These: Mehr Nachhaltigkeit erhöht künftige Resilienz gegen Ernährungskrisen

  • Ukraine-Krieg verschärft bereits zuvor existierende Ernährungskrise und rückt geringe Resilienz des Nahrungssystems ins Rampenlicht

  • Krisenmanagement muss akute Probleme lösen – hier geht es nicht um Ökologie, sondern um soziale Politik

  • Langfristig aber verspricht nachhaltigere Landwirtschaft auch mehr Widerstandsfähigkeit in Krisenzeiten

Krieg macht Fragilität des Ernährungssystems deutlich

Ein großer Teil der Weltbevölkerung ist unterernährt, ein Teil davon leidet an Hunger. Im Durchschnitt waren im Zeitraum 2018 bis 2020 etwa 684 Millionen Menschen unterernährt. Die Zahl der dringend hilfsbedürftigen Menschen ist laut dem Welternährungsprogramm (World Food Programme – WFP) der UN in den letzten drei Jahren von 150 Millionen auf jetzt 345 Millionen Menschen angestiegen1. Rund 30 Prozent aller Menschen sind akuter Nahrungsmittelunsicherheit ausgesetzt – bei ihnen besteht das Risiko, dass die notwendige Versorgung mit Nahrung nicht mehr sichergestellt werden kann2.

Die Zahlen rütteln auf, sind aber nicht neu. Und obwohl in aktuellen Diskussionen ein gegenteiliger Eindruck entstehen kann: Der Krieg in der Ukraine ist nicht der Hauptgrund für diese Entwicklungen. Aber: Der Krieg trägt zu einer Verschärfung der bestehenden Ernährungskrise bei. Denn er findet quasi in der Kornkammer Europas statt. Weizen aus der Ukraine stellt in vielen Ländern Afrikas und des Nahen Ostens eine wichtige Ernährungsgrundlage dar. Seeblockaden als Begleiterscheinungen des Krieges haben bislang verlässliche Handelswege unterbrochen und verfügbare Mengen an Weizen drastisch reduziert. Mit der Folge, dass die Versorgungsunsicherheit in den auf Importe angewiesenen Ländern weiter zunimmt und sich die Preisvolatilität bei wichtigen Agrarrohstoffen deutlich erhöht3.

Die Folgen des Krieges werfen ein Schlaglicht auf ein zuvor schon instabiles, globales Ernährungssystem und die bestehenden Schwachpunkte. Schon seit längerem ist dieses System durch folgende Entwicklungen gekennzeichnet:

  • Die Weltbevölkerung wächst und somit steigt auch die erforderliche Menge an Lebensmitteln zur ausreichenden Versorgung.
  • Grundsätzlich wäre die verfügbare Menge an Lebensmitteln ausreichend, um die Menschen weltweit ernähren zu können. Allerdings bestehen starke regionale Ungleichgewichte bei der Produktion und Verfügbarkeit. Abbildung 1 verdeutlicht dies am Beispiel des globalen Getreidemarktes. Überschüssen vor allem in Nordamerika, Europa, Russland und der Ukraine stehen große Versorgungslücken und Abhängigkeiten in vielen Ländern Afrikas, dem Nahen Osten und Teilen Asiens und Lateinamerikas gegenüber.

  • Gerade in den letzten Jahren hat der Klimawandel dazu beigetragen, dass es weltweit immer öfter zu Missernten und – daraus folgend – einer stärker schwankenden Menge an Lebensmitteln gekommen ist. Gleichzeitig trägt das Ernährungssystem zu einer Verschärfung des Klimawandels bei. Beispielsweise nimmt die Nachfrage nach besonders klimabelastenden Lebensmitteln wie Fleisch zu – vor allem in den Schwellenländern4.

  • Höhere Lebensmittelpreise und unvorhersehbare Knappheiten treffen vor allem solche Länder hart, die auch schon zuvor Probleme hatten, für eine ausreichende Versorgung ihrer Bevölkerungen zu sorgen. In den allermeisten Fällen fehlt es in diesen Ländern an lokalen Angebotsalternativen oder die finanziellen Mittel sind knapp, um die benötigten Lebensmittel auf dem Weltmarkt zu kaufen.

  • Zu den gestiegenen Preisen haben in den letzten Jahren auch lokale Krisen und die Corona-Pandemie beigetragen. Diese speziell hat zu Lieferkettenproblemen und höheren Transportkosten geführt.

Abbildung 1: Länder und ihre Import-Abhängigkeiten bei Getreide

Abbildung 1: Länder und ihre Import-Abhängigkeiten bei Getreide
Quelle: US Department of Agriculture, Union Investment; *alle Getreideexporte/-importe (netto) als Anteil am Gesamtkonsum eines Landes (Handelsjahr 2021).

Kurzfristig ist Krisenmanagement gefragt

Viele der genannten Probleme lassen sich nur langfristig lösen – gerade im Hinblick auf eine nachhaltigere Ausgestaltung des Ernährungssystems. Kurzfristig ist in der aktuellen Situation schlicht Krisenmanagement erforderlich. Ansatzpunkte sind:

  • Die Ermöglichung des Exports der vielen Millionen Tonnen an eingelagertem ukrainischen Weizen und anderen Getreidearten5. Gerade ukrainischer Weizen diente – neben der direkten Versorgung einzelner Länder – auch als wichtige Bezugsquelle für die Hilfsprogramme des WFP.

