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These: Der Krieg beschleunigt den Ausbau der Kreislaufwirtschaft

  • Der Krieg in der Ukraine verschärft kurzfristig die Knappheiten von wichtigen Industriemetallen
  • Die EU ist generell bei vielen Metallen, die für die Energiewende nötig sind, von Importen abhängig
  • Vor dem Hintergrund steigenden Bedarfs und unsicherer Versorgung gewinnt Recycling an Bedeutung

Knappe Rohstoffe

Seit Ende März rollen im brandenburgischen Grünheide die ersten Teslas vom Band. Bei Vollauslastung der Gigafactory Berlin sollen es in Zukunft 500.000 E-Fahrzeuge pro Jahr sein. Bei der Eröffnung sagte Bundeskanzler Olaf Scholz, dass die Elektromobilität die „Mobilität der Zukunft“ prägen werden. Allerdings könnte der Mangel an Metallen wie Aluminium, Kupfer oder Nickel die Verkehrswende vorerst ausbremsen: Grund dafür sind die Knappheiten von für Elektrobatterien notwendigen Industriemetallen, die der Krieg in der Ukraine kurzfristig weiter verschärft. Denn Russland ist ein wichtiger Exporteur vor allem von Nickel, aber auch Aluminium oder Kupfer, wie Abbildung 1 zeigt.

Abbildung 1: Anteil ausgewählter Rohstoffe aus Russland an den EU- Gesamtimporten

Einfuhren aus Russland

Einfuhren aus Russland
Quelle: EU-Kommission

Generell ist die EU bei Metall-Rohstoffen in hohem Maße von Importen abhängig. Der Grad der Abhängigkeit ist zum Teil sehr hoch, er liegt beispielsweise im Fall von Magnesium oder auch Rhodium bei 100 Prozent. Auch bei anderen Metallen wie Platin oder Palladium importiert die EU fast den gesamten Bedarf, bei Aluminium oder Nickel sind es über die Hälfte (siehe Abbildung 2). Exporteure dieser Metalle sind – so wie auch Russland – oft autokratisch regierte Länder, in denen die Rohstoffe in vielen Fällen unter zumindest zweifelhaften Bedingungen für die Arbeiter abgebaut und produziert werden.

Abbildung 2: Anteil der Metallimporte am jährlichen Bedarf der Europäischen Union

Importabhängigkeit der EU

Abbildung 2: Anteil der Metallimporte am jährlichen Bedarf der Europäi-schen Union
Quelle: EU-Kommission

Metalle sind die wichtigste Voraussetzung für die Energiewende

Zugleich wird die EU in Zukunft deutlich höhere Mengen dieser Metalle benötigen – und das gilt in besonderem Maße für Deutschland, das schon heute zu den weltweit größten Verbrauchern und Importeuren beispielsweise von Nickel gehört. Denn diese Metalle stecken nicht nur in Elektrobatterien, sondern auch in Fotovoltaikanlagen oder Windrädern. Laut einer Studie der Katholischen Universität Leuven erfordert das Ziel der EU im Rahmen des Green Deals, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen, beispielsweise jährlich 800.000 Tonnen Lithium – diese Menge ist um den Faktor 35 höher als heute.1 Bei Nickel (+100 Prozent), Aluminium (+35 Prozent) und Kobalt (+330 Prozent) wie auch anderen Metallen und seltenen Erden werden die benötigen jährlichen Mengen der Studie zufolge stark zunehmen. Das Angebot kann mit der stark steigenden Nachfrage nicht Schritt halten, wenn die Investitionen in neue Produktionskapazitäten nicht deutlich erhöht werden.

Ohne Recycling geht es nicht

Vor dem Hintergrund steigenden Bedarfs und unsicherer Versorgung gewinnt Recycling an Bedeutung. Die Wiederverwertung ist bei vielen Industriemetallen möglich: Kupfer beispielsweise ist sehr langlebig, rund 80 Prozent des jemals geförderten Metalls werden heute immer noch verwendet. Metall-Recycling bringt weitere Vorteile mit sich: Zum einen liegt der Energiebedarf beim Recycling deutlich niedriger als bei der Primärerzeugung. Bei Stahlschrottrecycling wird beispielsweise 75 Prozent weniger Energie benötigt, bei Aluminium sind es sogar 95 Prozent. Die Wiederverwertung von Kupfer verbraucht nur etwa ein Sechstel der Energie, die für das Schmelzen aus Erzen erforderlich ist. Zum anderen ist auch der CO2-Ausstoß signifikant niedriger. Laut der bereits genannten Studie der Universität Leuven liegen die Einsparungen je nach Metall zwischen 35 und 95 Prozent.

