Japan: zwischen Auf- und Gegenwind

(Stand: 27. Januar 2017)
• Japans Aktienmärkte im Höhenflug
• Wachstumshoffnungen aus den USA unterstützen
• Gegenwind kommt von den Protektionismus-Bestrebungen Trumps
• Insbesondere japanische Autoindustrie könnte leiden
• Schwache Wirtschaftsleistung belastet nach wie vor
• Moderates Aufwärtspotenzial für japanische Aktien vorhanden

Der japanische Aktienindex befindet sich im Höhenflug: Am Donnerstag hat der Nikkei 225-Index die 19.000-Punkte-Marke überwunden und notiert aktuell bei circa 19.500 Punkten. Gute Handelsbilanzdaten haben die Börsen beflügelt, gleichzeitig unterstützten auch die Wachstumshoffnungen aus den USA. Doch mit Trumps Kündigung des Transpazifischen Freihandelsabkommens und seiner kürzlich laut gewordenen Kritik an Japans Autobranche gibt es neue Belastungsfaktoren für das Land, das sich seit Jahren in einem schwachem Wirtschaftswachstum befindet. Dagegen kämpft Premierminister Abe mit seinen „Abenomics“ bislang nahezu vergeblich an. Wie steht es um Japan? Geht die Rally bei japanischen Aktien noch weiter?

Japan hat 2016 erstmals seit sechs Jahren wieder einen Handelsbilanzüberschuss erwirtschaftet. Wie das Finanzministerium in Tokio mitteilte, belief sich der Überschuss auf 4,07 Billionen Yen, was etwa 33 Milliarden Euro entspricht. Zum Vergleich: Im Vorjahr wies Japan ein Defizit von 2,7 Billionen Yen aus. Das liegt unter anderem an einem Wandel in der Energiepolitik. Seit der Atomkatastrophe in Fukushima sind die meisten Kernkraftwerke abgeschaltet. Dies führt dazu, dass Japan mehr Energie ins Land einführen muss, was die Handelsbilanz in ein Defizit bringt. Dass die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt nun wieder einen Überschuss erzielt hat, ist darauf zurückzuführen, dass die Öl- und Gaseinfuhr im vergangenen Jahr deutlich günstiger war und eine Erholung der Exporte gegen Ende des Jahres stattfand.

Diese positiven Zahlen sorgten für Euphorie am japanischen Aktienmarkt – der Nikkei 225-Index gewann seit Dienstag 3,6 Prozent hinzu. Doch es läuft schon länger gut für die Börsen in Japan. Seit der Wahl Trumps haben sie 13,4 Prozent zugelegt. Da Japans Wirtschaft eng mit der USA verflochten ist, hat sie auch von der Reflationierungserwartung für die Vereinigten Staaten profitiert. Das vom neuen US-Präsidenten Donald Trump angekündigte Konjunkturpaket führte zu höheren Inflationserwartungen und demzufolge zu steigenden Zinsen. Japan wurde von dieser Euphorie mitgezogen. Außerdem profitieren die japanischen Unternehmen von der Aufwertung des US-Dollar bzw. dem demzufolge schwächeren Yen, was sich in den Gewinnen der laufenden Berichtssaison zeigen sollte. Die Gewinnrevisionen sind positiv und liegen auf einem vergleichsweise hohen Stand.

Die Situation bei den japanischen Banken hat sich durch die Maßnahmen der Bank of Japan etwas aufgehellt. Mit der Festsetzung der Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen bei null Prozent wollen die Währungshüter eine steilere Zinsstrukturkurve erreichen. Dies würde durch eine Ausweitung der Zinsmarge zu einer besseren Ertragssituation bei den Banken führen. Ihre Aktienkurse haben sich seit der Notenbankentscheidung leicht positiv entwickelt, die US-Wahl hat die Notierungen dann deutlich steigen lassen (Entwicklung des TOPIX Banks-Index seit US-Wahl bis dato: +27,6 Prozent).

Doch aus den Vereinigten Staaten kommt auch Gegenwind. Donald Trump macht Ernst und setzt statt Freihandel auf Protektionismus. Anfang der Woche erteilte er dem Transpazifischen Freihandelsabkommen TPP, das 2018 in Kraft treten sollte, eine Absage. Trumps Vorgänger Obama hatte in jahrelangen Verhandlungen das Abkommen von zwölf Ländern rund um den Pazifik ausgehandelt. Ratifiziert hatte es bisher aber nur Japan. Die TPP-Länder repräsentieren zusammen rund 40 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Der Freihandelspakt sieht vor, Standards in den Bereichen Umweltschutz, Arbeitnehmerrechte und Schutz für bestimmte Industrien zu vereinfachen. Japan hält nach Medienberichten trotz der Absage am Abkommen fest und hofft, die US-Regierung doch noch umzustimmen. Auch für die USA hätte das Abkommen einige Vorteile, beispielsweise die Öffnung des japanischen Agrarmarktes, bereit gehalten.

