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These: Die EU schafft einen echten Energiebinnenmarkt

  • Forcierter Ausbau von Renewables ist zentral für eine stärkere Energie-Autarkie
  • Regulatorische Rahmenbedingungen in der EU sind ein Hemmschuh für Erneuerbare Energiequellen
  • Ohne funktionierende supranationale Märkte ist die Energiewende kaum möglich

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Erneuerbare Energiequellen (Renewables) sind unverzichtbar, um grünen Strom zu erzeugen1. Sie sind der Dreh- und Angelpunkt der Energiewende und des Ziels, bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu werden. Bereits das Pariser Klimaabkommen2 und das EU-Klimagesetzhaben die Bedeutung von Renewables im Kampf gegen den Klimawandel deutlich gemacht. Viele Initiativen und Fiskalprogramme wurden seither gestartet, darunter zum Beispiel der EU Green Deal. Ein Ziel dabei: der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix soll von rund 22 Prozent im Jahr 2020 auf mindestens 40 Prozent bis zum Jahr 2030 steigen.

Der Krieg in der Ukraine sorgt nun für eine weitere Beschleunigung: Das Tempo beim Ausbau von erneuerbaren Energiequellen wird zunehmen. Denn Renewables können einen wichtigen Beitrag leisten, um Öl und Gas aus Russland zu ersetzen. Sie könnten somit schneller als geplant einen größeren Anteil am Strommix einnehmen.

Anforderungen an Renewables steigen

Bislang sind es trotz aller ökologischen Probleme nach wie vor Kohle, Öl und vor allem Gas aus Russland, die in der industriellen Produktion, beim Heizen und der Stromerzeugung zum Einsatz kommen – gerade in Deutschland. Denn diese fossilen Brennstoffe waren bislang eine kostengünstige und – vermeintlich – verlässliche Energiequelle.4 Der Krieg hat diese Logik verändert: Der geplante Verzicht auf russische Energieträger reduziert für Europa das Angebot vor allem bei Öl und Gas, was zu deutlich höheren Preisen führen wird. Dies hat zur Folge, dass die Bedeutung und Wirtschaftlichkeit von Renewables in ganz Europa sprunghaft steigt. Die strategischen Ziele haben sich dabei erweitert: Zwar hat der Ausbau von Produktionskapazitäten für grünen Strom weiterhin ökologische Gründe. Hinzu kommt jetzt aber, dass dadurch auch das Ziel einer höheren Energie-Autarkie erreicht werden soll. Abbildung 1 verdeutlicht die ambitionierten Ausbaupläne in den Bereichen Wind und Solar gemäß des REPowerEU Plans5, die notwendig sind, um beide Ziele erreichen zu können.

Abbildung 1: Ausbau der Kapazitäten für erneuerbare Energie in Europa

in Gigawatt

Abbildung 1: Ausbau der Kapazitäten für erneuerbare Energie in Europa
Quelle: Bernstein Research, Union Investment.

Mehr Europa wagen

Neben der Konkurrenz durch bislang etablierte Energiequellen existiert jedoch ein zusätzliches Hindernis, das den Renewables-Ausbau hemmt: die komplexen, regulatorischen Rahmenbedingungen. Zwar wird bereits im EU Green Deal ein einheitlicher EU-Binnenmarkt für Energie angestrebt.6 Doch noch immer dominiert in vielen Ländern die heimische Stromproduktion den nationalen Energiemix. Die aktuellen Ereignisse könnten dies endlich ändern.

Zeit für Taten

Neben den finanziellen Unterstützungsmaßnahmen von öffentlicher Seite sind für eine erfolgreiche Energiewende schnellere Genehmigungsverfahren und das Öffnen der nationalen Grenzen für die Stromdurchleitung wichtig.Nur ein wirklich offener europäischer Binnenmarkt ermöglicht, das Potenzial der verschiedenen regenerativen Energiequellen auszuschöpfen. Zuletzt angekündigte Programme weisen in die richtige Richtung.8 Ein Überblick über die dafür erforderlichen Maßnahmen verdeutlicht die Komplexität, aber auch die Chancen, die sich für den Renewables-Bereich ergeben:

  • Der Ausbau einer europaweiten Netzinfrastruktur ist die Voraussetzung für einen funktionierenden Energiebinnenmarkt. Ein Zusammenschluss hilft darüber hinaus, Abhängigkeiten von potenziell kritischen Energielieferanten außerhalb Europas zu verringern.

