Thema der Woche: Wahl in Großbritannien – Theresa May hat sich verzockt

  • Konservative Partei Mays verliert ihre absolute Mehrheit im britischen Unterhaus, bleibt aber stärkste Partei
  • Ziel, die Position in den Brexit-Verhandlungen mit der Europäischen Union durch ein stärkeres Mandat zu stärken, verfehlt. Koalitionsregierung angestrebt
  • Pfund und Gilts in erster Reaktion schwächer, Aktien internationaler Konzerne können zulegen
  • Unsicherheit durch Wahlausgang sowohl innenpolitisch wie auch in Bezug auf die Brexit-Verhandlungen erhöht

Die britische Premierministerin Theresa May entschloss sich im April auf einem Wanderurlaub in Wales, vorzeitige Neuwahlen in Großbritannien abzuhalten. Zunächst sah alles danach aus, dass sie dadurch eine größere Mehrheit im britischen Unterhaus und in der Folge auch ein besseres Mandat für den von ihr und ihrer Regierung verfolgten „harten Brexit“ aus der Europäischen Union erreichen würde. Schließlich war das ihr erklärtes Ziel („guarantee certainty and security for years to come“). Mitte April lag die regierende konservative Partei (Tories) der Premierministerin in den Umfragen 20 Prozentpunkte vor der Labour-Partei. Und auch in den Kommunalwahlen Anfang Mai konnten die Tories Labour um durchschnittlich zehn Prozentpunkte schlagen und gewannen auch in Labour-Hochburgen wie bspw. in den West Midlands. Doch dann begann der landesweite Wahlkampf, und ab diesem Moment schmolz der Vorsprung dahin.

Grafik

Was waren die Gründe dafür?

Bereits heute sind sich die politischen Analysten einig, dass der Wahlkampf Mays zu den schlechtesten der jüngeren politischen Geschichte zählt. Ihre Wahlkampfauftritte wurden von der britischen Presse mit Attributen wie roboterhaft, herablassend, floskelhaft oder „einfach nur furchtbar“ belegt. Im Gegensatz dazu entwickelte sich der Führer der Labour-Partei, Jeremy Corbyn, in den letzten Wochen zu einem hervorragenden Wahlkämpfer, der – Ruhe und Geduld ausstrahlend – aber auch davon profitierte, dass anfänglich die Erwartungen an ihn äußerst niedrig waren. Die den Tories nahen Journalisten diskutierten hingegen bereits im April, ob die Mehrheit im Unterhaus auf 100 oder 150 Sitze anwachsen würde. Neben dieser Selbstüberschätzung im Lager der Konservativen half auch nicht, dass der Wahlkampf vollkommen auf Theresa May ausgerichtet war („Theresa´s team“) und andere Mitglieder ihres Kabinetts darin keine Rolle spielten. Darüber hinaus stieß der Vorschlag im Wahlprogramm, dass ältere Leute mit teuren Immobilien mehr für ihre Pflege zu Hause bezahlen sollen, insbesondere dieser Kernwählergruppe der Tories vor den Kopf.

Die Quittung erhielt Theresa May am gestrigen Wahltag: Die Tories sind zwar noch die stärkste Partei, haben aber nur 318 der 650 Wahlkreise gewonnen und damit ihre absolute Mehrheit im Unterhaus verloren. Dennoch sieht es aktuell danach aus, dass Theresa May im Amt bleiben und wohl eine Koalitionsregierung mit den nordirischen Democratic Unionists bilden wird. Diese haben nach Pressemeldungen ihre Unterstützung bereits zugesagt, sowohl mit als auch ohne formellen Koalitionsvertrag. Prinzipiell wäre auch ein Bündnis mit den Liberaldemokraten (LDP) möglich, da diese sich aber klar gegen den Brexit positioniert haben, würde dieser Kombination ein zentraler gemeinsamer Nenner fehlen. Neben den Tories ist der zweite große Verlierer die eurokritische UK Independence Party (UKIP), deren Stimmenanteil von 10,8 auf unter zwei Prozent fiel.

