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These: Fokus auf sichere Versorgung beschleunigt die Energiewende

  • Kurzfristig dominiert die Sicherung der Energieversorgung – Klimaziele temporär nicht oberste Priorität

  • Zur Kappung von Abhängigkeiten ist zunächst eine diversifizierte Nutzung fossiler Energie erforderlich

  • Parallel wird aber die Energiewende forciert, letztlich kommt sie dadurch schneller

Sicherheit geht vor!

Aus welchen Ländern stammt eigentlich unsere Energie genau? Lange Zeit spielte dieses Thema in energiepolitischen Debatten in Europa kaum eine Rolle. Erst die Diskussion um die Gaspipeline Nordstream 2 hatte dies etwas geändert.1 Mehr Aufmerksamkeit bekam eine andere Frage: Wie hoch fallen die Treibhausgasemissionen der jeweiligen Energiequellen aus? Und: Wie muss die Transformation im Energiebereich gestaltet werden, um die Pariser Klimaziele zu erreichen? Die Abhängigkeiten der Energieversorgung insbesondere von Russland wurde nicht wirklich kritisch hinterfragt. Die relativ günstige und stabile Versorgung von dort galt als gesetzt. Der Einmarsch der russischen Truppen in der Ukraine aber hat in diesem Punkt für einen radikalen Sinneswandel gesorgt.

Prioritäten verschieben sich

In Europa hat sich der Fokus bei energiepolitischen Diskussionen schlagartig geändert. Ökologische Fragestellungen und Einwände treten in den Hintergrund. Stattdessen geht es nun um die Sicherung der Energieversorgung und das Kappen bestimmter Abhängigkeiten. Das wirft eine neue Frage auf: Gefährdet das Ziel der Energiesicherheit die unter Klimagesichtspunkten notwendige Energiewende?

Keine schnelle und saubere Lösung in Sicht

In Europa variiert der Energie-Mix der einzelnen Länder teilweise stark voneinander. Frankreich setzt auf Atomstrom, Schweden bezieht relativ viel Energie aus Wasserkraft und Spanien nutzt vermehrt große Solarparks. Der Krieg in der Ukraine hat aber eines offengelegt: Insgesamt ist Europa noch immer stark von fossiler Energie abhängig, wie Abbildung 1 (rechts) verdeutlicht:

Abbildung 1: Energienachfrage und primäres Energieangebot in der EU

  • Energiebedarf in der EU

    Energiebedarf in der EU
    Quelle: Eurostat (2021) für das Jahr 2019.
  • Primärenergie in der EU

    Primärenergie in der EU
    Quelle: Eurostat (2021) für das Jahr 2019.

Rund 60 Prozent der Primärenergie werden durch Kohle, Öl und Gas abgedeckt. Es ist also noch ein weiter Weg bis zur Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen. In Deutschland sollte (übergangsweise) vor allem russisches Gas als Ersatz für Kohle und Öl dienen und den Weg ebnen, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Der Krieg in der Ukraine hat jedoch dazu geführt, dass die Bundesregierung ihre energiepolitischen Planungen nun anpasst. Die Priorität liegt nun darauf, sich möglichst schnell von russischen, fossilen Energieträgern zu lösen. Das Problem daran: Für einen schnellen und ökologisch sauberen Ersatz von russischen Energieträgern reichen erneuerbare Energiequellen und Effizienzsteigerungsprogramme aktuell noch nicht aus. Genau deshalb sollte Pipeline-Gas ja verstärkt als Brückentechnologie genutzt werden, man wollte so Zeit gewinnen.

Energiesicherheit erfordert fossile Diversifikation

Um die Versorgungssicherheit für private Haushalte und die Wirtschaft dennoch zu gewährleisten, sind Akzeptanz für die neuen energiepolitischen Realitäten und Anpassungen in der Energiepolitik gefragt. In der aktuellen Situation zwingt dies vor allem Deutschland zu einer geänderten fossilen Diversifikation des Energie-Mix. Denn die sichere, inländische Versorgung mit Energie hat für die politischen Entscheidungsträger oberste Priorität. In der EU werden fossile Rohstoffe noch immer zu 50 Prozent zum Heizen, zu 28 Prozent im Transportbereich und zu 22 Prozent bei der Stromerzeugung genutzt (Abbildung 1 links). Drohende Knappheiten bei diesen Rohstoffen zeigen sich schon jetzt in deutlich gestiegenen Preisen, ausgelöst durch die angekündigte (und teilweise vollzogene) Reduktion russischer Importe. Um weitere Preissteigerungen und Versorgungsengpässe zu vermeiden, ist der Rückgriff auf fossile Energieträger wie Kohle und die Nutzung von Liquefied Natural Gas (LNG) aus den USA und dem Nahen Osten als Zwischenlösung kaum zu vermeiden. In der kurzen Frist sind durch die stärkere Nutzung von Kohle negative Auswirkungen auf den europäischen CO2-Fußabdruck und weltweit erhöhte Umweltrisiken die Folgen.