Mengen reichen nicht aus

Allerdings sind die Wiederverwertungsquoten in der EU derzeit noch deutlich zu niedrig. Das liegt einerseits an den nicht ausgereiften Recyclingsystemen und fehlenden Kapazitäten – zum anderen aber auch schlicht daran, dass Metallschrott nicht in ausreichendem Maße verfügbar ist. Ein Grund dafür ist zum Beispiel, dass nicht genutzte Produkte von den Nutzern trotzdem sehr lange behalten und nicht sachgemäß entsorgt werden. Außerdem gelangen manche Produkte nicht in den Wiederverwertungskreislauf, sondern landen schlicht auf Deponien. In bestimmten Sektoren sind die Verwertungsquoten sogar noch niedriger als im Durchschnitt. Das gilt zum Beispiel für den Fahrzeugsektor, weil Altautos ins nicht-europäische Ausland exportiert werden, statt die Rohstoffe in der EU wiederzuverwerten.

Der Ausbau der Kreislaufwirtschaft muss sich beschleunigen

Vor diesem Hintergrund treibt die EU die Entwicklung einer Kreislaufwirtschaft voran. Im März 2020 hat sie den bereits zweiten EU-Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft verabschiedet, der neben Abfallwirtschaft und Recycling auch beim Design von Produkten für eine bessere Wiederverwendbarkeit ansetzt. Denn schon bei der Gestaltung des Produkts beginnt die Recycling-Lieferkette: Sie bestimmt die Rentabilität der metallurgischen Verarbeitung und die Qualität des letztendlichen Recyclingergebnisses.

Für die Zukunft sind weitere politische Maßnahmen und staatliche Investitionen sinnvoll. Dabei geht es darum, die Sammlungsinfrastruktur in der EU zu verbessern und bei den Bürgern das Bewusstsein zu stärken, nicht mehr genutzte Produkte sachgemäß zu entsorgen, damit sie wiederverwendet werden können. Zum anderen können höhere Subventionen für Unternehmen helfen, eine größere Menge von Metallen in der EU wiederzuverwerten. Auch Ausfuhrverbote von Altautos beziehungsweise Metallschrott könnten sinnvoll sein, um die Recyclingquoten in der EU erhöhen. Allerdings: Mehr Recycling allein wird das Rohstoff-Problem nicht lösen können. Die EU wird sich stärker auf den globalen Märkten engagieren und diese europäische Rohstoffeinkaufspolitik mit Entwicklungshilfe verbinden müssen, um beispielsweise China etwas entgegensetzen zu können.

Der Krieg in der Ukraine hat das Bewusstsein dafür geschärft, dass die EU bei knappen Rohstoffen in vielen Bereichen von problematischen Exportländern abhängig ist – und auch die Knappheiten selbst verschärft. Er wird deshalb die politischen Prozesse beschleunigen, den Ausbau einer Kreislaufwirtschaft voranzutreiben. Diese würde helfen, den wachsenden Bedarf an den für die Energiewende notwendigen Metallen besser zu decken. Zugleich würde sie die Abhängigkeit von kritischen Rohstofflieferanten verringern, womit auch Reputationsrisiken für die Unternehmen sinken würden. Profitieren würden von diesen Entwicklungen die Recycling-Unternehmen innerhalb der EU, weil sie ihre Wiederaufbereitungskapazitäten und damit ihr Geschäft ausweiten könnten.

Die wichtigste Voraussetzung für ertragreiche Recyclingprozesse ist allerdings eine ausreichend sichere, bezahlbare und vor allem klimaneutrale Verfügbarkeit von Energie. Deshalb können Energiewende und Kreislaufwirtschaft nicht getrennt voneinander funktionieren.

  1. 1 “Study quantifies metal supplies needed to reach EU’s climate neutrality goal”; 25.4.2022, Study quantifies metal supplies needed to re | EurekAlert!: https://www.eurekalert.org/news-releases/949848

Autoren:

Janina Bartkewitz, Katja Filzek, Christopher Krämer,  Angela Maria Quiroga Manrique und Dr. Martina Weber

Stand: 07. Juni 2022 

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