Weiterhin kräftiges Wirtschaftswachstum in der Eurozone

Die Wirtschaft auf dem alten Kontinent brummt. Im zweiten Quartal legte das aggregierte Bruttoinlandsprodukt der Eurozone spürbar zu. Und auch außerhalb des gemeinsamen Währungsraums, etwa in Osteuropa, steht die Konjunkturampel auf Grün. Neben dem gewohnt starken Handel steht mehr und mehr auch der europäische Verbraucher hinter der positiven Entwicklung. Die Wachstumsbasis verbreitert sich. Eine weitere, deutliche Beschleunigung der Dynamik ist allerdings nicht zu erwarten: Die Einkaufsmanagerindizes kamen zuletzt von ihren teilweise mehrjährigen Höchstständen etwas zurück – eine Konsolidierung auf hohem Niveau.

Europas Wirtschaft im Aufwind

Als Eurostat zuletzt die Schnellschätzung für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts der Eurozone veröffentlichte, fühlten sich viele Analysten bestätigt: Mit einem Anstieg um 0,6 Prozent im zweiten Quartal 2017 traf das Wachstum nicht nur exakt die Markterwartungen. Die daraus abgeleitete annualisierte Rate von 2,1 Prozent ist die stärkste Dynamik seit 2010, dem Jahr nach der Rezession 2009 und vor der Schuldenkrise, die die Eurozone seitdem unter Potenzial wachsen ließ. Im ersten Quartal 2017 war die Wirtschaft noch um (leicht nach unten revidierte) 0,5 Prozent gewachsen (1,9 Prozent für das Gesamtjahr). Das Momentum hat also im Laufe des Halbjahres sogar noch leicht Fahrt aufgenommen. Für die Volkswirte von Union Investment Grund genug, ihre Prognose leicht anzuheben: Für 2017 erwarten sie nun einen Anstieg der Wirtschaftsleistung um 2,0 Prozent (zuvor: 1,8 Prozent).

Insbesondere Spanien (+0,9 Prozent im zweiten vs. +0,8 Prozent im ersten Quartal 2017) und Österreich (+0,8 Prozent vs. +0,7 Prozent) trugen zu der Beschleunigung bei. Zahlen aus Deutschland, Italien, den Niederlanden und Portugal liegen zwar noch nicht vor, die monatlichen Daten deuten aber insbesondere in Deutschland auf ein möglicherweise noch stärkeres Wachstum als im ersten Quartal (+0,6 Prozent) hin, sodass die größte Volkswirtschaft der Eurozone vielleicht auch das gesamte Aggregat am Ende nochmals leicht nach oben ziehen könnte.

Europas Wirtschaft im Aufwind

Europas Wirtschaft im Aufwind
Quelle: Union Investment, Stand: 4. August 2017

Aber auch außerhalb der Eurozone steigt die Aktivität spürbar: Schweden wuchs im zweiten Quartal mit auf das Gesamtjahr hochgerechneten vier Prozent, in ähnliche Dimensionen dürften die osteuropäischen Staaten Polen und Ungarn vorstoßen. Und in der Transit-Ökonomie Tschechien, die stark vom innereuropäischen Handel abhängt, warnte die Notenbank kürzlich sogar vor einer Überhitzung: Nachdem sie vor wenigen Monaten noch ihr Anleiheankaufprogramm zur Ankurbelung von Wirtschaft und Inflation ausgeweitet hatte, ruderte sie nun zurück und erhöhte am Donnerstag ihren lange Zeit bei 0,05 Prozent verankerten Leitzins um 20 Basispunkte.

Wachstum gewinnt an Breite

Besonders erfreulich für Europas Wachstum: Neben den gewohnt starken Exporten zieht auch die Inlandsnachfrage an. Ein Indiz dafür sind die PKW-Neuzulassungen, die zwischen Januar und Juni 2017 im Vorjahresvergleich um knapp fünf Prozent zulegten. Und auch die am Donnerstag veröffentlichten Einzelhandelsumsätze stützen dieses Bild. Sie stiegen im zweiten Quartal um 0,9 Prozent an. In den ersten drei Monaten 2017 hatten sie sich lediglich moderat um 0,4 Prozent verbessert. Vor allem in Deutschland (+1,1 Prozent), aber auch in Spanien (+0,7 Prozent) legten die Konsumausgaben zu. Und die Beschleunigung im Halbjahresverlauf zeigt auch, dass der zwischenzeitlich kräftige Anstieg der Preise nur begrenzten Einfluss auf die Umsätze der Einzelhändler hatte. Vielmehr wurde dieser Effekt von einer gesunkenen Sparrate und einem sich weiter aufhellenden Bild am Arbeitsmarkt überkompensiert.

Denn auch von der Beschäftigungsfront kamen zuletzt ermutigende Signale. Die Arbeitslosenrate für die Eurozone sank im Juni auf 9,1 Prozent (von zuvor 9,2 Prozent) und damit auf den niedrigsten Stand seit Februar 2009. Knapp 150.000 Menschen waren im Juni mehr beschäftigt als im Jahr zuvor, im Mai hatte diese Zahl lediglich bei rund 50.000 Personen gelegen. Auch hier ist also eine Beschleunigung zu beobachten. Sowohl in Deutschland, Italien als auch in Spanien ging die Arbeitslosigkeit zurück, wenn auch die Kluft weiterhin hoch bleibt. Liegt die von der EU-Kommission berechnete harmonisierte Arbeitslosenquote für Spanien weiterhin bei hohen 17,1 Prozent, markierte sie in Deutschland mit 3,8 Prozent sogar ein neues Rekordtief. Noch scheint der europäische Arbeitsmarkt allerdings über freie Kapazitäten zu verfügen, denn die Löhne steigen lediglich moderat, was letztlich auch dafür sorgt, dass sich die Inflation seit einigen Monaten auf niedrigem Niveau bewegt.

