Engagement im Fokus

Aktionärstreffen im virtuellen Raum

Die Corona-Pandemie hat auch auf die Engagement-Aktivitäten von Union Investment Auswirkungen. Denn mit der Verlegung von Hauptversammlungen von großen Veranstaltungshallen in den virtuellen Raum gehen tiefgreifende Veränderungen für die Aktionäre einher.

Die Grundlagen für die Verlegung der Hauptversammlungen (HVs) finden sich im „Gesetz zur Abmilderung der Folgen der COVID-19-Pandemie im Zivil-, Insolvenz- und Strafverfahrensrecht“. In dem Ende März in Kraft getretenen Maßnahmenpaket werden Emittenten deutliche Erleichterungen zur Durchführung einer rein virtuellen Hauptversammlung ermöglicht, die eine Präsenzveranstaltung ersetzen kann.

Im Wesentlichen umfassen die Gesetzesänderungen eine verkürzte Anmeldefrist, die nun nur noch 21 Tage betragen kann, oder eine Fristverlängerung zur Durchführung der Hauptversammlung von acht auf zwölf Monate (ausgenommen sind Unternehmen in der Form einer SE, die weiterhin in den ersten sechs Monaten nach Ende des Geschäftsjahres ihre Hauptversammlung abhalten müssen). Auch eine Einschränkung des Anfechtungsrechts sowie eine Beschränkung des Frage- und Auskunftsrechts ist nun möglich. Letztere besteht in der Form, dass ein Rederecht nicht mehr gegeben ist und Fragen mit einer möglichen Frist von zwei Tagen vor der Hauptversammlung eingereicht werden müssen, wobei es im Ermessen des Vorstands und des Aufsichtsrats steht, welche Fragen beantwortet werden. Die Maßnahmen gelten bis Ende 2020, können aber aufgrund der Krise um ein weiteres Jahr verlängert werden.

Gefühl für die Stimmung fehlt

Für Aktionäre hat es der nüchtern gefasste Gesetzestext in sich: Sie erfahren dadurch drastische Einschränkungen. Denn das jährliche Aktionärstreffen dient nicht nur dazu, Beschlüsse zu fassen. Von zentraler Bedeutung ist beispielsweise der Dialog zwischen den Vorständen, den Aufsichtsräten und den Investoren. Insbesondere erfahrene Investoren, die oft langjährige Kontakte mit den Management-Teams unterhalten, bekommen bei den Treffen ein Gefühl für die Stimmungslage im Unternehmen. Das entfällt im virtuellen Raum ersatzlos.

Es findet faktisch kein Dialog zwischen den Unternehmen und ihren Anteilseignern statt. Die Präsenzquoten sind niedriger als in den vergangenen Jahren, und es werden weniger Fragen gestellt als auf Präsenz-Hauptversammlungen. „Die Hürden für die Einreichung von Fragen sind hoch“, erläutert Dr. Vanda Heinen, ESG-Analystin bei Union Investment. Neben der kurzen Einreichungsfrist entspreche auch die Anwenderfreundlichkeit
nicht dem aktuellen technischen Standard.

Mangelnde Transparenz

Es besteht eine mangelnde Transparenz, inwieweit Vorstand und Aufsichtsrat eingereichte Fragen nach eigenem Gutdünken behandeln können. Daneben fassen viele Unternehmen Fragen zusammen. Die Aktionäre
können folglich nicht immer nachvollziehen, ob die eigenen Fragen bereits beantwortet wurden oder nicht.

Oft werden nur wenige der gestellten Fragen umfassend und im Rahmen der virtuellen Veranstaltung beantwortet. Dr. Thomas Deser, Senior Portfoliomanager im Nachhaltigkeitsteam von Union Investment, kann dies aus eigener Anschauung bestätigen. Deser vertrat die Interessen der Kunden bei der Hauptversammlung des spanischen Stromversorgers Iberdrola. Der Konzern hatte nur fünf Fragen und Antworten bei seiner virtuellen HV „live“ beantwortet, viele andere wurden nur in einem anderem Format abgearbeitet. Zu den ausgewählten Fragen zählte auch die von Union Investment.

„Das haben wir durchaus als Zeichen des Managements gewertet, dass es das Engagement der internationalen Aktionäre zu schätzen weiß“, erklärt Deser. Möglicherweise lag die Auswahl der Frage aber auch daran, dass das Portfoliomanagement von Union Investment für Iberdrola nicht unbekannt ist. In der Vergangenheit waren Vertreter auch schon vor Ort und habe Reden gehalten.

Ein Ersatz für eine Präsenz-HV war das Web-Event aber laut Deser keinesfalls. „Es fehlt die Atmosphäre, die mir ein Gefühl für das Unternehmen vermittelt“, sagt der Experte. Zudem gab es auch nicht die Möglichkeit, zu
beobachten, was sich sonst so abspielte. Mitunter, so Deser, seien Hedgefonds oder aktivistische Aktionäre vor Ort, die sich den Vorstand vorknöpfen. „Da lohnt es sich durchaus mal, auch auf die Körpersprache zu achten.“

Unter dem Strich geht also den Aktionären eine Menge verloren, wenn die Hauptversammlungen auf den virtuellen Raum begrenzt bleiben. Es werden wenige Fragen beantwortet, der Dialog leidet. Unter dem Strich erhalten die Investoren weniger Informationen über das Unternehmen. „Weniger Informationen bedeutet auch weniger Transparenz“, erläutert ESG-Analystin Heinen. Dadurch werde in letzter Konsequenz auch die Bewertung mitunter erschwert.

Wichtiges Werkzeug

Die Hauptversammlungen als wichtiges Werkzeug zum Engagement mit einem Unternehmen verlieren damit einen Teil ihrer Wirkung – als Übergangslösung kann das akzeptabel, sein, als Dauerlösung aber nicht, sagt Heinen.

Das Argument, dass die Konzerne mit den virtuellen HVs Kosten etwa für Saalmieten und Verpflegung sparten, will sie nicht gelten lassen. Die Ausrichtung einer HV schlage mit rund 1,5 Millionen Euro zu Buche. Gemessen an den Gesamtkosten eines Unternehmens ist die Summe gering und zu niedrig, um als Aktionär dafür derartige Einschränkungen hinnehmen zu müssen, sagt Heinen. „ Wir möchten uns an den Erfolgen messen lassen, die wir über die HV und unser Engagement erreichen. Dafür brauchen wir aber auch die vollen Rechte als Aktionär.“

Sobald die Pandemie soweit kontrollierbar ist, dass eine HV ohne Gesundheitsgefährdung ausgerichtet werden kann, sollte deshalb der Schritt zurück in die Normalität erfolgen. Andernfalls, so Heinen, würden die Aktionärsdemokratie und die Aktienkultur in Deutschland nachhaltig Schaden nehmen.