  • Die Wiederherstellung eines freien Welthandels für lebensnotwendige Agrargüter auch in anderen Ländern. So haben unter anderem wichtige Exportnationen wie Indien (bei Weizen) und Indonesien (bei Palmöl) ihre Ausfuhren zunächst eingeschränkt. Eine Zunahme der verfügbaren Menge an Lebensmitteln führt tendenziell zu sinkenden Preisen und hilft dadurch Hunger zu lindern6.

  • Die Produktionsausweitung bei landwirtschaftlichen Gütern in Regionen, wo dies kurzfristig sinnvoll möglich ist. Bei einer gleichzeitigen Zunahme des Exports dieser Produkte wirkt dies ebenfalls preisdämpfend und trägt dazu bei, akute Versorgungsengpässe abzumildern.

  • Ukrainischer Weizen war besonders preisgünstig. Wenn die vorstehenden Maßnahmen, die auf Preisdämpfung durch Mengenausweitung setzen, nicht erfolgreich sind, ist für ärmere Länder eine finanzielle Unterstützung erforderlich.

Erste Hilfsprogramme bereits aufgelegt

Die Europäische Union und die G7-Staaten haben den Ernst der Lage erkannt und eine Vielzahl an kurzfristigen, finanziellen Hilfsmaßnahmen beschlossen. Bereits am 6. April 2022 hat die EU eine Milliarde Euro an Hilfsgeldern für die Sahelzone zur Verbesserung der dortigen Ernährungssicherheit zugesagt. Am 26. April wurden zusätzlich 633 Millionen Euro zur Stärkung der Lebensmittelsysteme am Horn von Afrika bewilligt. Angesichts der immer schwierigeren Lage einigte sich die EU-Kommission am 21. Juni 2022 darauf weitere 600 Millionen Euro aus der Reserve des Europäischen Entwicklungsfonds zur Unterstützung bereit zu stellen7. Ergänzend haben sich auf dem G7-Gipfel Ende Juni 2022 die teilnehmenden Nationen als Reaktion auf den Krieg in der Ukraine darauf verständigt, gemeinsam gegen die Hungerkrise anzukämpfen8. Zu diesem Zweck werden 4,5 Milliarden US-Dollar an weiteren Finanzmitteln zur Verfügung gestellt.

Nachhaltigere Agrarwirtschaft schafft langfristig mehr Resilienz

Neben kurzfristigen Hilfsprogrammen sind jedoch grundsätzliche, langfristig orientierte Anpassungen des globalen Ernährungssystem erforderlich – auch um in Zukunft besser auf ähnliche Krisen vorbereitet zu sein. Maßnahmen zur Etablierung eines resilienteren und auch nachhaltigeren Ernährungssystems können dabei regional divergieren und sowohl Produzenten als auch Konsumenten von Lebensmitteln betreffen. Wichtige Lösungsansätze berücksichtigen dabei soziale wie auch ökologische Faktoren.

Vor allem in den immer wieder von Hungersnöten und Versorgungsengpässen betroffenen Ländern geht es vorrangig darum, eine verbesserte Ernährungssicherheit zu gewährleisten. Eine Voraussetzung dafür ist neben der schlichten Finanzierbarkeit auch ein Ausbau der notwendigen Logistik – zum Teil sind Lebensmittel vorhanden, finden aber nicht ihren Weg zu den Bedürftigen. Die aktuelle Krisensituation führt zudem vor Augen, dass einseitige Abhängigkeiten von nur wenigen Handelspartnern eine Gefahr für die heimische Lebensmittelversorgung darstellen können. Eine Diversifizierung der Importquellen ist deshalb notwendig. Ergänzend kann die Förderung der heimischen Landwirtschaft zur Verbesserung der Versorgungssicherheit beitragen – soweit dies angesichts der klimabedingten Veränderungen realistisch ist. Ein stärkerer lokaler Agrar-Sektor hilft nicht nur Lebensmittelsysteme widerstandsfähiger zu gestalten, er kann auch die Biodiversität fördern – vor allem dann, wenn zunehmend heimische Pflanzenarten wieder angebaut werden.

In den Ländern wiederum, die bislang schon stark den Anbau und Export von Agrargütern betreiben, stehen vor allem ökologische Ansatzpunkte der Lebensmittelproduktion im Fokus:

  • Landwirtschaft muss umweltschonender und CO2-ärmer betrieben werden. Zu diesem Zweck sind etwa irreversible Umweltzerstörungen zur Gewinnung von neuen Weide- und Futterflächen zu minimieren.

  • Der Düngemittel- und Pestizideinsatz muss verringert werden. Dies verbessert ebenfalls die CO2-Bilanz, führt zu geringeren Boden- und Wasserverunreinigungen und kommt dem Artenschutz zugute.