Klimaziele aufgeschoben, aber nicht aufgehoben

Speziell in Deutschland hätte der Verzicht auf russisches Gas und der teilweise Ersatz durch noch schädlichere fossile Energieträger, in Kombination mit dem fast abgeschlossenen Atom-Ausstieg, eine deutlich verschlechterte Klimabilanz zur Folge. Zunächst würde der deutsche Strommix in puncto CO2-Effizienz um rund zehn Jahre zurückgeworfen. Als erste Gegenmaßnahme kommen vor allem Einsparungen beim Energie- und Stromverbrauch in Frage. Zusätzliche klimafreundliche Energiealternativen fehlen kurzfristig. Vor allem in der Chemieindustrie ist Gas als Inputfaktor nur schwer zu ersetzen. Die rasche Umstellung ausgewählter Produktionsprozesse auf Elektrizität ist vielfach nicht realistisch. Dies bedeutet für die Energie- und Klimastrategie: Es wird noch herausfordernder als es ohnehin schon war, vereinbarte Klimaziele zu erreichen. Die Schlüsselrolle dürfte bei einem nochmals forcierten Ausbau von Renewables-Kapazitäten liegen.

Krieg beschleunigt Transformationsdynamik

Schon vor dem Ukraine-Krieg stand die Energiewende ganz oben auf der Agenda, vor allem in Hinblick auf den Verzicht auf Kohle und Öl. Die nun angestrebte, zusätzliche Unabhängigkeit von russischem Gas zwingt alle Beteiligten umso mehr, den begonnen Transformationsprozess zu beschleunigen und ökologisch sinnvolle Energiealternativen auszubauen.2 Folgende Initiativen, teilweise von politischer Seite unterstützt, bieten sich an:

  • Um künftige Energiekrisen meistern und Energiesicherheit gewährleisten zu können, muss kritische Infrastruktur (wie etwa Gasspeicher) stärker staatlich kontrolliert werden.

  • Die Förderung von dezentralen Wind- und Photovoltaikstrukturen in Verbindung mit intelligenter Netzinfrastruktur und Speicherlösungen.

  • Außerhalb Deutschlands reduziert Atomkraft die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen.3

  • Ein höherer Anteil von Solaranlagen für den Eigenverbrauch kann einen deutlichen Beitrag auf dem Weg zu mehr Energieunabhängigkeit leisten. In Deutschland sind 25 Prozent der Haushalte bereit, eine Photovoltaikanlage in den kommenden Monaten zu installieren.4Auch Unternehmen investieren mehr in die eigene Stromproduktion.

  • In Deutschland sind gemäß einer aktuellen Umfrage von YouGov5 ein großer Teil der Haushalte bereit, beim Stromverbrauch, beim Heizen und bei der Mobilität Energie einzusparen. Regulatoren und Unternehmen sind gefordert, diesen Trend zu unterstützen, etwa durch Anreizsysteme und energieeffiziente Produkte. Ein Beispiel: Förderungen von Sanierungsmaßnahmen um den Energieverbrauch bei Immobilien zu reduzieren.

Europäischer Schulterschluss fördert Energiewende

Das Streben nach mehr Autarkie bei der Energieversorgung führt kurzfristig in ganz Europa zu Umbrüchen, gefährdet die begonnene Energiewende aber nicht grundsätzlich. Im Gegenteil: Es besteht ein breiter politische Wille, langfristige CO2-Reduktionsziele nicht aufzugeben und das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen. Zusätzlich will Europa nun schneller unabhängig von fossilen russischen Energieträgern werden, was mittel- bis langfristig sogar zu einer Beschleunigung der Dekarbonisierungsstrategien in den einzelnen Ländern führen wird.

Um dies zu unterstützen sind auf politischer Ebene in der EU abgestimmte Strategien in der Energiepolitik notwendig.6 So ist etwa der beschleunigte Ausbau der Energie- und Strominfrastruktur eine Voraussetzung dafür, dass immer mehr erneuerbare Energieanlagen (Renewables) ans Netz gehen. Dafür sind klare gesetzliche Regelungen und schnellere Genehmigungsverfahren in der Planungs- und Umsetzungsphase unerlässlich. Nur dann kann der rasche und ausreichende Ausbau von Renewables gelingen. Ein stärkeres staatliches Engagement bei der Aufsetzung und während des Betriebs dieser kritischen Infrastruktur verbessert die Akzeptanz und Erfolgsaussichten dieser Projekte zusätzlich.

 

  1. 1 Auch wenn speziell in Deutschland die Diskussionen um die russische Gaspipeline Nord Stream 2 und damit verbundene, potenzielle Abhängigkeiten schon länger geführt wurden.
  2. 2 Laut einem Bericht von ntv schätzt der Energiekonzern E.ON, dass langfristig durch die Umstellung auf Photovoltaik und Wärmepumpen in deutschen Haushalten rund ein Drittel der aus Russland bezogenen Gasmenge eingespart werden kann: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Eon-sieht-Gas-Einsparpotenzial-bei-Haushalten-article23315967.html
  3. 3 Die EU wird im Sommer Atomkraft im Sinne der EU-Taxonomie als nachhaltig klassifizieren. Union Investment hält an bestehenden Ausschlussregeln in diesem Bereich fest.
  4. 4 Siehe dazu den Bericht zu einer aktuellen Umfrage in der Zeit vom 17. März 2022: https://www.zeit.de/news/2022-03/17/viele-hauseigentuemer-liebaeugeln-mit-strom-vom-eigenen-dach
  5. 5 Siehe dazu den Bericht zur YouGov Studie aus dem April 2022: https://www.zeit.de/wirtschaft/2022-04/inflation-preise-energie-konsum-studie?cid=61202649
  6. 6 Der bereits existierende EU Green Deal unterstützt durch seine Ziele speziell im Bereich Energiepolitik ebenfalls diese Transformation: https://ec.europa.eu/info/strategy/priorities-2019-2024/european-green-deal_de

Autoren:

Mathias Christmann, Dr. Thomas Deser, Katja Filzek und Bastian Grudde

Stand: 07. Juni 2022

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