Zukünftige Sitzverteilung im britischen Unterhaus

UK-Wahl_ZukSitzverteilung-im-britischen-Unterhaus

Was bedeutet dieser Wahlausgang für den Brexit und die Kapitalmärkte?

Für die Kapitalmärkte stehen sich zwei Faktoren gegenüber, die sich weitestgehend aufwiegen. Einerseits besteht die Unsicherheit, dass in der näheren Zukunft ein linksgerichtetes Bündnis unter der Führung von Jeremy Corbyn die Regierung in Großbritannien stellen und die Politik dann deutlich weniger wirtschaftsfreundlich sein wird (höhere Unternehmenssteuern, Verstaatlichung einiger Industriezweige). Auf der anderen Seite könnte das Wahlergebnis die Diskussion in Großbritannien um einen „harten Brexit“ neu entfachen. Zwar haben sich die Democratic Unionist für den Brexit, aber auch gegen eine harte Grenze zwischen Irland und Nordirland ausgesprochen. Dies stärkt die Verhandlungsposition Großbritanniens mit der Europäischen Union ebenso wenig, wie die durch das Wahlergebnis offenkundig geringere Unterstützung der Tories.

In der ersten Marktreaktion lastete das Wahlergebnis vor allem auf dem Pfund Sterling, das sowohl gegenüber dem US-Dollar als auch dem Euro gut 1,5 Prozent verlor. Ein schwächeres Pfund bedeutet in der Folge, dass die Erträge der international tätigen britischen Unternehmen in Pfund gerechnet steigen, sodass der FTSE 100-Index, indem die größten britischen Unternehmen zusammengefasst sind, wie auch schon nach dem Brexit-Votum im letzten Jahr in der ersten Reaktion zulegen kann (+0,7%; Stand: 9.6.2017, 12 Uhr MESZ). Im Gegensatz dazu gaben die eher auf den heimischen Markt konzentrierten Unternehmen aus der zweiten Reihe (FTSE 250), leicht nach. Die Rendite 10-jähriger Gilts zog zunächst drei Basispunkte an, sank dann aber über den Verlauf des Vormittagshandels wieder.

Pfund schwächt sich nach ersten Ergebnissen ab

UK-Wahl_Pfund-waechst_1200x675px

Die generelle Einschätzung ist zum jetzigen Zeitpunkt noch mit hoher Unsicherheit behaftet. Auch wenn aktuell Vieles darauf hindeutet, das Theresa May weiterhin die britische Regierungschefin bleibt, ist ihr Mandat – sowohl innenpolitisch wie auch insbesondere in Bezug auf die Brexit-Verhandlungen mit der Europäischen Union – durch das Ergebnis der vorzeitigen Neuwahlen geschwächt worden: Sie hat sich mit deren Einberufung verzockt. Eine zentrale Frage für den Kapitalmarkt dürfte sein, ob Brüssel die Uhr für die Brexit-Verhandlungen bis nach der Regierungsbildung anhält oder ob diese weiterläuft und somit wertvolle Verhandlungszeit verstreicht. Auch die Fortsetzung des straffen fiskalpolitischen Kurses der Regierung May ist im Rahmen einer Koalitionsregierung offen. Eine gelockerte Haushaltspolitik hätte eine Versteilerung der britischen Zinskurve und höhere Emissionen von Gilts zur Folge. Die Bank of England dürfte sich in diesem Umfeld vorerst mit einer Zinserhöhung zurückhalten. Die Situation wird auch durch die zuletzt eher nachgebenden britischen Wirtschaftsdaten nicht einfacher. Sowohl das Wachstum der Einzelhandelsumsätze wie auch die Häuserpreise und die inflationsbereinigten Einkommen schwächten sich jüngst ab. Das Wahlergebnis und die daraus resultierende Unsicherheit könnten für eine Fortsetzung dieses Trends sorgen.