  • Die Zunahme an Monokulturen ist zu begrenzen. Diese gefährden langfristig den Erhalt fruchtbarer Böden und wirken dem Ziel einer größeren Biodiversität entgegen9.

  • Die breitere Anwendung von neuen Technologien wie etwa Präzisionslandwirtschaft hilft dabei, effizienter und ressourcenschonender zu produzieren und die globale Ernährungssicherheit zu verbessern.

Auch die Konsumentenseite kann einen Beitrag dazu leisten, die Ziele eines nachhaltigeren Ernährungssystems zu erreichen. Eine Reduktion des problematisch hohen Fleischkonsums, geringere Verschwendung von Lebensmitteln und ein reduziertes Abfallaufkommen stellen in diesem Zusammenhang sinnvolle und notwendige Verhaltensanpassungen dar.

Unsere These in der langen Frist lautet: Im Zusammenspiel verbessern die zuvor genannten Nachhaltigkeitsinitiativen grundsätzlich die Resilienz des globalen Ernährungssystems. Denn dadurch gelingt es, einige der zu Beginn genannten Schwachpunkte zielgerichtet zu adressieren10. Dazu gehört auch, dass die Sensitivität des Systems gegenüber Krisen – wie etwa einem Krieg –(etwas) gesenkt wird.

Für nachhaltig orientiere Investoren ergeben sich gerade aus der langfristigen Neuausrichtung des Ernährungssystems zusätzliche Anlagemöglichkeiten. Dafür bieten sich unter anderem ausgewählte Unternehmen entlang der Nahrungsmittelwertschöpfungskette an. So erscheinen Unternehmen aus dem Industrie- und IT-Sektor interessant, deren Produkte im Bereich Präzisionslandwirtschaft zum Einsatz kommen. Aber auch Anbieter von Fleischersatzprodukten, die klimaschonende Lebensmittel in den Mittelpunkt ihres Geschäftsmodells rücken, bieten Chancen.

  1. 1 Siehe dazu auch das aktuelle WFP-Statement zur globalen Ernährungskrise. (https://de.wfp.org/pressemitteilungen/gemeinsames-statement-der-leitung-der-ernaehrungs-und)
  2. 2 Siehe dazu den Statista-Bericht „Ernährung und Hunger weltweit“ vom Januar 2022. (https://de.statista.com/themen/7341/welternaehrung/#dossierKeyfigures)
  3. 3 Im Vergleich zum Vorjahr ist der europäische Future-Preis für Weizen von 219 Euro pro Tonne auf rund 327 Euro pro Tonne angestiegen (Stand: 25.8.2022), liegt aber wieder deutlich unter dem Höchststand von rund 438 Euro pro Tonne noch Mitte Mai. In den USA liegt der Preis für Weizen – ebenfalls nach einem kurzen, scharfen Anstieg – sogar wieder leicht unter dem Ni-veau vor Kriegsausbruch. (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1293736/umfrage/taeglicher-preis-von-weizen/)
  4. 4 Siehe dazu den Abschnitt zu Fleisch aus dem OECD-FAO Agricultural Outlook 2021-2030. (https://www.fao.org/3/cb5332en/Meat.pdf)
  5. 5 Ein unter Vermittlung der UN und der Türkei erzieltes Abkommen (https://www.n-tv.de/politik/Abkommen-zur-Getreide-Lieferung-aus-Ukraine-unterzeichnet-article23482814.html) zwischen der Ukraine und Russland vom 22. Juli 2022 ist dafür eine erste Grundlage. Diese Vereinbarung hat es erst ermöglicht, dass am 3. August 2022 laut einem Bericht (https://www.n-tv.de/politik/Getreidefrachter-Razoni-darf-Libanon-ansteuern-article23503640.html) der erste Frachter wieder ukrainisches Getreide in den Libanon liefern konnte.
  6. 6 Seit Beginn des Krieges haben jedoch zeitweise 31 Länder Ausfuhrbeschränkungen bei Agrar-produkten verhängt und dadurch auch die Lage am Weizenmarkt zusätzlich belastet.
  7. 7 Siehe dazu auch die folgende Übersicht zu den bisherigen Hilfsprogrammen der EU. (https://ec.europa.eu/info/strategy/priorities-2019-2024/stronger-europe-world/eu-actions-enhance-global-food-security_de)
  8. 8 Siehe dazu die Ergebnisse des G7-Gipfels in Elmau im Überblick. (https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/klimaschutz/g7-gipfelergebnisse-2057838)
  9. 9 In Zeiten von Hungersnöten sind vor allem Monokulturen für den Biokraftstoffbereich kritisch zu hinterfragen, da diese Anbauflächen in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion stehen.
  10. 10 Die langfristig angelegte „Farm to Fork“-Strategie der EU zielt inhaltlich in die gleiche Richtung und strebt ebenfalls Anpassungen in diesen Bereichen an. (https://food.ec.europa.eu/system/files/2020-05/f2f_action-plan_2020_strategy-info_en.pdf)

Autoren:

Janina Bartkewitz, Florian Sommer, Mathias Christmann

Stand: 01. September 2022

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