  • Durch das Zusammenführen europäischer Netze ist es möglich, Verbundkapazitäten für Strom und Gas zu nutzen. So kann – vereinfacht gesprochen – an windigen Tagen Strom aus Windparks vor den Küsten verstärkt im Süden genutzt werden, wohingegen an sonnenreichen Tagen Strom aus Solarparks im Süden in den Norden weitergeleitet werden kann.9

  • Durch mehr Bürgerbeteiligungen und das Einbinden von Kommunen in erneuerbare Energie-Projekte wird deren Akzeptanz und damit auch die Wachstumsdynamik des Ausbaus erhöht.10

  • Auf Unternehmensseite führen staatlich geförderte Purchasing Power Agreements (PPAs)11 zu steigenden Investitionen in Renewables. Unternehmen erfüllen dadurch regulatorische Vorgaben und sind gleichzeitig unabhängiger von teureren, fossilen Brennstoffen.

  • Bestehende Verbote und Steuernachteile beim Ausbau der Renewables müssen abgebaut werden. Dadurch könnten unter anderem gewerbliche Immobilien stärker für Photovoltaikanlagen genutzt werden. Nur dann sind auch weitreichende Pläne der EU-Kommission realistisch, bis zum Jahr 2030 die installierten Solarkapazitäten auf über 500 Gigawatt auszubauen – von aktuell rund 150 Gigawatt (Zahlen aus 2020).

  • Parallel zu den vielfältigen Programmen ist es für deren Erfolg entscheidend, den Arbeitsmarkt auf diese neuen Herausforderungen vorzubereiten. Programme zur Stärkung des Handwerks und der Förderung spezieller, beruflicher Fähigkeiten sind für die Energiewende unerlässlich. Politiker und Unternehmer sind gefordert, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen.

Erst erneuerbare Energie macht’s möglich

Renewables müssen den entscheidenden Beitrag zur beschleunigten Energiewende leisten. Ein zügiger Ausbau ist zum einen die Grundvoraussetzung, um die langfristigen Klimaziele zu erreichen. Soweit nicht neu. Aber: Vor dem Hintergrund des Ukrainekriegs liegt nun zusätzlich der Fokus auf Energie- und Versorgungssicherheit. Pläne und finanzielle Mittel für den Ausbau sind grundsätzlich vorhanden. Umso mehr gilt: Für eine rasche Umsetzung der vielfältigen Klimaprogramme müssen auf europäischer und nationaler Ebene regulatorische Blockaden gelöst werden. Programme wie etwa REPowerEU sind hilfreich, diesen gordischen Knoten zu zerschlagen. Erst ein funktionierender EU-Binnenmarkt ermöglicht die grüne Energiewende.

  1. 1 Dieser wird vor allem aus Wind- und Wasserkraft sowie durch Solaranlagen erzeugt oder aus Biomasse gewonnen.
  2. 2 Eine kurze Zusammenfassung zu den Ergebnissen und Zielen findet sich hier: https://www.bmz.de/de/service/lexikon/klimaabkommen-von-paris-14602
  3. 3 Weitere Ausführungen zum EU-Klimagesetz sind hier:https://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20210419IPR02302/eu-klimaneutralitat-bis-2050-europaisches-parlament-erzielt-einigung-mit-rat
  4. 4 In einigen Ländern Europas ist zudem günstiger Atomstrom eine Alternative für Renewables.
  5. 5 Weitere Informationen und Ziele des REPowerEU Plans finden sich hier.: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/ip_22_1511
  6. 6 Siehe dazu die die verschiedenen Vorhaben des EU Green Deal im Energiebereich: https://ec.europa.eu/info/strategy/priorities-2019-2024/european-green-deal/energy-and-green-deal_en
  7. 7 Beispiele für beschleunigte, energiepolitische Vorhaben sind die Anbindung der Ukraine an das EU-Stromnetz und der begonnene Aufbau von LNG-Terminals in Deutschland.
  8. 8 So plant die EU-Kommission das Ziel für erneuerbare Energie am Strommix von 40 auf 45 Prozent im Jahr 2030 anzuheben. Parallel passt sie auch Einsparziele beim Energieverbrauch nach oben an. Dafür wurde ein bis zu 300 Milliarden Euro schwerer Investitionsplan vorgestellt: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/klima-nachhaltigkeit/300-milliarden-fuer-unabhaengigkeit-von-russischer-energie-18040556.html
  9. 9 Grundlagen und Beispiele für die Verbindung und Nutzung gemeinsamer Netze in Europa finden sich hier: https://energy.ec.europa.eu/topics/infrastructure/trans-european-networks-energy_de
  10. 10 Siehe dazu auch das BVG-Urteil zu einem Windenergie-Projekt in Mecklenburg-Vorpommern, das diesen Trend stützt: https://www.faz.net/aktuell/politik/windparks-verpflichtende-buergerbeteiligung-ist-verfassungsgemaess-18007008.html
  11. 11 Darunter sind grundsätzlich Stromlieferverträge zwischen Produzenten, Lieferanten und Endkunden über die Bereitstellung und Abnahme elektrischer Energie zu verstehen.

Autoren:

Mathias Christmann, Dr. Thomas Deser, Katja Filzek und Bastian Grudde

Stand: 07. Juni 2022

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