Teuerung verharrt auf niedrigem Niveau

Im Juli lag die harmonisierte Teuerungsrate für die Eurozone bei 1,3 Prozent und damit auf dem Niveau des Vormonats. Die Kernrate (ohne die volatilen Komponenten Energie und Nahrungsmittel) stieg im Monatsvergleich zwar leicht von 1,1 auf 1,2 Prozent an und auch Energie verteuerte sich um 2,2 Prozent (vs. 1,9 Prozent im Juni) etwas stärker als zuletzt. Die große Preisdynamik bleibt aber aus. Einhergehend mit dem robusten Wachstum rechnen unsere Experten auf Jahressicht zwar mit einem weiteren Anziehen der Rate auf 1,8 Prozent. 2018 dürfte sie allerdings auf ähnlichem Niveau (UI-Prognose: 1,7 Prozent) verharren. Das Ziel der Europäischen Zentralbank von unter aber nahe 2,0 Prozent ist damit aber weiterhin nicht nachhaltig in Sicht, weshalb Zinserhöhungen ebenfalls erst in ferner Zukunft anstehen dürften.

Frühindikatoren auf Konsolidierungskurs

Das aktuelle Wachstumsbild für die Eurozone ist also intakt. Für die Zukunft kommen allerdings etwas vorsichtigere Signale: Die Einkaufsmanagerindizes (Purchase Manager Index, PMIs), die als Frühindikatoren auch die Stimmungslage der Unternehmen abbilden, befinden sich aktuell in einer Konsolidierungsbewegung. Der vom Marktforschungsinstitut Markit berechnete Composite-Index für die Eurozone fiel im Juli auf 55,7 Punkte (Juni: 56,3 Punkte). Er liegt damit zwar seit über vier Jahren konstant oberhalb der Wachstum signalisierenden Schwelle von 50 Punkten. Allerdings flacht die Dynamik leicht ab.

Dabei schnitt der Industriesektor erneut stärker ab als die Dienstleistungsbranche. Zwar kam auch der PMI für das Verarbeitende Gewerbe von seinem Sechs-Jahres-Höchststand im Juli um 0,8 Indexpunkte auf 56,6 zurück. Dennoch notiert er weiterhin deutlich höher als der PMI für die Dienstleister (55,4). Allerdings blieben die Geschäftsaussichten auch hier gut: Die Betriebe wiesen vor allem auf eine äußerst robuste Auftragslage hin, die sowohl auf eine starke Binnen- als auch Exportnachfrage zurückzuführen sei. Auch der Beschäftigungsaufbau war einer der höchsten seit mindestens zwanzig (Verarbeitendes Gewerben) bzw. zehn Jahren (Dienstleister).

Entwicklung Frühindikatoren (Composite) im Euroraum

Entwicklung Frühindikatoren im Euroraum
Quelle: Union Investment, Stand: 4. August 2017

Mit Blick auf den Industriesektor weisen Österreich (60,0 Punkte), die Niederlande (58,9) und Deutschland (58,1) weiterhin die höchste Dynamik auf. Aber auch in Irland (54,6), Spanien (54,0) und sogar Griechenland (50,5) ist weiterhin mit einer Produktionsausweitung zu rechnen. Der PMI für das von der Schuldenkrise gebeutelte Griechenland notiert erst zum sechsten Mal innerhalb der vergangenen drei Jahre oberhalb der Wachstumsmarke von 50 Punkten.

Das insgesamt leichte Überrollen der Umfragedaten lässt sich auch am Union Investment-Frühindikator für die Eurozone ablesen: Der ELI (Euro area Leading Indicator) aggregiert und verdichtet öffentlich verfügbare Daten aus den Bereichen Produktion, Konsum, Immobilien- und Finanzmarkt zu einem hauseigenen Frühindikator für die Eurozone. Der Indikator wird wöchentlich aktualisiert und formuliert eine aktuelle Einschätzung über das Konjunktur-Momentum für die nächsten drei Monate. Ein Niveau über null bedeutet, dass das Konjunkturmomentum in diesem Zeitraum über dem Potenzialwachstum liegen sollte. Ein Aufwärtstrend deutet zudem auf eine Beschleunigung der Wirtschaftsdynamik hin (und umgekehrt). Der ELI kommt aktuell von seinem Hochpunkt Ende Juni zurück. Allerdings zeigt auch der ELI weiterhin ein Wachstum an – nur eben mit nicht mehr zunehmender Dynamik.

Der aktuelle Stand des ELI

ELI Stand
Quelle: Union Investment, Stand: 4. August 2017

Fazit

Die Eurozone wächst robust und steuert auf die stärkste Konjunkturbelebung seit dem Jahr 2010 zu. Neben dem anziehenden Welthandel profitiert der Währungsraum auch von einer sich belebenden Binnennachfrage. Das macht sich unter anderem auch am Arbeitsmarkt bemerkbar. Aktuell schwächt sich die Wachstumsdynamik zwar leicht ab, die Frühindikatoren bleiben aber klar im expansiven Bereich, sodass von der Konjunkturentwicklung in der Eurozone aktuell wenig Gefahr für die Kapitalmärkte ausgeht.