – sind ausgeblieben. Dennoch ging es auch zum Jahresbeginn 2018 nicht ganz ohne Überraschungen zu – wie vor allem der Blick auf die Währungsseite zeigt.

Innerhalb weniger Handelstage hat der Euro gegenüber dem US-Dollar fast drei Prozent an Wert gewonnen. Noch in der Weihnachtswoche handelte das Währungspaar unter der Marke von 1,18 EUR/USD. Im Verlauf der ersten Handelswoche des neuen Jahres stand hingegen ein Wechselkurs von fast 1,21 EUR/USD zu Buche – und das obwohl die politischen Probleme in Südeuropa auf der einen und das gute Makroumfeld in den USA auf der anderen Seite einen gegenläufigen Trend hätten vermuten lassen.

US-Dollar-Schwäche trotz robuster US-Konjunktur

Was führte zu dieser Entwicklung? Tatsächlich kommt die aktuelle US-Dollar-Schwäche zu einem Zeitpunkt, an dem die US-Konjunktur floriert wie schon lange nicht mehr. So ist beispielsweise der ISM-Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe im Dezember von 58,2 auf 59,7 Punkte geklettert. Experten hatten hingegen mit einem leichten Rückgang auf 58,1 Zähler gerechnet. Die Neuauftragskomponente sprang von 64,0 auf 69,4 Punkte auf den höchsten Stand seit 13 Jahren, der Subindex „Prices Paid“ steigerte sich um 3,5 auf 69,0 Zähler. Auch im Dienstleistungssektor ist die Stimmung gut: Der von Markit ermittelte Einkaufsmanagerindex für den Service-Bereich fiel im Dezember mit 53,7 Zählern deutlich besser aus, als Marktbeobachter erwartet hatten (52,2). Damit bewegt sich das Barometer nach wie vor deutlich über der wichtigen Expansionsschwelle von 50 Punkten.

Hinzu kommt: Auch die Zinserhöhung der US-Notenbank Fed im Dezember und die verabschiedete US-Steuerreform hätten – zumindest tendenziell – in einer US-Dollar-Stärke münden müssen. In der Weihnachtswoche hatte sich der US-Senat mehrheitlich für die Umsetzung des ausgearbeiteten Maßnahmenpakets ausgesprochen. Zwar dürfte der konjunkturelle Impuls begrenzt bleiben. Allerdings sollte die Maßnahme über die Senkung der Unternehmenssteuern zu einem Gewinnanstieg bei den US-Konzernen führen. Während die Aktienmärkte mit neuen Höchstständen auf die Nachrichten reagierten, blieb eine Reaktion am Währungsmarkt weitgehend aus.

Neue Treiber gewinnen an Bedeutung

Warum können gute Fundamentaldaten, die Zinserhöhungen der Fed und das im Vergleich zu Europa merklich höhere Zinsniveau anders als in der Vergangenheit nicht mehr zur Stützung des Greenbacks beitragen? Auf der einen Seite spricht vieles dafür, dass sich die Zuflüsse in den US-Dollar verlangsamen dürften. Die vergleichsweise hohen Bewertungen am US-Aktienmarkt und die bevorstehende Umsetzung der US-Steuerreform, die perspektivisch zu einer Ausweitung des Zwillingsdefizits führen dürfte, wiegen derzeit augenscheinlich stärker als die Entwicklung des US-Datenkranzes.

Auf der anderen Seite scheinen die Entwicklungen in Europa derzeit ohnehin größeren Einfluss auf die Wechselkursrelation zu haben. Gegen politische Störfeuer – den Sieg der separatistischen Parteien bei der Regionalwahl in Katalonien und die Auflösung des italienischen Parlaments verbunden mit vorzeitigen Neuwahlen im März 2018 – hat sich die europäische Gemeinschaftswährung bislang als außerordentlich widerstandsfähig erwiesen. In den Augen vieler Marktteilnehmer setzt sich offenbar nach und nach die Überzeugung durch, dass sich die robuste Wirtschaftsdynamik im Euroraum weiter fortsetzen wird.

Tatsächlich setzt sich das starke Wachstumsmomentum im Euroraum am aktuellen Rand unvermindert fort, wie ein Blick auf die in diesen Tagen veröffentlichten Einkaufsmanagerindikatoren zeigt. Der Gesamtindex für den Euroraum bewegt sich mit 58,1 Zählern auf dem höchsten Niveau seit der Finanzkrise. In Deutschland kletterte der Index für das Verarbeitende Gewerbe im Dezember auf den Rekordstand von 63,3 Punkten – der beste Wert seit dem Umfragebeginn im Jahr 1997. Auch in Österreich und Irland erreichte das Barometer Rekordwerte. Frankreich meldete den höchsten Stand seit vielen Jahren, ebenso Griechenland. Lediglich in Spanien und Italien ging die Stimmung im Industriesektor etwas zurück. Mit 55,8 beziehungsweise 57,4 Punkten liegen die Einkaufsmanagerindizes jedoch auch dort nach wie vor deutlich über der Expansionsschwelle.

Zinsdifferenzial etwas eingeengt

Das Zinsdifferenzial zwischen den USA und Europa hat sich in diesem Zuge etwas zu Gunsten des Euro eingeengt, nachdem der Rentenmarkt seit den Weihnachtsfeiertagen spürbar unter Druck geraten war. Vor allem im Euroraum stiegen die Renditen und zogen damit die neuerliche Reduzierung der Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) zum Jahreswechsel nach. Kommentierungen verschiedener EZB-Mitglieder, die sich in Richtung einer restriktiveren Geldpolitik äußerten, belasteten zusätzlich. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen stieg zeitweise um über 15 Basispunkte auf bis zu 0,5 Prozent. Auch in den USA zogen die Renditen an, der Zinsanstieg bei zehnjährigen US-Treasuries fiel mit einem Plus von rund zehn Basispunkten jedoch gemäßigter aus, weshalb sich die Zinsdifferenz auf bis zu zwei Prozent einengte.

Zinsdifferenzial engt sich etwas ein

USA - Europa
Zinsdifferenzial etwas eingeengt
Quelle: Union Investment, 5. Januar 2018

Vorübergehende Gegenbewegung zu erwarten

Es ist nicht auszuschließen, dass sich dieser Trend noch eine Weile fortsetzen wird. Angesichts der am 4. März anstehenden Parlamentswahl in Italien könnte die politische Unsicherheit jedoch wieder die Oberhand gewinnen, sodass es zu einer leichten Gegenbewegung beim Euro-US-Dollar-Wechselkurs kommt. Auch ist nach wie vor zu beobachten, dass der geplante Zinserhöhungskurs der US-Notenbank nicht in vollem Umfang am Markt eingepreist ist. Aus dem Fed-Projektionen geht hervor, dass die Notenbank bis zum Jahresende 2018 drei weitere Zinsschritte anpeilt. Der Markt hat hingegen weniger als zwei Zinserhöhungen eingepreist. Wir rechnen aus diesen Gründen im Verlauf des ersten Quartals 2018 mit einer Gegenbewegung beim Wechselkurs und erwarten das Währungspaar zum Quartalsende bei 1,16 EUR/USD.

Im weiteren Jahresverlauf dürften die vorgenannten Argumente schließlich wieder stärker an Bedeutung gewinnen. Die Umsetzung der US-Steuerreform und das höhere Wachstumsmomentum im Euroraum sollten zu einer Aufwertung der europäischen Gemeinschaftswährung führen. Unsere Prognose für das Währungspaar liegt zum Jahresende 2018 bei 1,25 EUR/USD.

Stand: 5. Januar 2018