Außerdem könnten durch Trump auf die japanische Automobil- und Automobilzuliefererindustrie härtere Zeiten zukommen. Rund 21 Prozent von Japans Export entfallen auf diesen Sektor. Anfang Januar drohte Trump dem japanischen Automobilkonzern Toyota mit Importzöllen, sollte das Automobilunternehmen weiterhin in Mexiko produzieren und von dort die Fahrzeuge in die USA zu exportieren. In dieser Woche sprach er im Zusammenhang mit der japanischen Automobilindustrie von unfairen Handelspraktiken, die dazu führten, dass die USA keine Autos in Japan verkauften. Beispielsweise der US-Autobauer Ford hatte sich aus dem japanischen Markt zurückgezogen und den Misserfolg mit der Verschlossenheit des Marktes begründet. Die japanische Regierung machte Trump darauf aufmerksam, dass es keine Einfuhrzölle für US-amerikanische Autos gebe und auch sonst keine Vorschriften, die nicht auch für japanische Autos gelten würden. Aus dieser Diskussion erwächst die Sorge auf Seiten Japans, dass für die heimischen Autobauer der Marktzutritt in den USA erschwert werden könnte. An dieser Stelle ist aber festzuhalten, dass die Japaner bereits viele Fahrzeuge in den USA produzieren. Toyota beispielsweise produziert die Hälfte der 2,5 Millionen in den USA verkauften Autos auch in den USA. Die Produktion in den USA auszubauen gehört zu Japans langfristigem Plan, da das Land selbst aufgrund einer Überalterung auf ausgebildete Arbeiter im Ausland angewiesen ist.

Nach wie vor ist der Inselstaat von Deflation und schwacher Wirtschaftsleistung belastet. Die Regierung versucht unter dem Schlagwort „Abenomics“ mit einem schuldenfinanzierten Konjunkturprogramm, einer sehr expansiven Geldpolitik und Strukturreformen dagegen anzukommen. Die Verbraucherpreiszahlen von Dezember 2016 zeigen aber, dass die Preise (exkl. Nahrungsmittel) wieder gesunken sind, und zwar um 0,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Kerninflationsrate befindet sich damit aber immerhin auf dem höchsten Stand seit Februar 2016 – was wohl vor allem auf den erholten Ölpreis zurückzuführen ist – und lag auch über den Analystenerwartungen von -0,3 Prozent.

Ein großes Problem ist nach wie vor die demografische Entwicklung in Japan, denn die Gesellschaft ist überaltert, die erwerbsfähige Bevölkerungsgruppe schrumpft. Ältere Menschen sparen mehr und fragen weniger Güter nach, was schlecht für das Wirtschaftswachstum ist. Familiengründungen oder deutlich höhere Löhne wären Wachstumstreiber. Doch die Löhne steigen nur moderat, was die Zukunftsaussichten trübt. Das hält viele Menschen von einer Familiengründung ab. Zwar unternimmt Tokio einiges, um die Löhne anzuheben, doch noch stellt sich kein sichtbarer Erfolg ein. Zumindest hat es die Regierung geschafft, mehr Frauen ins Berufsleben zu bringen. Die Zahl der weiblichen Erwerbstätigen ist gestiegen, auch wenn sie im internationalen Vergleich immer noch gering ist.

Fazit

Ein gemischtes Bild in Japan: Trump sorgt für Auf- gleichzeitig aber auch für Gegenwind. Die positiven Aussichten für die US-Wirtschaft ziehen Japan ein Stück weit mit. Die Börsen zeigen sich euphorisch – allerdings ist mittlerweile schon viel eingepreist. Außerdem ist die positive Gewinnentwicklung bei japanischen Firmen vor allem auf Währungseffekte zurückzuführen. Nach wie vor wird Japan von seiner demografischen Struktur und demzufolge einem schwachen Konsum belastet. Darüber hinaus könnten in den nächsten Monaten Gegenwinde durch die Protektionismus-Bestrebungen Trumps vor allem für die Automobilindustrie aufkommen. Die Tatsache, dass Japan bereits einen großen Teil seiner Autos in den USA produziert, sorgt aber für etwas Entspannung. Welchen wirtschaftspolitischen Kurs Trump weiter einschlägt, ist unklar. Klar ist, dass es zu Überraschungen kommen wird, die auch auf Japan Auswirkungen haben. Zum Jahresende rechnen die Experten von Union Investment mit einem Stand des Nikkei 225-Indizes von 20.400 Punkten. Sie sehen also noch ein moderates Aufwärtspotenzial für japanische Aktien.